Gesellschaft
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Filmempfehlung Staatsdiener

Es gibt sie noch. Gute Dokumentarfilme. Während das klassische Fernsehen überschwemmt wurde von Infotainment, scripted reality oder reenactment, finden sich im Kino noch echte Dokumentarfilmperlen. Keine Musikbegleitung, keine Kommentare, lediglich die Protagonisten unterhalten sich untereinander. Es wird auch nicht in die Kamera geredet. So sollten Dokumentationen viel öfter sein. Unaufgeregt, nah am Geschehen aber mit respektvoller Distanz zu den Personen und zum Gezeigten. Kein Voyeurismus bei Opfer- oder Gewaltszenen.

Die Dokumentation Staatsdiener möchte tatsächlich informieren. Sie zeigt das „erste Jahr von Studierenden an der Polizeischule in Sachsen-Anhalt“. Die Hauptdarsteller sind „junge Menschen, die lernen müssen, sich für Recht und Gesetz einzusetzen – und manchmal auch an ihrer neuen Rolle scheitern, wenn sie mit der harten Realität auf der Straße in Berührung kommen.“

Und so ist die Dokumentation auch zweigeteilt. Im ersten Teil steht die schulische Ausbildung im Mittelpunkt. Der Stress der Polizeischülerinnen und -schüler ist dabei geradezu zu spüren.Bei Rollenspielen sollen sie auf erwartbare Situationen möglichst realitätsnah vorbereitet werden. Und hier entfaltet Staatsdiener seine volle Wirkung. Die Rollenspiele im schrumpfenden Sachsen-Anhalt zielen auf Dynamiken ab, die vor allem prekäre Menschen betreffen. Die Abgehängten und Ausgegrenzten der Gesellschaft flüchten sich in den Alkoholrausch, was immer wieder zu Alkohol indizierten Gewalttaten führt. Oder im einfachsten Falle lediglich zu Ruhestörungen. Doch wann eskaliert eine Situation und wann reichen freundliche Ansprachen?

© Zorro Film (24 Bilder)

© Zorro Film (24 Bilder) | Warum man in Sachsen-Anhalt allerdings noch einen Schilderwall trainiert, wissen wohl nur die Verantwortlichen vor Ort. Die spinnen, die Römer.

Die Kamera ist so nah dran wie es in den Situationen überhaupt nur möglich ist. Der Stress und  die häufig ambivalenten Gefühle übertragen sich dadurch auf den Zuschauer. Mehr kann eine Dokumentation kaum leisten.

Im Zentrum des Films steht Kathrin Cruz. Eine vermutlich nicht ganz zufällig ausgewählte Polizeischülerin mit einem hohen kritischen Selbstreflexionsgrad, der wohl nicht ganz typisch sein dürfte. Das schadet dem Film allerdings nicht. Ganz im Gegenteil erhöht es letztlich die Identifikationbsbereitschaft im Publikum. Zumal die Rolle der Bereitschaftspolizei von Cruz recht offen und ehrlich reflektiert wird.

© Zorro Film (24 Bilder)

© Zorro Film (24 Bilder) | Polizeischülerin Kathrin Cruz

Der zweite Teil der Dokumentation beschäftigt sich dann auch mit dem Einsatzspektrum der Polizeischüler. So z.B. als Einsatzhundertschaft der Bereitschaftspolizei bei Fußballspielen. Eine der stärksten Szenen der Dokumentation ist dann auch der kritische Austausch der Polizeischüler bei der privaten Einsatznachbesprechung nach einem Zusammentreffen mit Hooligans.

Gleichzeitig ist es aber auch dieser Bereich der zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Das Thema Gewalt durch Polizisten wird nur gestreift. Dabei sind es gerade die Bereitschaftspolizeien und darunter die BFEs, die nicht unberechtigt immer wieder in Zusammenhang mit eigener hoher Gewaltaffinität gebracht werden. Wenigstens wird aber der paramilitärische Anteil der Ausbildung in der Bereitschaftspolizei zumindest ansatzweise gezeigt.

Staatsdiener ist eine absolut empfehlenswerte Dokumentation, die diesen Namen auch verdient hat. Dabei sind es gar nicht mal nur die Polizeischülerinnen und -schüler die die Dokumentation so sehenswert machen. Es sind auch die trostlosen Situationen, die Brutalität des Alltages ohne damit nur Gewalt zu meinen, die geradezu einen erschütternden Alltag im reichen Deutschland zeigen.

„Die Polizisten sind häufig eher Sozialarbeiter als Verbrecherjäger. Sie sind auch ganz oft die Einzigen, die überhaupt noch in bestimmte Wohnungen kommen und mit den Menschen sprechen.“Marie Wilke, Regisseurin

In Zeiten in denen Polizistinnen und Polizisten wieder zunehmend zum Ziel werden, weil sie als Repräsentanten des „Schweinesystems“ oder als legitimes Ziel der Staatsmacht, von allen möglichen politischen wie schlichtweg nur randalierenden Akteuren, ausgemacht werden, ist die Dokumentation auch ein wichtiges Zeichen: hier sind Menschen. Mit ihrem Können und ihren Fehlern, mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten. Menschen mit Gefühlen.

 

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