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On America – ‚Great again’ oder ‚Warum Hochmut vor dem Fall kommt’

Die Welt reibt sich die Augen. Ein großspuriger, schillernder Dampfplauderer, der einer miesen Soap Opera der 80er Jahre entsprungen zu sein scheint, wird ins Amt des Staatsoberhauptes, Regierungschefs und Oberbefehlshabers der Streitkräfte der USA gewählt. ‚Wie konnte es soweit kommen?’ lautet allgegenwärtig die Frage, die, diesseits des Atlantiks medial aufbereitet, allenfalls auf doch ohnehin etwas schräge US-Amerikaner verweist die ja immerhin auch schon ihren Reagan und Nixon hatten. Und letztlich kam es dann ja doch nicht so schlimm (wirklich? Reaganism, Shining City upon a Hill, Chile ’73, Watergate, Nixon-Schock).

Ein durch alle Milieus etablierter Antiamerikanismus wird salonfähig in diesen Tagen ohne das Geschehen auch nur ansatzweise adäquat zu reflektieren. Nicht viel qualifizierter fallen die Selbstbewusstsein suggerierenden Stellungnahmen vieler Akteure aus konservativer Politik und Wirtschaft aus. Schließt man sich einem antiamerikanischen Reflex nicht an, so gibt man den starken Mann, der im Zweifel auch Alternativen hat falls Trump ernst mache mit seiner protektionistischen Wirtschaftspolitik. In Wahrheit bibbert man jedoch davor, den Zugang zum Markt der noch immer weltgrößten Volkswirtschaft durch Strafzölle und andere Handelsbarrieren zu verlieren.

Der Ernstfall ist eingetreten, das TPP-Freihandelsabkommen ist bereits aufgekündigt und an TTIP – hierzulande oft nur reflex- und schwatzhaft kritisiert – ist gar nicht mehr zu denken. Es bedarf eines kleinen Exkurses zur marktgesellschaftlichen Verfasstheit der jüngeren Vergangenheit und des Status quo, um dann ganz fokussiert den Kern der gesellschaftlichen Umwälzungen (nicht nur) in den USA und ihren Konsequenzen zu erfassen. Dies hat man sich zuzumuten, will man nicht selbst dem postfaktischen Mantra anheimfallen.


Die Marktgesellschaft – sagen wir grob seit dem 19. Jhd. – basiert auf der willentlich eingerichteten, konkurrenzgetriebenen und in einem viel beschworenen Wachstumszwang mündenden sozioökonomischen Konstitution. Diese Gesellschaftsformation stabilisiert sich temporär auf einem schmalen Grat aus dem Bedingungszusammenhang einer kapitalmehrenden Güterproduktion, (abstrakter) Lohnarbeit, und einem Abhängigkeitsverhältnis der Güter-/Lebensmittelversorgung von einem inneren Markt des Kapitalismus, zu dessen Teilhabe so genannte abstrakte Arbeit und Entlohnung befähigt und ermächtigt.

Als gesellschaftliche Totalität verweist dieser Bedingungszusammenhang auf eine apriorische Qualität für die Lebensverhältnisse und die Einrichtung gesellschaftlicher Strukturen. Diese sozioökonomische Verfasstheit findet deshalb auf einem schmalen Grat statt, da ihr über alle politischen Lager (!) wohl bekannte Krisenpotenzen systemisch zu Eigen sind. Das kleine 1×1 der Kritik der politischen Ökonomie sozusagen, das aus verschiedenen Motiven jedoch gerne unter den Teppich wirtschaftsliberaler Träumereien fällt. Im Kern handelt es sich nicht etwa um die Frage gelingender Güterversorgung (in Bezug auf das liberalistische Knappheitsdogma der VWL und BWL), sondern vor allem um die notwendigen Folgen einer auf Konkurrenz basierenden Ökonomie. Holzschnittartig und in aller Kürze:

 
Produzierende Marktteilnehmer sind stets gezwungen ihre Produktivität zu erhöhen. Versäumen sie eine technisch, organisatorisch oder sonst wie mögliche Produktivitätssteigerung, so werden sie durch einen zu hohen Preis am Markt von ihren Konkurrenten verdrängt. Dieser leicht einsehbare Umstand gilt apriorisch, also nicht nur für einige Marktteilnehmer bzw. Betriebe sondern für alle! In Folge kommt es zu einer systemimmanent unabänderlichen, permanenten Produktivitätssteigerung und einem daraus resultierenden Niveau zur Marktteilnahme1 , deren Schübe – gerade durch technische Innovationen – gerne als industrielle Revolutionen verklärt werden (am lachhaftesten aktuell unter dem Slogan ‚4.0’).2

Quelle: Wikimedia Commons | Bundesarchiv, B 145 Bild-F038498-0018 / Wienke, Ulrich / CC-BY-SA 3.0

Wer nun seine Produktivität erhöht (alle), der kann mit einem geringen Einsatz von Arbeitskraft das selbe Produktvolumen produzieren. Es wird also erst mal Arbeitskraft freigesetzt (mindestens relativ zum Produkt), die dann – so das hoffnungsschwangere Mantra – durch die Verbilligung der Waren zu einem erhöhten Absatz führt, der durch diese Expansion des Volumens wieder Arbeitskraft aufsaugt, um diese kapitalmehrend einzusetzen und derart am Markt aufzutreten. Diese Expansion muss also stets überkompensieren, was konkurrenzgetrieben relativ zu Nichte gemacht wird, wobei gleichzeitig durch die Expansion (Wachstum) massive Schäden auftreten (Umweltschäden usw.), die in der VWL gerne als externe Effekte wegdegradiert werden. Die Summe unterm Wachstumsstrich muss stimmen…

Der eigentliche Zwang resultiert derweil weiterhin aus dem Einbrechen von Kaufkraft (Konsum), der aus einer zu hohen Freisetzung von Arbeitskraft (mangelnde Lohnteilhabe) einsetzt. Die marktgesellschaftliche Konstitution ist zum Wachstum verdammt und je höher die konkurrenzgetriebenen Produktivitätsschübe ausfallen (von der Werkzeugmaschine über die Dampfmaschine bis zur Mikroelektronik ist dies sehr gut nachzuvollziehen), desto stärker muss (!) sie unter Androhung des Untergangs wachsen. Im Zweifel um jeden Preis…

 
Nun ist dieses Wachstum grob in zwei Abteilungen zu differenzieren. Die Rede ist von äußeren und inneren Expansionen (Ausdehnung des Marktvolumens/ Wachstum), die zur  Überkompensation der Produktivitätsschübe taugen. Äußere Expansionen sind durch (Wirtschafts-) Imperialismus, Kolonialismus usw. so alt wie die gesellschaftliche Konstitution selbst. Sie erfahren neue Ausprägungen durch die so genannte Globalisierung, die gerade in Bezug auf Drittwelt- und Schwellenländer oft durch so genannte Strukturanpassungsprogramme, durch IWF und Weltbank erzwungen wurden (einfach gesagt, Hilfe nur gegen Marktöffnung – Washington Consensus) und vor allem jenen wenigen Volkswirtschaften von Nutzen waren und sind, die hochproduktiv aufgestellt, frisch geöffnete Märkte überspülen und derart um die Exportweltmeisterschaft ringen können.

Deutschland, nebenbei erwähnt, ist einer der größten Profiteure dieser Globalisierung. Die inneren  Expansionen – die um eine Überkompensation nach der so genannten zweiten industriellen Revolution noch erreichen zu können stets gepaart mit äußeren Expansionen auftreten – sind vor allem in der fordistischen Nachkriegsprosperität zu erkennen, in dem eine wissenschaftliche Betriebsführung (Scientific Management/Taylorismus) zu einer in totalen Zahlen besseren Entlohnung3 und folglich größeren Kaufkraft der Menschen führte (fordistische Restauration, New Deal, Wirtschaftswunder usw. sind die zugehörigen Schlagworte).

Mit dem Aufkommen der Mikroelektronik und dem dadurch dramatischen Produktivitätsschub (zunehmend weltweit), setzte in den 70er Jahren eine Situation ein, in der keine Überkompensation der destruktiven Krisenpotenz durch (innere + äußere) Expansionen mehr dauerhaft stattfand. Erschwerend kam das Erstarken der so genannten Tigerstaaten bis hin zum Aufstieg Chinas (post 1989) hinzu und führte zu einer enormen ökonomischen Aggressivität, zu einem Ringen um verbliebene Expansions-/Wachstumssphären.


Zurück zum konkreten Fall USA. Es gibt einen 35 Jahre anhaltenden Schwund der Industriearbeitsplätze in den USA (wenngleich dies kein isoliertes US Phänomen, sondern der Ausdruck einer weltweiten Systemkrise ist) bei gleichzeitig erheblichem Bevölkerungszuwachs und einem mäßigen Auffangen der freigesetzten Arbeiter in den Blasen der so genannten Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, die überhaupt nur keimte, da die industrielle bzw. industrienahe Sockelbeschäftigung in Zeiten der Nachkriegsprosperität eine Lohnteilhabe gewährleistete, die einigermaßen überflüssige Dienstleistungen etc. nachfragen konnte (hier sei etwa auf den Wellness-Boom uvm. verwiesen).

„Waren es auf dem Höhepunkt 1980 knapp 20 Millionen Menschen, die in produzierenden Unternehmen tätig waren, sind es jetzt nur noch 12 Millionen. Damals lebten in den USA aber nur 227 Millionen Menschen, heute 320 Millionen. (…) Seit dem Einsetzen der Automatisierung, dem Wiedererstarken der europäischen Industrie und dem Entstehen ernsthafter Konkurrenz in Asien geht es in den USA strukturell nur noch bergab“.  Quelle

Durch die Dogmen und die Wirtschaftsdoktrin des Neoliberalismus kamen die Reaktionen der schwächelnden Volkswirtschaften zu trauriger Berühmtheit. Hierbei ist auf Einsparungen und eine möglichst hohe wirtschaftliche Freiheit (Laissez faire) durch einen schlanken Nachtwächterstaat zu verweisen, der unter Reagan und Thatcher (ebenso in abgefedertem Ausmaß durch Kohl und später Blair und Schröder in trauter Zweisamkeit) auf ein Minimum zurückgeführt wurde. Dies einschließlich sozialstaatlicher und gewerkschaftlicher Errungenschaften, die den Wirtschaftsstandort verteuerten (verglichen mit der weltweiten Konkurrenz) und das scheue Reh Kapital ansonsten – aus Sicht der neoliberalen Akteure – nicht anzulocken vermochten. Alle gegen alle und der Mensch ist des Menschen Wolf (Hobbes) – so das liberalistische Utopia jener Tage und vielerorts bis heute.

 
Die Verwerfungen waren und sind dramatisch, die Maßnahmen zur Verschönerung der blühenden Landschaften und dem erhofften Anlocken der Produzenten vermochten nicht aufzufangen was durch die Standortkonkurrenz (run to the bottom) und sich weiter ausbildenden Produktivkräften (also hier die weiteren Produktivitätsschübe durch die Konkurrenz der produzierenden Akteure) an Arbeitskraft freigesetzt wurde, folglich an Kaufkraft einbrach (das genaue Gegenteil einer inneren Expansion). Nur durch den weltweiten Aufbau von Staatsschulden konnte einen Kollaps hier und da aufgehalten bzw. aufgeschoben werden. Bis 2008…

Die Kernschmelze von 2008 ist heute und aufgrund der Zukunftsprojektionen in Form gigantischer Schulden bei Schuldnern, die ihrerseits Schuldner nicht einlösbarer Wertvolumina sind, auch noch morgen und übermorgen! Diese Dynamik und die dramatischen, unterirdisch seicht als Finanzkrise diskutierten weltweiten ökonomischen Verwerfungen der fortgeschrittenen marktgesellschaftlichen Konstitution müssen zweifelsohne überwunden werden.

Great again!, ein nachvollziehbarer Wunsch. Aber überwunden durch einen geistigen Brandstifter? Was ‚The Donald’ Trump vollzieht, ist nicht nur geistige Brandstiftung – wie etwa die einer völkischen AfD-Prinzessin und ihrem unartigen Prinzgemahl (‚Denkmal der Schande’ usw.). Trump legt Lunte an die hoch fragile sozioökonomische Gesellschaftsformation die an ihrem historischen Laufzeitende einer solidarischen, internationalen und friedlichen Überwindung bedürfte. Er legt Lunte durch das genaue Gegenteil, einem Flashback in Nationalismus und Protektionismus, der sich in der konkreten politischen Daseinsform des Donald Trump bis ins Absurde aus Fragmenten neoliberaler Anlagen speist und nicht minder mit ihnen bricht!

Hier ist vor allem auf die pseudo-anarchische Verachtung aller staatlichen Strukturen zu verweisen, die, in populistischer Manier instrumentalisiert werden – Friedrich von Hayeks ultraneoliberale Grundlegung ‚Der Weg zur Knechtschaft’ wird hier implizit ebenso bemüht, wie einst puritanisch-assoziierte smithonisch (Adam Smith) verselbstständigte Dogmen des Altruismus durch Egoismus – der vollständig entstellten unsichtbaren Hand sozusagen. Andererseits aber – und das ist ein in den letzten Jahrzehnten nur selten vorgetragener Bruch mit in sich konsistenten Positionen – wird die mit dem Neoliberalismus aufs engste verquickte Frage des Freihandels neu beantwortet: Wurde sie stets und unverrückbar bejaht, um  dogmatisch und weil es den Interessen des so genannten Westens entsprach mit Macht der Welt aufoktroyiert wurde (verwiesen sei hier abermals auf die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank, die eine Marktöffnung verschuldeter Staaten erzwang und so eine äußere Marktexpansion des Westens zur Folge hatte), so wird diese nun durch einen massiven Protektionismus – durch die Aufkündigung von Freihandelsverträgen, der Ankündigung von hohen Importzöllen und der konkret physischen Abschottung (Mauer) der Billiglohnkonkurrenz gegenüber mit Nachdruck verneint. Diese neuartige bzw. wiederentdeckte Konstellation erweist sich derzeit international als höchst tauglich für den gefährlichen Rechtspopulismus der von so genannten Wutbürgern – die einen hysterisch nationalistisch eifernd, die anderen lethargisch und desillusioniert – angenommen wird.

Welche ökonomische Logik steckt hinter dem Bruch mit der Globalisierung/dem Freihandel?

Der komparative Kostenvorteil (Ricardo), den man zwecks eigener Expansion stets und rücksichtslos als Dogma ins Feld führte sobald sich Zweifel am Vorteil dieser und jener Marktöffnung von Schwellen- und Drittweltländern zeigten, will der neuen US-Administration, bzw. ihrem Vorsitzenden, nicht mehr recht als eigener Vorteil erscheinen. Zu tief sind die gesellschaftlichen Wunden der Verwerfungen der neoliberalen Jahre auch in den USA (ja, neben Gelsenkirchen und Duisburg, die trotz Exportweltmeisterschaft unter einem Regime bundesdeutscher Trickle-down-Politik ins Siechtum gerieten, traf es eben auch Detroit und Flint heftig bzw. mangels sozialstaatlicher Restabsicherung ungleich heftiger) – den Folgen einer nicht mehr ausreichenden Kompensation durch die bislang bekannte Wachstumspolitik (Stichwort innere und äußere Expansion und der kompensatorischen Wirkung von Arbeitsplatzerhalt und Lohnteilhabe).

Zu seicht geriet die politische und medial aufbereitete Auseinandersetzung über Ursachen, Folgen und durchaus erstrebenswerten Zukunftsperspektiven, um die gefühlt und zunehmend faktisch Abgehängten (exemplarisch ist auf die aktuelle OXFAM-Studie zur Reichtumsverteilung zu verweisen) noch bei Laune zu halten. Die nun einsetzende Reaktion und die Zuschreibung der Missstände auf so genannte Eliten (gerne wird auf die vermeintlich eigennützige Politikerklasse nebst willfähriger Lügenpresse verwiesen) ist die einer verängstigten, ihres gesellschaftlichen Status bereits verlustig gegangenen oder diesen mindestens bedroht sehenden, wütenden Mittel– und Unterschicht. In den USA (zwischen so genannten Rednecks, white trash und lower middle class) nicht weniger als in Deutschland (Pegida, AfD) und anderen Ländern des Westens.

 
Die Wut ist hüben wie drüben oft nachvollziehbar und den neoliberalen Verklärungen der letzten Jahrzehnte soll in keiner Weise das Wort geredet werden. Ihre reflexhafte, geradezu fluchtartige und nicht zu rechtfertigende Äußerung in Autoritarismus, Nationalismus,  Rassismus und schierer Demagogie beschwört jedoch ein Katastrophenszenario herauf, das absehbar die USA und nicht minder den Westen sowie die auf seinen Prämissen basierende Gesellschaftskonstitution, einzureißen droht. Dies in einem destruktiv-reaktionären Sinne und in Barbarei mündender Herrschaftsäußerung und nicht etwa progressiv im Sinne einer solidarischen, international organisierten Überwindung der kränkelnden gesellschaftlichen Verhältnisse – etwa durch einen internationalen New Deal, der langfristige Ausstiegsoptionen aus dem konkurrenzgetriebenen ökonomischen Krisentaumel zeitlich erst ermöglichen könnte. Die Äußerung dieser Wut setzt sich nun wirtschaftspolitisch wie folgt zusammen:

  • Der äußeren Expansion wird durch die Trump-Administration (ebenso durch die europäischen Nationalisten) keine kompensatorische Wirkung mehr zugesprochen. Ihr Potential hat sich zusehends erschöpft (Konkurrenz am Weltmarkt) und ging mit hohen Importquoten (Handelsbilanzdefizit/Importüberschuss) einher. Ebenso mit den benannten Standortverlagerungen (run to the bottom). Die gesellschaftlichen Verwerfungen werden rein auf diese Momentaufnahme projiziert und nicht innerhalb der Eingangs eingeführten ökonomischen Krise analysiert.
  • Die Kompensation soll stattdessen durch eine gigantische innere Expansion einsetzen. ‚I will be the greatest jobs producer that God ever created‚ (Trump am 11.1.2017). Diese Umstellung, diese Transformation von primär äußerer auf primär innerer Expansion wird autoritär und mit einem Federstrich (Dekrete) durch einen faktischen Protektionismus (Importzölle etc.), Drohgebärden (Standortfrage, öffentlicher Pranger etc. – Bspw. bzgl. Ford, BMW…) und physischer Abschottung (Stichwort Mexiko) erzwungen.

Was sind die logischen Folgen?

Hier rein ökonomisch in groben Zügen und aus Sicht der USA betrachtet sowie von sozialen Verwerfungen, Ausgrenzung, Rassismus usw. abgesehen (was man nicht kann und darf, aber wovon hier zunächst zu abstrahieren ist, um den ökonomischen Treibsätzen ihres Erscheinens auf die Schliche zu kommen), sind die Folgen zu differenzieren in einen kurz- bis mittelfristigen Transformationsprozess4 in der Umstellung von äußerer auf innerer Expansion – wie dargestellt der zentrale Kompensationsmechanismus der Produktivkraftentwicklung, der systemische Wachstumszwang – und langfristigen Folgen:

  • Kurzfristig: Ein sofortiger Jobverlust durch die Umstellung der Expansionsmodi ist unvermeidlich und einkalkuliert. Dieser wird jedoch durch staatliche Investitionen (Schulden durch Infrastrukturprogramme etc., die Jobs schaffen) aufgefangen. Auf eine kurzfristige quasi patriotistische Investitionswelle von US-Unternehmen wird als Reaktion auf die Einschüchterungen und den öffentlichen Pranger Trumps (tweeting Donald) gehofft. Ford beispielsweise schickt sich bereits hündisch an, sein neues Werk nun doch in den USA zu bauen. Ebenso wird auf die so genannte Phantasie in den Märkten (man phantasiert sich sozusagen in eine Renaissance fordistischer Zeiten) gehofft, die US-Börsentitel beflügeln und das Investitionsklima derart begünstigen sollen. Von der Trump-Kursrally ist bereits die Rede.
    Die nun einsetzenden Handelsschranken sind jedoch keine Einbahnstraße und sie führen weiterhin zu handfesten Gegenreaktionen auf dem Weltmarkt. Ein absehbares Schrumpfen des Welthandels (nebenbei ist hier auch auf den Brexit, die desolate Situation Frankreichs und Südeuropas sowie die Abschottungstendenzen osteuropäischer Länder zu verweisen)5, führt nun zu neuen Bündnissen und dem aggressiven Expansionsstreben einzelner Akteure (Türkei, Russland etc.).
  • Mittelfristig: Eine gewisse Stabilisierung des Jobniveaus und der einhergehenden Lohnteilhabe ist nach der Transformation wahrscheinlich. Die innere Expansion kann ein gewisses Produktivitätsniveau vorübergehend aufwiegen, wobei ein Ausgleich der privaten wie staatlichen Vorausinvestitionen aus der Transformationsphase als ausgesprochen unwahrscheinlich, ja fantastisch gilt. Tagespolitisch wird auf dieser Entwicklungsstufe eine polemische und patriotische Umdeutung der Situation zur erfolgreichen Umstellung auf eine wie auch immer benannte Nationalökonomie gefeiert.
  • Langfristig: Die Produktivkraftentwicklung – hier die fortwährende Steigerung der Produktivität auf dem Vehikel der Konkurrenz – geht auch auf dem vergrößerten Binnenmarkt der USA weiter (vermindert aber immer noch nationalökonomisch und systemimmanent destruktiv). Sollte es überhaupt einen historischen Punkt gegeben haben, an dem eine Überkompensation der Freisetzung von Arbeitskraft durch die angestrebte innere Expansion einsetzt (sozusagen eine neuaufgelegte fordistische Nachkriegsprosperität), so wird dieser Zustand durch die konkurrenzgetriebene Produktivitätsentwicklung wieder zu Nichte gemacht (erstrecht durch die an- und ausstehenden Digitalisierungsprozesse – Stichwort 4.0). In diesem Augenblick wird große Nervosität einsetzen, da die Rezepte der Transformationsphase nicht mehr zu greifen im Stande sind – sie haben dann ihr kompensatorisches Potential erschöpft. Es bleibt nichts übrig als das Ruder wieder herumzureißen und eine äußere Expansion wiederzubeleben, die Handelsschranken aufzulösen, um wieder ungehindert am Weltmarkt agieren zu können. Dumm nur, dass durch das protektionistische Regime die Produktivität der US-Industrie deutlich hinter das Weltmarktniveau zurückfallen dürfte. Dies ist nicht nur eine logische6, sondern auch eine faktisch, empirisch fassbare und notwendige Folge.

Die dann einsetzende Freisetzung von Arbeitskraft muss dramatische Ausmaße und Folgen haben, da ein moderierter, sanfter Übergang (partielle Marktöffnungen etc.) – zurück in Richtung Weltmarkt und damit genau das was nach Washington Consensus usw. anderen stets verwehrt wurde – auf dieser Entwicklungsstufe kaum mehr zu leisten ist. Es brennt in diesem Zustand an allen Ecken und Enden lichterloh. Staatliche Defizitstrukturen aus der Transformationsphase getürmt auf den Trümmern nach 2008 dürften erheblich sein und ein Zugang zu frischem Geld – das abermals transformativ eingesetzt werden könnte, um das Ruder wieder einmal rumzureißen – eingeschränkt. Die fiskalpolitische Notlösung, eine Abwertung des Dollars zur relativen Verbilligung der Güter und einem Anwerfen des Exports trotz Handelsschranken würde die Situation durch Inflationsschübe weiter verschlimmern. Es ist eine bittere Einsicht aber das logische Ende dieser Entwicklung ist eine hoch aggressive, expansive bis imperialistische Politik die – historisch gesehen – auch von territorialen  Expansionsbestrebungen zur Erschließung der Märkte nicht absehen wird.

Was darf man nun hoffen? Ein Einsehen? Wenn schon nicht durch Trump dann durch seine Berater und Minister? Die Kammern, die Balance of Power? Eine vage Hoffnung. Eine Amtsenthebung durch Skandälchen und Skandale? Schon eher aber ein Ruhekissen dürfte dies wohl kaum sein. Der eingeschlagene Weg kennt kein Zögern, Zweifeln oder Umkehren auf halbem Weg. Taumelnde, existenziell nach Expansion strebende Nationalstaaten sind stets autoritär und aggressiv organisiert. Die logisch einzige Hoffnung ist die trotz allem noch immer starke, vor allem außerparlamentarische Opposition der USA. Eine zu oft schweigende, in digitalen Prophezeiungen siechende und noch eingelullte Masse ist durchaus in der Lage Widerstand keimen zu lassen.

Eine Hoffnung, jenseits schrulliger Weltuntergangsphantasien, vulgärmarxistisch diktatorischer Scheinalternativen und rosaroter Schönfärberei liegt nun einzig in den Händen der Menschen. In den geschundenen Händen desjenigen Average Joe, der sich nicht von der Demagogie des Donald Trumps blenden lässt und einer verklärten Vergangenheit am Detroiter Fließband nachtrauert. In den manikürten Händen des Brokers, der durchaus in der Lage ist die langfristige Dynamik des eingeschlagenen Weges zu durchschauen und vor allem in den Händen der Studentin, die besser weiß als alle anderen, dass ihre Zukunft und die der Welt nur in einer internationalen, solidarischen Gesellschaftsformation zu finden ist, die sich ihren Bewegungstendenzen, ihrer Dynamik bewusst ist und eine menschenwürdige, friedliche Weltordnung nach dem Zusammenbruch der Nachkriegsordnung des 20. Jahrhunderts erst ermöglicht.

Occupy the Trump Tower! Sabotage the white House! Auf die Barrikaden des  zivilen Ungehorsams! Machen wir uns an die Arbeit, diesseits und jenseits des Atlantiks!

 

  1. Wodurch die Vorauskosten zur Marktteilnahme stets steigen, eine erhöhte Kreditabhängigkeit entsteht und eine gesamtgesellschaftlich betrachtete Profitrate tendenziell fällt. []
  2. Es gab genau eine industrielle Revolution – in Anlehnung an Polanyi wütete diese im Wesentlichen zwischen 1795 und 1843. []
  3. Relativ zur Produktivitätssteigerung fiel die Entlohnung sogar schlechter aus als zuvor jedoch stand zunächst – unter der Möglichkeit die nun anstehenden Warenmassen absetzen zu können – die Teilhabe in totalen Zahlen im Mittelpunkt. Landläufig sind die Beispiele Henry Fords bekannt – nebenbei ein übler Faschist der sein gesellschaftliches Programm als kapitalistische Restauration gegen Weltjudentum und Bolschewismus verstanden wissen wollte (!) – der jedem Arbeiter einen eigenen Kraftwagen ermöglichen wollte. Naive Geister wendeten dies altruistisch… []
  4. Eine zeitliche Einordnung der Prozessschritte ist seriös nicht zu leisten. Mehrere Wochen oder gar Jahre können auch aufgrund gegenläufiger Tendenzen vergehen bevor die logischen Transformationsschritte weiter prozessieren. []
  5. Die Konsequenzen für Deutschland und noch mehr für die so genannten Krisenstaaten werden hier aufgrund der Fokussierung nicht weiter ausgeführt. Ein Blick auf die skizzierte Handelsbilanz dürfte aber jedem klar machen, dass die Verwerfungen
    auch diesseits des Atlantiks erheblich sein werden. Scheitert zu dem Europa endgültig aufgrund hiesiger nationaler Flashbacks, potenziert sich das Katastrophenszenario. Ein sofortiges und international solidarisch organisiertes Eingreifen einer Koalition der Willigen und einem Ausstieg aus der konkurrenzgesteuerten marktgesellschaftlichen Konstitution würde umgehend erforderlich, um noch schlimmeres zu verhindern. []
  6. Den abgeschotteten, von innerer Expansion abhängigen Verhältnisse sind derart auf eine Kompensationswirkung angewiesen um sich zu stabilisieren, dass zu hastige Produktivitätssteigerungen (die der Weltmarkt aber erzwingt, um dort konkurrenzfähig zu bleiben), schon politisch gewollt, ausbleiben müssen! Hier beißt sich die Katze in den Schwanz… []

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