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Der „Suicide Letter“ des FBI an Martin Luther King

In einem demokratischen Rechtsstaat muss sich niemand Sorgen machen, dass Geheimdienste und Sicherheitsbehörden willkürlich, illegal oder gar ideologisch motiviert gegen unbescholtene Bürger vorgehen. So zumindest das offizielle Narrativ. Angesichts der unzähligen Skandale im Umfeld von Geheimdiensten und Polizeibehörden muss man dieses Narrativ aber ins Reich der Mythen verorten.

Im gesellschaftlichen Diskurs ist es kompliziert, die nötigen Fakten immer parat zu haben. Längst ist bekannt, dass anglo-amerikanische Geheimdienste Einheiten unterhalten, deren Aufgabe es ist den sozialen Tod von Feinden herbeizumanipulieren. Mit sozialem Tod ist die Zerstörung der Reputation eines Menschen gemeint. Es sind zu viele Informationen über Geheimoperationen und Dreckige Methoden, die zur Anwendung kommen. Zumal immer auch der Einwand genannt wird, es handele sich ausschließlich um Maßnahmen gegen Terroristen und schwerste Kriminalität.

Solch ein Einwand ist entweder Geschichtsvergessen, zeugt von Unwissen oder ist selbst ideologisch motiviert und soll desinformieren. Ich habe an anderer Stelle bereits auf das Vorgehen amerikanischer Dienste in der Vergangenheit hingewiesen:

„Während der Operation CHAOS überwachte die CIA über 300.000 Kriegsgegner und die NSA führte eine Watchlist, auf der zehntausende Namen von Bürgern standen, die aufgrund ihrer Position und Einstellung gegenüber dem Vietnamkrieg die „nationale Sicherheit gefährden“ würden. Gleichzeitig lief das COINTELPRO des FBI. Das COunter INTELligence PROgram beinhaltete verdeckte Ermittlungen, Agent Provocateurs, Sabotage, Psychoterror, Denunziation, Fälschung von Beweisen, Einbrüche, Vandalismus, Körperverletzung bis hin zu Mord. Alles unter dem Deckmantel der Notwendigkeit der Abwehr von sowjetischen Agenten und zum Erhalt der Nationalen Sicherheit.“ Quelle

Nun hat die New York Times einen unzensierten Brief des FBI an Martin Luther King veröffentlicht. Dieser Brief sollte Teil des Schulunterrichts in einer demokratischen Gesellschaft werden. Dient er doch zugleich als Symbol und Argumentationshilfe elementare Kritik für ein rechtsstaatliches und demokratisches Gemeinwesen bereit zu halten.

Denn das FBI reagierte auf Kings weltberühmter „I Have a Dream“ Rede von 1963 mit folgender Einschätzung:

“We must mark him now, if we have not done so before, as the most dangerous Negro of the future in this Nation from the standpoint of communism, the Negro and national security.” Quelle

Martin Luther King wurde jahrelang weitgehend überwacht. Damit nicht genug, sollte er ganz im Geiste von CHAOS und COINTELPRO zerstört werden. Der Brief, den nun die New York Times veröffentlicht hat, ist ein Zeugnis dafür, wie weit Sicherheitsbehörden bereit sind zu gehen. Das Einstehen für Grundrechte kann bereits genügen, um von bestimmten Diensten als Feind wahrgenommen zu werden.

Der Brief, der King in den Selbstmord treiben sollte, bzw. als deutliche Drohung zu verstehen ist, dass es Menschen gibt, die ihn als bald tot sehen wollen, steht als Symbol für einen Geheimdienstapparat und Polizeistaat, die gewillt sind, ihre Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Dabei sind es angeblich genau jene Institutionen, die vor Gewaltherrschaft schützen sollen.

Der Brief endet mit der „Erpressung“:

“King, there is only one thing left for you to do. You know what it is. You have just 34 days in which to do it (this exact number has been selected for a specific reason, it has definite practical significance). You are done. There is but one way out for you. You better take it before your filthy, abnormal fraudulent self is bared to the nation.”

In Anbetracht dessen, dass King 1968 ermordet wurde, sind solche Drohungen besonders frappant. Alexandra Bader von ceiberweiber.at macht in ihrem hervorragenden Artikel auf eine weitere Lesart aufmerksam:

„Nach einer Untersuchung 1999, bei der 70 Zeugen angehört wurden, sagte Coretta Scott King: ‘There is abundant evidence of a major high level conspiracy in the assassination of my husband, Martin Luther King, Jr. And the civil court’s unanimous verdict has validated our belief. I wholeheartedly applaud the verdict of the jury and I feel that justice has been well served in their deliberations. This verdict is not only a great victory for my family, but also a great victory for America. It is a great victory for truth itself.’“ Quelle

Das Gegenwärtige wird als das zu Beschützende konserviert.

Es ist wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass die FBI Beamten mit bestem Wissen und Gewissen die USA schützen wollten. Es handelt sich keineswegs um Irrläufer oder „böse“ Menschen. Auch das Verhalten der FBI Beamten darauf zu reduzieren, dass es Zeiten der Rassentrennung und des offenen Rassismus waren und diese ja nun lange überwunden seien, würde nur vom Kern des Problems ablenken. Denn tatsächlich handelt es sich um logische, gar notwendige Konsequenzen einer bestimmten Weltwahrnehmung. Hier offenbart sich ein totalitäres Weltbild. Es ist der Totalitarismus des Sicherheitsdenkens. Alles wird ausnahmslos in Kategorien von Gefahr, Bedrohung und Sicherheit wahrgenommen. Dabei wird das Gegenwärtige als das zu Beschützende konserviert. Gesellschaftliche Entwicklungen im Sinne zunehmender Demokratisierung und Humanisierung werden so behindert oder gar verhindert, wie sich am Beispiel der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA deutlich zeigt. Was als Terrorismus definiert wird, entscheiden die Sicherheitsbehörden selber. Aus solch totalitärer Perspektive können Menschenrechte als Bedrohung der nationalen Sicherheit wahrgenommen werden.

 

 

Weiterführend: Alexandra Bader: Wie das FBI Martin Luther King bedrohte auf CeiberWeiber

 

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