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Ganz normale Organisationen – Ganz normale Systemtheorie

Micha Brumlik hat auf taz.de Stefan KühlsGanz normale Organisationen“ vorgestellt. Kühl betrachte aus soziologischer Perspektive, wie der Holocaust zu erklären sei. Dabei untersucht er, wie Daniel Goldhagen und Christopher Browning zuvor, das Reserve-Polizeibataillon 101 aus Hamburg, dass an Massenerschießungen von mindestens 38.000 Juden beteiligt war.

„Kühl benennt auf Basis […] seiner beinahe lückenlosen Kenntnis der gesamten, jemals zum Thema Holocaust publizierten Forschungsliteratur sechs Mordmotive: unterschiedliche Formen der Identifikation mit dem Zweck der Organisation, tatsächlich erfahrener oder mindestens erwarteter Zwang, der Druck der Kameradschaft, Geld, die Attraktivität des Mordens durch Befriedigung sadistischer Gelüste sowie die indoktrinierte Entmenschlichung der Opfer und –schließlich – die „Generalisierung“ von Motiven.“ Quelle

Da in dem gesamten Artikel Harald Welzers „Täter“ nicht genannt wird, überrascht es auch nicht, dass Brumlik das Werk von Kühl „in der Sache bahnbrechend“ bezeichnet. Tatsächlich kann ich hier nichts bahnbrechendes entdecken. Vielmehr fällt diese individuelle Motivdarstellung weit hinter die Erkenntnisse der Sozialpsychologie zurück. Und so kann Kühl dann wohl auch schließen, dass die individuellen Motive gar nicht so wichtig seien, da die Organisationen das maßgebliche Phänomen darstellen.

„Allerdings: Gerade dadurch, dass die mörderische Organisation ihr Vorgehen von den Motiven ihrer Mitglieder trennt, dass sie gegen eventuell verbliebene Zweifel an der Rechtmäßigkeit individuellen Handelns „Indifferenzzonen“ etabliert, Handlungsfelder, die die Akteure glauben machen konnten, mindestens nichts Verbotenes, sondern auf jeden Fall noch Zulässiges zu tun, wird sie effektiv.“ Quelle

Ersetzt man nun Organisation durch Situation, kann man das alles bereits bei Welzer nachlesen. Was ist dann genau der Gewinn einer systemtheroetischen, organisationssoziologischen Perspektive?

„Denn: „Organisationen, die“, so Kühl gewollt provokativ, „sich auf Foltern und Töten spezialisieren, funktionieren nicht grundsätzlich anders als Organisationen, die Kranke pflegen, für Eiscreme werben, Schüler unterrichten oder Autos bauen.

Die besorgniserregende Erkenntnis lautet, dass nicht nur die Mitglieder in auf Massentötungen spezialisierten Organisationen häufig ganz normale Menschen sind, sondern dass auch die Organisationen, über die Massentötungen geplant und durchgeführt werden, Merkmale ganz normaler Organisationen aufweisen.“ Quelle

Das ist interessant. Denn auch diese Conclusio findet sich bereits bei Welzer. Nur wird bei Welzer nicht entfremdet von Organisationen gesprochen, sondern Menschen bilden den Mittelpunkt der Argumentation. Dass Menschen Organisationen bilden, ist nicht gerade eine zusätzliche Erkenntnis. Und dass Organisationen sich über den Zusammenschluss von Menschen mit gemeinsamem Interesse definieren, hat auch keinen zusätzlichen Erklärungswert. Die Herangehensweise von Welzer umschließt bereits mit der Situation Menschen mit ihren jeweils mehr oder weniger individuellen Motiven, Gruppenprozesse und selbstverständlich auch den spezifischen Organisationsgraden und -formen.

Kühl hatte bereits 2005 in der Zeitschrift für Soziologie seine Thesen zu „Ganz normalen Organisationen“ (PDF) ausgeführt. Diesen hatte Thomas Klatetzki ebenfalls in der Zeitschrift für Soziologie (ZfS), für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung überraschend vehement, widersprochen: „Keine ganz normalen Organisationen“ (PDF).

Bevor man sich also überlegt, ob man sich das Buch anschaffen soll, empfiehlt es sich die beiden Beiträge der ZfS zu lesen. Zusätzlich wird noch vom Verlag ein Teil der Einleitung als Leseprobe zur Verfügung gestellt. Und wem das immer noch nicht genügt für oder gegen die Kaufentscheidung kann noch auf ein Working Paper von Kühl zurückgreifen: „Zur Rolle der „ganz normalen Organisationen“ im Holocaust. Vorüberlegungen zu einem Buchprojekt.“

„Ausgangspunkt dieser These von den „ganz normalen Organisationen“ ist die Beobachtung, dass weit mehr als 99% aller Tötungen von Juden durch Mitglieder von staatlichen Organisationen durchgeführt wurden.“ Quelle

Tatsächlich wurden sogar 100 % aller Tötungen von Menschen durchgeführt. Irgendwie erscheint mir die Syntheseebene von Welzer „ganz normale Menschen“ plausibler.

Nichts desto trotz, wer eine Bestandsbibliothek pflegt, wer sich mit dem Nationalsozialismus, der Shoa oder massenhaftem Töten beschäftigt, kommt um eine Anschaffung eh nicht herum. Und 16 Euro, das muss angesichts der Preise von Springer gesagt werden, sind im Bereich wissenschaftlicher Literatur selten günstig.

 

 

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