Es ist alles so irrelevant geworden
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Am Giftbrunnen der Tränen

Wut ist ein hochkonzentrierter, aber auch unkoordinierter Affekt. Weil kurzfristig darin alles zusammenfällt und sich überdies auch zuspitzt, stellt es ein Überlebensequipment von besonderer Gefährlichkeit dar. Ähnlich diesen äußerst beliebten Anzündflüssigkeiten, die zum Gelingen des familiären Grillfestes beitragen sollen, bei unsachgemäßen Gebrauch jedoch statt Sippenfrieden und Essensbefriedigung ein Flammenmeer mit Schwerverletzen hinterlassen und ganze Existenzen beschädigen.

Diese naturgemäße Schwierigkeit in der Handhabung wurde vor kurzem auch zur systematischen Herabwürdigung und öffentlichen Demontage dessen herangezogen, was wenigstens zum Teil durchaus passend und andockend an verschiedene Sozialbewegungen der Vergangenheit mit der Begrifflichkeit „Wutbürger“ kodiert wurde. Ein Vorgang, der anzeigt, wie effektiv das Immunsystem einer bislang weitgehend seelenblinden Gesellschaft weiterhin funktioniert. Die es hervorbringenden bürgerlichen Prioritäten räumen daher Phänomenen wie Wutlehrgänge und einem Wutführerschein keine Chancen ein, sodass auch weiterhin kein reflektierter Umgang der Massen mit Wutdurchbrüchen praktiziert wird. Das kann man entweder als eine weitere Episode in einer beschämenden Kaskade verpasster Gelegenheiten für höhere Zivilisierung oder als die ablenkungsfreie Konzentration auf Wesentliches interpretieren. Den Sensibleren unter uns werden diese Versäumnisse Angst machen, insbesondere weil sich Anlässe zum Auskosten der mächtigen Wutenergie schlichtweg pausenlos aufdrängen…

Der Mix der Gewohnheiten im Alltag hat sich in den letzten Jahren durchschlagend gewandelt. Früher waren es größtenteils das Radio und die abonnierte Zeitung, die uns gleich am Morgen mit der Welt verdrahteten, heute überfliegt man zum gleichen Zweck spielerisch die Nachrichtentexte der Netzmedien und fixiert den Bilderorkan auf den Tablets und Smartphonebildschirmen. Gleich wie die eigene Meinung hierzu auch ist, die neuen Gewohnheiten des Infokonsums schlagen ihre Wurzeln im Habitus. Und weil dies so ist, ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass die hauptverantwortliche Lektorin für Soziologie bei Springer VS, der Hausmeister am Institut für Kernphysik einer der vielen Technischen Universitäten, meine Wenigkeit oder die italienische Kochhilfe an einem der mit kulinarischen Köstlichkeiten lockenden Marktstände in der einen oder andere Stadt am dritten September gleich zu Tagesbeginn mit dem eigenen Tränenfilm oder Ekel konfrontiert wurden.

An jenem Tag war nämlich dem empathischen Voyeurismus ausgiebig gehuldigt worden, indem man den Leichnam eines ertrunkenen Flüchtlingskindes an einem türkischen Strand zu einem nachrichtlichen Europaereignis emporhob. Da seit Jahrhunderten Katastrophenmeldungen Erfahrungswerte dazu anbieten wie langfristig Gefühlzustände um Ungläubigkeit und Empörung abgeerntet werden können, wurde in diesem Fall besonders bedenkenlos auf Ergriffenheit gesetzt und die Medienmaschinerie konnte noch am Folge- und übernächsten Tag von diesen Presseverwertbarem Stück Flüchtlingselend bestens profitiert. Wiedermal demonstriert der Tod wie kameragerecht er sich geben kann und als Leere ausfüllender Unterhalter sowie Arbeitgeber unabdingbar ist. Denn die Telefone glühten am besagten Tag zweifellos, Redakteure hatten viel zu recherchieren, Praktikanten fügten Textbausteine aneinander, die Kamerateams reisten und filmten und die gut angezogenen Nachrichtensprecher durften das Zusammengetragene in Häppchenform wieder und wieder preisgeben. Wer sich noch traut den Fernseher einzuschalten und Zeitungen zu lesen, dem waren die unmittelbaren Stationen der obligatorischen Medienprozession in entsprechenden Fällen wohlvertraut. Die Welt offerierte einen ersten Artikel mit Namen, der Spiegel legte nach indem er weitere Eckdaten veröffentlichte, die Tagesschau wird vielleicht ihren monströsen Hintergrundbildschirm mit entsprechendem Bildmaterial füllen, Interviews kredenzen und auf Neuigkeiten bei den später im Programm auftretenden Kollegen verweisen. Im Großen und Ganzen war es eine groteske Leichenfledderei, die die Meinungsmacht Bild stellvertretend für Andere auf ihre eigene Art legitimierte, indem sie sich als moralisches Sprachrohr der Nation stilisierend einen pastoralen Empörungsschrei auf schwarzen Hintergrund unter dem Bild des Jungen postete. Anklage und Beichte und handlungsbefähigende Gebote monolithisch vereint.

„[…] Europa, dieser unermesslich reiche Kontinent, macht sich schuldig, wenn wir weiter zulassen, dass Kinder an unseren Küsten ertrinken. Wir haben zu viele Schiffe, zu viele Hubschrauber, zu viele Aufklärungsflugzeuge, um dieser Katastrophe weiter zuzusehen […].“

In diesem Gauckschen Moment der erleuchtenden Verkündigung mutete ein Gefühl des Angewidertseins irgendwie absurd deplatziert. Schien eher auf die fehlerhafte Verschaltung in einem selbst und damit falsche Empfindung zu verweisen. So zumindest insistierte mein Schutzreflex, ein Schutzengel sondergleichen, stets darauf bedacht, dass das ewig fröstelnde Einzelselbst sich nicht zu weit von der wärmespendenden Masse entfernt, bevor er in Zwiespalt abstürzte.

Dabei habe ich nichts gegen das Drastische und Unverstellte; nichts einzuwenden gegen Magenverdrehende Präsentation von schockierenden Bildern aus einer grausamen Welt. Ähnlich dem durchaus nachvollziehbaren Wunsch mancher Eltern, in ihrer Verzweiflung oder am Rande ihrer Kräfte den Nachwuchs heftig zu schütteln oder anzuschreien, damit dieser endlich aufhören zu lärmen oder Bitten sowie Befehlen folgt, existiert angesichts der anzutreffenden Gewaltverhältnisse und Gerechtigkeitsdefizite auch gesellschaftlich durchaus der Wunsch, endlich die allgemeine Untätigkeit anzugehen und Verhältnisse rabiat und durchschlagen umzukrempeln.

Die Strategie der Verstörung und Illusionsberaubung

Eines der favorisierten Mittel wird im Angriff auf das vom Dämmerschlaf stets bedrohte Gewissen und die vom Konsumhandeln anästhesierte Empfindungsbereitschaften gesehen und mittels Bilderstrecken von Blutflüssen, zerschundenen Körpern, aufgesprengten Köpfen und Brandfleisch, also den ewigen Begleitern von Feindseligkeit, Terror und Krieg durchgeführt. Es ist eine Art vulgär-brachialer Ansprache, die zumeist von Kriegsreportern und radikaleren Menschenrechtlern vorgenommen wird und daumendrückend auf das in der Empathie eingewebte Realitätsprinzip bei den Einzelnen setzt. Der deutsch-jüdische Sozialpsychologe Erich Fromm hat, wenn meine Erinnerung nicht trügt, zuweilen vom biologischen Gewissen gesprochen. Wenn er die angeborene Fähigkeit meinte, in den anderen hinauszugreifen und im Mitfühlen eine Richtungsabwägung zwischen Falsch und Richtig vornehmen zu können, wird er wohl auf dem richtigen Pfad gewesen sein.

Die Strategie der Verstörung und Illusionsberaubung hatte mal Hochkonjunktur. Eine Reihe tief im kollektiven Gedächtnis eingelagerter Bilder gibt darüber Zeugnis. Sie alle bezogen ihre energetische Sprengkraft nicht nur aus dem Ekel der Konfrontation, den die Bildkompositionen auszulösen vermochten, sondern auch der Glaub- und Aufrichtigkeit der wagemutigen, seelisch nicht gänzlich entstellten Lieferanten. Mit der strengen Zensur heutiger Tage, der Einbettung des Journalistischen, ist Krieg aber zu einem grafisch schlechtgestellten Videospiel mit FSK ab 6 geworden und die Ökonomie der Aufmerksamkeit bevorzugt die Berichterstattung über Ausscheidungen von Musikern, Babyfotos sowie Drogeneskapaden eitler Prominenter oder halbinszenierte Tischgespräche zusammengewürfelter Wohngruppen, sodass authentische Gewaltrealitäten eine mediale Rarität bilden.

Wenn die fotographisch eingefangene Schande von Bodrum wirklich einen Anstoß zur Reflexion, selbstprüfenden Tränenfilm, Anstand und gar Reue bilden sollte, statt bloß ein beliebiges, gerade sich anbietendes Nachrichtenpartikel zu sein, gäbe es dies Bild höchstwahrscheinlich gar nicht. Längst hätten wir nämlich entgeistert die Beisetzungszeremonien der faktisch ungezählten Ertrunkenen und Angeschwemmten im Schlussteil der abendlichen Nachrichtensendungen übertragen. Längst würden wir uns an den Nahaufnahme der auf der Überfahrt Verdursteten und Zusammengequetschten vergiften, durch Blicke in die Internierungslager uns um den Schlaf rauben und aufgeschreckt und stinkend vom Schweiß der Stressfall womöglich, oder hoffentlich, einen anderen Modus der Kontaktaufnahme mit der Welt praktizieren. Es wäre ein „Shock and Awe“ mit humanistischen Hintergrund und ehrlichen Intentionen.

Ein humanistisches Shock and Awe mit ehrlichen Intentionen

Stattdessen präsentieren wir einen ausgesuchten Toten, einen Premiumleichnam, und bluffen uns wieder die Weltempfindung nach Tageslaune und Momentaninteressen zu Recht. So ist jedes Titelbild und jede Schlagzeile in diesem Zusammenhang im Grunde bloß ein simulierter Vorwurf, Zeugnis einer profitablen Augenblicksrechtschafferei, ein wahrhaft bewundernswertes Machwerk im Sinne eines weiteren klugen Gags wie man ihn von professionellen Magiern kennt. Der sanfte Thrill des Schocks, wenn man den Tod in seinem Alltag begegnet, verwandelt sich nach etwas Aufregung still in ein gegenseitiges, selbstvergewisserndes Schulterklopfen einer anonymen Millionenmasse unter Anleitung der Dompteure der Massenkommunikation. Es sind auch edle Bekundungen, die dann zu hören sind: Wir wissen was los ist, wir begegnen dem Schicksal der Schwächsten nicht reaktionslos, es gibt keine Monstren unter uns, wir verfügen über Empfindsamkeit und haben uns trotz des erschöpfenden Alltags mit den Elementen Urlaubsstress, Konsumreizen, Arbeitsauslastung, Beziehungsanbahnungen etc. die Fähigkeit zur moralischen Standfestigkeit und Empörungsbereitschaft bewahrt.

In Zukunft werden wir diese Mittel der gespielten Irritation und instrumentalisierbaren Ne­k­rop­sie wahrscheinlich öfter vorgesetzt bekommen. Die Grenzen des Anstandes sind höchst fragil und stehen desto mehr unter Druck, je unübersichtlicher die Gesamtsituation wird. Schließlich sind die Lenkungs- und Funktionseliten verpflichtet, die richtige Perspektive auf das Ganze zu offerieren und den Kompass der allgemeinen Einstellungen und Strebungen auszurichten. Vor nicht allzu langer Zeit wurde mit dem fürchterlichen Bild des zerschundenen Gaddafi Leichnams die neue moralische Ästhetik der nützlichen voyeuristischen Intensität eingeläutet (fand ich zumindest!) und man weiß ja um das legitimierende Argument Böses vorzuführen und der Lächerlichkeit zum Zweck der Entgiftung preiszugeben.

Das Ausschlachten des besagten Bildes von Bodrum ist aber auch eine Wiederlegung der nicht unpopulären These vom sich ankündigenden Niedergang des Kapitalismus. Dieser mag faktisch angeschlagen sein, das Blut der Geschundenen und Verlierer mag in den heutigen Mengen viele Menschen gerade hierzulande ernsthaft verstören, sie entrüsten, sie zum Abwenden und sogar kritischen Protest bewegen, doch anderseits zeigt sich an diesem Fall auch die stählerne Physis des „Kapitalismus“ im Sinne des Überlebenswillen der Verwertungsmaxime. Es wird auf wohl dosierten, letztlich ungefährlichen Ekel gesetzt und so mancher Kioskbesitzer wird allmählich mit der Idee ringen, ob der Verkauf von Tränenflüssigkeit nicht ein einträgliches Zusatzgeschäft darstellen könnte. Schließlich gibt es ein allgemeines Bedürfnis den Anschein von Menschlichkeit zu bewahren, was nicht nur Spendengalas die Existenz sichert.

Ein Gutes hat das allgemeine Flüchtlingschaos in dessen Rahmen sich die täglichen Tragödien wie diejenige von Bodrum abspielen aber doch. Für einen Schlag von Menschen ergibt sich eine weitere günstige Gelegenheit, nochmals etwas tiefer ins Verborgene zu treten, wobei sie auf dem Radar der Gesellschaft ohnehin einzig schemenhaft vorzukommen scheinen. Die Rede ist von den in Tarnfarben ihres Vermögens gehüllten Reichen. Die Kameras sind in dem Deutschlandhellen Berlin oder dem Deutschlanddunklen Sachsen, die Mikrophone und Rechercheteams in Athen, Kos, Lampedusa, Traiskirchen, Röszke oder wie all diese neubedeutenden Orte auch heißen mögen. Und so ist diese Randnotiz schon bei ihrem Erscheinen eher ein Meldungsfetzen:

Insgesamt war das vergangene Jahr für den Club der 500 Reichsten (Deutschen) extrem erfolgreich. Ihr Vermögen wuchs um 12,6 Prozent auf zusammengerechnet 665 Milliarden Euro. Damit haben sie sich vom globalen Wohlstandskuchen deutlich mehr abgeschnitten als der große Rest. 2014 legte die globale Wirtschaftsleistung um lediglich 3,4 Prozent zu. Quelle

 

 

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