Gesellschaft
Schreibe einen Kommentar

Den Sexismus kann man nicht ausweisen

Empörung allerorten. Die sexistische Gewalt an Silvester vor dem Kölner Hauptbahnhof einigt Rassisten und Gutmenschen in ihrer blinden, offenen oder verdeckten Feindlichkeit gegenüber Menschen aus Nordafrika und Arabien und, projektionsartig, von anderswo. Das, was diese geheime nationale Einheitsfront verbindet, ist eine geradezu verbohrte Anerkennung (Affirmation) unserer im Kern menschenfeindlichen gesellschaftlichen Konstitution, in deren Entstehung und Entwicklung Ausbrüche ihrer Normalität, wie die in Köln, an der Tagesordnung waren und sind. Ganz unabhängig von kulturellen Differenzen. So auch z.B. jedes Jahr auf dem Oktoberfest in München. Dort wird alljährlich jeden Tag nach amtlicher Statistik eine Frau vergewaltigt. Und die Dunkelziffer ist hoch.

„Sexuelle Übergriffe gehören dort zum Alltag. Rund zehn Vergewaltigungen pro Oktoberfest gehen in die Statistik ein – die Dunkelziffer wird auf 200 geschätzt.“ Quelle taz v. 12.9.2009 [Zugriff am 6.1.2016]

Und auch nicht nur in Deutschland: Jede dritte Frau in der Europäischen Union ist einer Studie zufolge seit ihrer Jugend Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt geworden. Das berichtete die EU-Grundrechte-Agentur (FRA) auf Basis einer Erhebung aus dem Jahre 2014. Betroffen sind demnach etwa 62 Millionen Frauen. Fünf Prozent von ihnen seien vergewaltigt worden. 22 Prozent aller Befragten gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den eigenen Partner erfahren zu haben. Zu körperlicher Gewalt zählt die Studie etwa, wenn Frauen geschlagen, an den Haaren gezogen, geschubst oder mit harten Objekten angegriffen werden. 67 % meldeten die schwerwiegendsten Gewaltvorfälle innerhalb einer Partnerschaft nicht der Polizei oder einer anderen Organisation.

Zum Weiterlesen:

Gewalt gegen Frauen: sie passiert täglich und in allen Kontexten | von der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte

Es reicht nicht, wenn das Opfer „Nein“ sagt | Hintergund von tagesschau.de

Sexismus ist grundsätzlich nicht von kulturellen Differenzen bestimmt. Er gehört vielmehr, wie der Rassismus und Antisemitismus (vgl. folgende Box), zur ideologischen „Grundausstattung“ unserer Gesellschaftsform und ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Strukturprinzips.

Das Ausmaß von Rassismus und Antisemitismus als ideologische Verarbeitungsformen der permanenten und sich zuspitzenden gesellschaftlichen Widersprüche veranschaulicht die sog. „Heitmeyer-Studie“ aus dem Jahre 2009, welche konstatiert, dass JedeR zweite EuropäerIn aus diesen Ländern den Aussagen «Es gibt zu viele Einwanderer» und «Der Islam ist eine Religion der Intoleranz» zu[stimmt]. 43 Prozent der Befragten halten Homosexualität für unmoralisch, fast ein Drittel geht von einer «natürlichen Hierarchie zwischen schwarzen und weißen Menschen» aus, ein Viertel unterstellt, dass «Juden zu viel Einfluss» haben.“   Quelle taz

Unauflöslich verknüpft mit den Formen der abstrakten Arbeit, des Werts und des Geldes besteht dieses Prinzip in einer für die warenproduzierende Gesellschaft grundlegenden Zuweisung nicht verwertbarer aber für das Überleben der Gesellschaft unverzichtbarer Tätigkeiten an die Frau (Abspaltung). Damit einher geht eine Naturalisierung und Sexualisierung des Weiblichen, aller abstrakten rechtlichen Gleichstellung in den Kernstaaten der Moderne zum Trotz.

Die verschiedenen Facetten der barbarischen Ideologien des Sexismus und des Rassismus vor dem Hintergrund der sich wellenförmig und allmählich zum Tsunami entwickelnden Krise der globalen warenproduzierenden Gesellschaft kamen in Köln wie in einem Brennglas zusammen.

Die offenen, bewussten Rassisten fühlen sich in ihrer Menschenfeindlichkeit und ihren mörderischen Gedanken und Gewalttaten bestätigt.

Die versteckten, unbewussten Rassisten appellieren an Staat und Polizei, die westlichen Werte zu verteidigen und drohen mit Entzug der „Gastfreundschaft“.

Und das Kollektiv der alkoholisierten, sexuelle Gewalt ausübenden Männer stellt nichts anderes dar, als eine Zuspitzung von etwas, was als Verwilderung des Patriarchats (Roswitha Scholz) bezeichnet werden kann.

Latent spürbar ist dabei stets die nackte Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Absturz in einer ökonomisch, politisch und sozial sukzessive zerfallenden Weltgesellschaft. Die Täter von Köln sind schon längst abgestürzt, schon, als sie geboren wurden. Im Subtext der Medien und der „Volksmeinung“ wird ihnen in der Konsequenz das sogenannte Menschenrecht abgesprochen. „Ausweisen“ ist der letzte Sch(l)uss der Demokraten. Das Konstrukt der Menschenrechte, entstanden in der Zeit der „Aufklärung“, beruht auf der unausgesprochenen Grundbedingung, dass ein Menschenrecht nur der Mensch haben kann, der etwas hat und nützlich ist. Ist die Verwertbarkeit auf dem Markt nicht möglich ist man nichts wert und muss auf die soziale Sicherung und den aktivierenden Staat hoffen. In der zerfallenden Peripherie hofft man darauf schon lange nicht mehr. Die Zeit der nationalrevolutionären und staatskapitalistischen Anerkennungsbewegungen ist zusammen mit der Sowjetunion 1990 untergegangen. Und in den Ursprungs- und Kernstaaten der warenproduzierenden Gesellschaft ist das schon seit langem auch nicht mehr garantiert. Dies galt dort nur und stets gebrochen in den ersten zwei bis drei Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg.

Die Menschen der Peripherie, in den Banlieues („Bannmeilen“) von Paris, in den Ghettos aller Metropolen, auf der Flucht und anderswo, die dazu noch in der Lage sind, klagen somit etwas ein, was die Ursache für ihre Lage mit einschließt: Teilhabe und Anerkennung in Form der Integration in die abstrakte Wert-, Geld-, Rechts- und Staatsform. Sie wollen nichts anderes, als das auch für sie das Streben nach Glück verwirklicht wird. Aber dies ist ein leeres Versprechen, das sich nicht erfüllen kann. Und aus der Enttäuschung über die versagte und versagende Anerkennung, wachsen Verzweiflung, Terror und Hass. Der mit dem zweiten Golfkrieg losgetretene „Weltordnungskrieg“ gerät endgültig außer Kontrolle. Die Weltgesellschaft nähert sich einem Zustand, der als Globalisierung des Dreißigjährigen Krieges bezeichnet werden kann. Mit allen ideologischen Begleiterscheinungen und der Verwilderung des Patriarchats inklusive.

Ob es einen modernen Grimmelshausen geben wird, der das für die Nachwelt beschreibt, ist ungewiss, weil man nicht wissen kann, was von dieser Welt bleibt. Mit einer Gesellschafts- und Subjektform, die das hervorbringt kann man jedenfalls nur radikal brechen.

 

Bildquellen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.