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Selbstwertbeziehungen – der kompetitive Charakter

Bücher sind aus unterschiedlichen Perspektiven zu lesen. So kann man Timo Heinzes „Nachspielzeit. Eine unvollendete Fußballkarriere“ aus der Perspektive eines Fußballsport-Interessierten lesen. In diesem Falle bietet Heinze sicherlich kurzweilige Unterhaltung mit gewissem Triviawert. Man kann Literatur aber auch als empirisches Material betrachten. Und zwar aus mehrfacher Perspektive. So ist Literatur, so sie denn gekauft und gelesen wird, immer auch ein guter Anzeiger für die Bedürfnisse von Menschen und ein Hinweis auf Habitusstrukturen. Dementsprechend können die erzählten Geschichten auch soziologisch analysiert werden, um einen Einblick in gewissen Bedürfnisstrukturen der Gegenwartsgesellschaft zu bekommen.

Darüber hinaus ist nicht nur der Inhalt eines Buches der Analyse zugängig, sondern auch der Autor. Denn „wenn Peter etwas über Paul erzählt, erfahren wir mehr über Peter als über Paul“1 Anhand der erzählten Geschichte lässt sich auch einiges über Gefühle und Gedanken der Autoren herausfinden. Für beide Perspektiven gilt selbstverständlich eine gewisse Distanzierungsfähigkeit und eine gute Dokumentation der Interpretation.

Es gibt jedoch auch noch eine weitere Lesart und Methode. Literatur kann als exemplarisches Material zur Veranschaulichung von theoretischen Überlegungen dienen. Norbert Elias hat dies u.a. im Maycomb-Modell in seinem Werk Etablierte und Außenseiter gemacht. Hier analysiert er Harper Lees „Wer die Nachtigall stört…“, um ein weiteres exemplarisches Beispiel für seine paradigmatischen Überlegungen zu einer Universaltheorie von Etablierten und Außenseitern anzuführen. Literatur ist besonders geeignet theoretische Überlegungen zu illustrieren und somit nachvollziehbarer zu gestalten. So wie Märchen der Psychoanalyse als Veranschaulichung dienen, so können auch Romane oder Biografien soziologische Theorien bereichern.

Timo Heinzes „Lebensabschnittsdarstellung“ bietet dabei einige Illustrationen für Norbert Elias Theorie der Selbstwertbeziehungen. Diese Theorie ist in oben erwähntem Werk lediglich angedacht und harrt der Ausarbeitung. Und solange es keine weiterführenden theoretischen Überlegungen gibt, scheint mir eine gute Annäherungsmethode die Illustration einiger Grundannahmen zu sein, weshalb ich hier im Blog künftig immer wieder exemplarische Beispiele heranziehen werde. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass das Konzept der Selbstwertbeziehungen verständlicher wird und somit auch eine Ausdifferenzierung und Ausformulierung der Theorie möglich wird.

Timo Heinze, geboren 1986, und von 1998 an beim FC Bayern München in den Jugendmannschaften aktiv, war auf dem besten Weg Profi-Fußballer zu werden. Aus verschiedenen Gründen war ihm der Übergang von den FCB Amateuren zu den Profis jedoch verwehrt. Der Sprung in die Bundesliga sollte ihm nicht gelingen. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu erkennen, dass hier ein „Traum“, ein Lebenswunsch geplatzt ist. Distanzierter kann man von einem Verlust des bestimmenden Sinn- und Werterlebens sprechen. Die Verarbeitung dieses Verlustes dürfte auch ein Grund für die Verschriftlichung seiner Erlebnisse sein.

Im Folgenden führe ich einige Beispiele aus Timo Heinzes Buch an, um aufzuzeigen, was mit Selbstwertbeziehungen gemeint ist.

Im Sommer 2002 fährt Timo Heinze mit der Jugendnationalmannschaft zur „Mundialito 2002“ in Italien.2 Im Bus, der die deutschen Jugendnationalspieler transportiert, befindet sich auch die Brasilianische Fußballmannschaft. Letztere beginnt zum Zeitvertreib im Bus zu singen.

„Für die Brasilianer schien es aber ganz normal zu sein, den Bus in eine fahrende Disco zu verwandeln. Ich kam mir vor wie bei Karneval in Rio und hätte am liebsten angefangen zu tanzen, so einladend klang der Gesang.
Nach einer Weile wollten wir das Ganze so nicht auf uns sitzenlassen. Irgendeiner von uns fing tatsächlich an, „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry zu grölen. Ich hoffe, er schämt sich noch heute dafür. Wie auch immer, wir stimmten alle ein und brüllten die schöne Sambamusik mit mehrmaligem „Hölle Hölle Hölle“ binnen kürzester Zeit nieder. Die Brasilianer waren erst erschrocken, was man auch verstehen kann, letztendlich aber mussten beide Lager laut lachen, und die restliche Fahrt über wechselten wir uns freundschaftlich ab mit unseren Darbietungen. Später im Hotel kamen wir mit einigen der Jungs ins Gespräch, und ich tauschte ein Trainingsshirt mit einem Spieler aus Rio.
Auf dem Platz kannten wir allerdings keine Freundschaft und ließen den Sambakickern, die selbst bei Aufwärmen rhythmisch klatschten und sich tänzelnd fortbewegten, keine Chance.“ (S.19)

Die beiden Fußballmannschaften konkurrieren offensichtlich nicht nur um den Titel des Turniers. Während die brasilianische Mannschaft im Bus singt, scheint der soziale Vergleich (Leon Festinger) bei der deutschen Jugendnationalmannschaft die Balance zu ihren ungunsten zu verschieben. Während es vordergründig lediglich um einen sportlichen Leistungsvergleich geht, geht es für die Involvierten auch um den (mit der Leistung durchaus verbundenen) Selbstwert. Während der kollektive Selbstwert, das Gruppencharisma, der Brasilianer durch das Singen und den lockeren Umgang mit der angespannten Situation steigt, sinkt der kollektive Selbstwert des gegnerischen Teams. Das ist keine Zwangsläufigkeit. Die Reaktion der Jungs und die Beschreibung Timo Heinzes überrascht. Während der „Gesang einladend klingt“ will man das Ganze dennoch nicht „auf sich sitzen lassen“.

Die Konkurrenzmechanismen, im Sportbereich, zumal im ambitionierten und aufstiegsorientiertem Leistungsbereich, führen zur Herausbildung einer besonderen Charakterstruktur, eines Habitus bzw. einer Einstellung. Situationen werden nicht kooperativ interpretiert, sondern kompetitiv. Bei solch einer Selbst- und Fremdwahrnehmung gibt es immer einen Sieger und Verlierer. Die Macht- und Selbstwertbeziehungsbalance verschiebt sich mal mehr zum einen mal mehr zum anderen. Immer jedoch wird der Zuwachs an Macht gleichgesetzt (weil so erlebt) mit dem Zuwachs an Selbstwert und damit einhergehend mit Macht- und Selbstwertverlust der „unterlegenen Seite“.

Gruppenkohäsion ist eine zentrale Machtquelle. Besonders im Mannschaftssport wird dies immer wieder eindrucksvoll bestätigt. Nach dem die deutsche Jugendnationalmannschaft nun also Gefahr lief im Wettbewerb um Gruppenkohäsion- und charisma zu unterliegen, wurde „die schöne Sambamusik“ mit einem deutschen „Hölle Hölle Hölle“ „binnen kürzester Zeit“ niedergebrüllt.
Offensichtlich reicht es nicht die Balance mit ähnlichen Gesängen wieder auszugleichen, sondern die gefühlte Unterlegenheit muss sofort überkompensiert werden. Und nachdem der Wettbewerb die „richtige“ Richtung genommen hat, kann auch wieder gelacht werden.

Timo Heinze verweist kurz darauf, dass man ja anschließend recht freundschaftlich miteinander umgegangen ist, wohl um die negative Konnotation des „Niederbrüllens“ zu relativieren. Doch folgt sofort, dass man auf dem Platz ja keine Freundschaft kenne. Die Formulierung ist auch hier wieder rein kompetitiv, dazu noch recht infantil und von männlich-aggressiver Dominanz geprägt. Kurz: die Formulierung ist typisch für den Sprachgebrauch von Fußballern.

Es ist ja inhaltlich völlig unsinnig, dass „man“ auf dem Platz keine Freundschaft kenne. Selbstverständlich gibt es auch in gegnerischen Mannschaften Freundschaften. Warum auch nicht. Es ist ein Spiel und kein Krieg. Und das ist auch schon der zentrale Aspekt. Zwar ist das Spiel zunehmend zivilisiert und auch die Zuschauer sind zunehmend zivilisierter, doch ein Großteil der Spannung und Mimesis ist bedingt durch den Anschein kriegerischer Auseinandersetzung. Hier kann der Mann noch Krieger sein. Realiter will das natürlich niemand. Aber im Freiraum Stadion kann Mann sich dies so entspannend zusammenfantasieren. Mit solchen Sprüchen wird das Imponiergehabe kompetitiver Charaktere bedient. Die fluktuierende Positionierung im permanenten Ränkespiel der Spieler, Vereine und Zuschauer verlangt geradezu danach.

In der Gruppenphase der Qualifikation zur Europameisterschaft in Portugal musste die Jugendnationalmannschaft gegen Italien spielen.

„Es war offensichtlich, dass sie uns spielerisch nicht das Wasser reichen konnten. Also wollten sie den einen Punkt über die Zeit retten. Und zwar mit allen Mitteln. Zum einen eben mit einer destruktiven, aber äußerst ausgefeilten Defensivtatktik, Stíchwort Catenaccio. Zum anderen aber auch mit einer Menge Schauspielerei und Theatralik. Da wurde sich schon mal grundlos am Boden gewälzt, obwohl niemand wirklich berührt wurde, oder mit dem Schiedsrichter diskutiert, wo es nichts zu diskutieren gab. Manche mögen es cleverness nennen, ich sehe das ab einem gewissen Grad anders. Und sei es in der Zeit vor oder nach diesem Spiel, gegen italienische Mannschaften hatte ich selten Spaß am Fußball. (S.22)

Zum Fußball gehören auch traditionelle „Feindschaften“ – zumindest verkündet es so die Folklore. Und gegenwärtig ist Fußballdeutschland nicht gut auf die Italiener zu sprechen.3 So reiht sich Timo Heinze auch in die kollektive Abwertung des Gegners ein. Ob es nun Ausdruck seiner Antipathie ist oder die antizipierte Abneigung der Leser kann dahingestellt bleiben. Entscheidend ist der implizite Mechanismus. Man hat es hier mit einer pars-pro-toto-Verzerrung zu tun. Es mag ja sein, dass manch italienischer Spieler ein besonderes Schauspieltalent hat. Nur ist dieses Talent im Fußball nicht gerade auf Nationalitäten eingrenzbar. „Geschauspielert“ wird in allen Ligen der Welt. Hier wird also aus Gründen der Abgrenzung und der damit verbundenen positiven Selbstbewertung der Gegner abgewertet. Der würde ja nur am Boden liegen und mit dem Schiedsrichter diskutieren. Alles selbstverständlich Eigenschaften, die dem eigenen Team und auf jeden Fall einem selbst völlig abgehen.

Mit der Abwertung des Gegners in der spielerischen Situation wird sich an dieser Stelle aber auch nicht begnügt. Im Gegenteil es wird verallgemeinert. In diesem Falle scheint die erlebte Kränkung und damit Abwertung des Selbstwerts fundamentaler zu sein. Die Überkompensation, die man hier beobachten kann, gründet sich ja nicht in einem schlechten Spiel in der Jugend. Es ist wohl eher zu vermuten, dass hier zumindest das verlorene Halbfinale bei der WM 2006 eine Rolle spielt.4

Anschließend verliert der Favorit Deutschland Aufsehen erregend gegen Belgien.

„Und hätten es doch wenigstens die Belgier zur Endrunde geschafft nach ihrer leidenschaftlichen Leistung. Aber nein, zu allem Überfluss war dies den Italienern vorbehalten, die dort später im Viertelfinale ausscheiden sollten.“ (S.24)

Dem kompetitiven Charakter ist es nicht vergönnt, sich für einen Gegner zu freuen, der eine echte Konkurrenz darstellt. Dies würde das Eingeständnis bedeuten, gegen einen stärkeren und damit besseren Gegner ausgeschieden zu sein. Diese kollektive und damit auch individuelle Abwertung des Selbstwertgefühls wird abgewehrt. Den schwächeren Belgiern hätte man es gegönnt, den stärkeren Italienern hingegen nicht. Die Belgier waren leidenschaftlich am kämpfen, die Italiener lediglich unfair. Und so bleibt die „Erkenntnis“, dass die vermeintlich stärkeren ja gar nicht stärker waren, sondern wie zu erwarten, natürlich, im Viertelfinale ausgeschieden sind. Der Subtext schreit geradezu: Wären wir mal dahin gefahren. Wir waren schließlich besser.

Am 1.April 1998 erhält Timo Heinze ein Angebot von FC Bayern München.

„Am wenigsten überrascht von meinem ersten Erfolg war aber wohl meine Mutter. Sie hatte mich tagtäglich als Kind auf der Straße herumflitzen sehen und früh verwundert festgestellt, dass für mich schon damals nur der Sport und der Sieg in allen nur erdenklichen Wettkämpfen zählten und ich mich dadurch ungewöhnlich früh von Gleichaltrigen abhob.“ (S.27)

Treffender kann man ein zentrales Merkmal des kompetitiven Charakters nicht ausrücken: „dass für mich schon damals nur der Sport und der Sieg in allen nur erdenklichen Wettkämpfen zählten.“ Es zählt nicht der Wettkampf an sich, also das freundschaftliche miteinander messen. Es zählt ausschließlich der Sieg. Während anderen Menschen ein Spiel und ein Wettkampf durchaus Spaß machen kann, wenn man verliert, zählt für den kompetitiven Charakter nur der Sieg. Eine gewisse Ähnlichkeit zum narzisstischen oder autoritären Charakter ist natürlich nicht zufällig. Ihnen allen ist die selbstwerterhaltende und selbstwerterhöhende Motivation gemein. Sicherlich ist der Selbstwertschutz eine anthropologische Konstante, doch wird es beim kompetitiven Charakter zu einem Fetisch den Selbstwert mit jedem Sieg zu erhöhen und die neue Stufe zu schützen. Am Ende kann eben nur einer gewinnen (oder zumindest eine Mannschaft). In dieser Selbstwahrnehmung ist der Zweite bereits der erste Verlierer.

Es liegt nicht fern zu vermuten, dass diese Persönlichkeit im Leistungssport (und sicher nicht nur dort), besonders gefördert wird und eben auch besonders erfolgreich ist. Es ist also strukturierendes und strukturiertes Prinzip.

Kurz vor dem letzten Spiel der A-Jugend-Saison verletzt sich Timo Heinze. Es folgen monatelange Behandlungen und dadurch bedingt eine gewisse Abwesenheit vom Rest der Mannschaft.

„Wenn du so lange verletzt bist, erkennst du irgendwann, dass du in dieser Zeit nur für dich alleine kämpfen kannst. Und musst. Du bist in solch einer Situation schlichtweg ein Einzelsportler. Die Behandlungen fanden auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße statt, besser gesagt, im Raum direkt gegenüber der Amateur-Kabine. Ich kam also schon immer wieder in Kontakt mit meinen Kollegen, aber das war nicht dasselbe. Du kommst nach einer Weile einfach nicht mehr mit. Einzelne Strömungen und sogar Hierarchien ändern sich schnell in einer Mannschaft. Immer wieder kommen neue „Insider-Witze“ dazu, die nur die Beteiligten kennen. Bist du monatelang raus aus den täglichen Abläufen, dann kannst du einfach nicht mehr mitreden. Saß ich mal mit in der Kabine, weil sich die Trainingszeit mit meinen Behandlungen überschnitt, dann war das ein ganz unangenehmes Gefühl. Ich fühlte mich ewig weit weg von meiner Truppe und nicht mehr als Teil von ihr. Ich war enttäuscht, dass mich auch meine „Freunde“ aus dem Team langsam vergaßen. (S.50f.)

Der erste Satz ist nicht nur Ausdruck des kompetitiven Charakters, er formuliert auch eine anthropologische Konstante. Die psychischen Ressourcen sind beschränkt. Damit soll in keinem Fall einer ökonomistischen Perspektive das Wort geredet werden, aber es ist leicht nachvollziehbar das Aufmerksamkeit eine Balance ist. Die beiden Pole bilden die völlige gerichtete Aufmerksamkeit auf etwas anderes, z.B. einen anderen Menschen. Der andere Pol wird von einem selbst gebildet. Also die völlige Konzentration der Wahrnehmung auf sich selbst. In beiden Extremfällen, an den Enden der „Waage“ / der Balance, würde man es mit pathologischen Fällen zu tun haben, die sich nicht mehr selbst steuern können. Die völlige oder totale Vereinnahmung der Aufmerksamkeit findet nur in Psychosen, Traumatas oder anderweitig gestörten Prozessen statt. Dennoch zeigt die Balance auf, dass Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen aus gewohnten sozialen Beziehungen ausgeschlossen werden, ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst richten müssen, um nicht der Lethargie der radikalen Abwehr des Selbstwertgefühls anheim zu fallen.

Denn genau dies geschieht mit ausgegrenzten Personen. Ob bewusst oder ungewusst finden in Ausgrenzungsprozessen auch immer Abwertungsprozesse statt. Exklusion bedeutet in der Selbsterfahrung der Ausgegrenzten immer auch die Angst vor dem „sozialen Tod“, der Missachtung und Abwertung. Die ansonsten gültige „offene“ Wahrnehmung anderer Menschen und Situationen wird in der Wahrnehmung begrenzt. Durch die Verengung der Wahrnehmung auf sich und seine Bedürfnisse, werden die die Abwertung bedingenden Veränderungen weniger wahrgenommen. Ein recht bekanntes Phänomen ist dabei die Verkürzung der Langsicht. Während in weniger bedrohlichen Phasen die Langsicht angemessen funktioniert, Planungen über Wochen hinaus können vorgenommen werden, wird in (Selbstwert)bedrohlichen Momenten, die Aufmerksamkeit von zukünftigen Ereignissen abgezogen und die Wahrnehmung beschränkt sich auf das Hier und Jetzt bzw. kurze Abschnitte.

Neben unzähligen negativen Effekten, die dieser Mechanismus in der Gegenwartsgesellschaft mit sich bringen kann, so schützt er doch auch den Selbstwert und verringert dadurch nicht unerheblich die (gesundheitsgefährdenden) Stressoren. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst, bietet dabei die Möglichkeit durch Konzentration auf das Wesentliche, dieser Situation zu entrinnen. Oder in den Worten Timo Heinzes: man kämpft für sich allein.

Um es noch einmal zu verdeutlichen: Aus soziologischer Perspektive ist das nicht richtig! Timo Heinze war ja zu keinem Zeitpunkt tatsächlich allein. Zahlreiche Menschen haben sich um ihn gekümmert und ihn bei seiner Gesundung unterstützt. In der Selbstwahrnehmung hingegen empfinden sich so betroffene Menschen aber als Einzelkämpfer.

Die weiteren Schilderungen zeigen wie schnell die Gruppendynamik die für eine Fußballmannschaft nötige Gruppenkohäsion herzustellen vermag. Innerhalb kürzester Zeit werden die Reihen geschlossen, neue Hierarchien entstehen und vergehen, die In-Group belohnt ihre Mitglieder und produziert sofort auch wieder Outsider. Der Wechsel dabei ist schnell. Es entspricht dem komepetitiven Charakter jedes Einzelnen und es entspricht auch dem kollektiven Habitus der Involvierten. Wer nach ganz oben will, muss andere hinter sich lassen.

Was eben für den „Außenseiter“ Heinze galt – das auf sich selbst geworfen sein – gilt ja auch für seine Mannschaftskameraden, die jederzeit selbst zum Außenseiter werden könnten und deshalb jeden Wettbewerb annehmen um zu siegen. Denn wer gewinnt ist Insider. Die Angst vor Ausgrenzung, Abwertung und Sinnverlust feuert den Wettbewerb untereinander nur noch weiter an. So eskaliert der kompetitive Charakter zunehmend.

So wird bald nicht nur im sportlichen Bereich miteinander konkurriert, sondern alle Bereiche werden zu einem Wettkampf umfunktioniert.

„Sicher, es gab auch genügend Ausnahmen, aber bei einigen meiner Mitspieler hatte ich den Eindruck, dass ihnen ihr mannschaftsinterner Ruf über alles ging. Die Konkurrenz um die Plätze in der ersten Elf ist ohnehin schon groß genug. Nein, da muss dann auch noch jeder das dickste Auto fahren.“ (S.102)

Es mag kaum zu verwundern, dass das Erleben permanenter Wettkampfsituationen, vom Kindesalter an, zu Persönlichkeitsstrukturen führt, die den Wettkampf verabsolutieren. Über Jahre wird verinnerlicht, dass nur die Besten weiterkommen, dass man sich gegen Konkurrenten durchzusetzen habe, dass man die richtige Einstellung zum Spiel und später Beruf haben müsse. So wird der Vergleich mit Mitspielern und Konkurrenten nicht nur sportlich „auf dem Platz“ gesucht, sondern alles was zum vergleich, zum „Wettbewerb“ geeignet scheint, wird zum Selbstwertvergleich herangezogen. So auch das „dickste Auto“. Das Konsumgut, die Ware als Ausdruck des Selbstwerts bzw. treffender als Ausdruck der Selbstwertbeziehungen. Denn entscheidend ist das Erleben und Empfinden der Beziehungen. Kompetitive Charaktere empfinden ja die Beziehungen als kompetitiv. Die Beziehungen sind in dieser Wahrnehmungswelt immer ein Kampf um Anerkennung! Der Sieger gewinnt Anerkennung, einen höheren Selbstwert und damit im mystifizierten Selbsterleben auch an Wert als Mensch.

„In so einer Mannschaft, wo jeder unbedingt Profi werden will, bleiben diverse Grabenkämpfe nicht aus. Auch unter Männern gibt es in so einer großen Gruppe Zickereien. Da wird schon auch mal Politik hinter dem Rücken gemacht und einfach herzhaft über die Kollegen gelästert. Die Benotung für uns im Fachmagazin Kicker war dafür immer ein gefundenes Fressen. Da wurde getuschelt und getratscht wie unter alten Waschweibern. Der ist ja schon wieder viel zu gut weggekommen, und auch der hätte höchstens eine vier Komma fünf und auf keinen Fall etwas Besseres verdient gehabt, hieß es dann.“ (S.103)

Entscheidend für den Wettbewerb um Position und Prestige ist immer auch der Anschein an Objektivität. Geschwindigkeit kann gemessen werden. Kraft kann gemessen werden. Ausdauer kann gemessen werden. Alle möglichen biophysiologischen Leistungsparameter können gemessen und bewertet werden. „Lediglich“ das Fußball spielen selber unterliegt hochgradig dem subjektivem Empfinden des jeweiligen (Selbst)Beobachters. Um hier Objektivität und Messbarkeit sowie Vergleichbarkeit vorzutäuschen werden Spieler nach Schulnoten mit einer Kommastelle bewertet.
Hier zeigt sich eine Neigung des kompetitiven Charakters, angelehnt an den autoritären Charakter (bzw. den sado-masochistischen Charakter nach Erich Fromm), Zahlen als objektivierendes Moment in sozialen Beziehungen hervorzuheben. Dahinter liegt das Verlangen nach scheinbarer Objektivität von Dingen, Waren, Gegenständen und quasi allem Leblosem. Zahlen und Rationalität (Vernunft) verleihen Sicherheit und Nachprüfbarkeit. Es ist die Orientierung am Haben im Gegensatz zur Orientierung am Sein, am Leben und an Gefühlen. Da sich der kompetitive Charakter permanent im Kampf (um Anerkennung und Selbstwerterhaltung bzw. Selbstwertsteigerung) befindet, verkümmern seine empathischen Fähigkeiten: wer ständig mit sich selbst beschäftigt ist, kann sich nicht auch noch mit anderen Menschen beschäftigen. Auch dies ist selbstverständlich eine Balance, die mal mehr zur einen mal mehr zur anderen Seite neigt. Je kompetitiver die Situation erlebt wird, desto weniger kann auf die Gefühle anderer Menschen wert gelegt werden.

„Egal ist einem so eine Note nicht, auch wenn man das vielleicht denken könnte. Zum einen geht es natürlich um das eigene Ego und wie die Außenwelt meine Leistung offenbar gesehen hat. Zum anderen schauen viele Vereine bei einer möglichen Verpflichtung auch auf die Durchschnittsnote eines Spielers. Oder lassen sie zumindest nicht unerheblich in die Bewertung einfließen.“ (S103f.)

Die Selbstwertbeziehungen drücken nicht nur das eigene Selbstwerterleben aus, sondern vor allem auch die gegenseitigen Bewertungen von Menschen in Beziehungen. Und eine Struktureigentümlichkeit aller menschlichen Beziehungen sind Machtbalancen.5 Menschen sind in ihrem Selbstwert von den Bewertungen anderer Menschen abhängig. Diese Bewertungen und die Wirkungsmächtigkeit dieser Bewertungen sind abhängig von der Machtposition und den Machtchancen der bewertenden Person(en). In diesem Fall handelt es sich um die Bewertungen der „Außenwelt“, also der Öffentlichkeit, der Fans und Zuschauer. Die Spieler könnten sich zwar eine gewisse Zeit lang von diesen Bewertungen versuchen zu distanzieren. Auf Dauer können sie sich der Fremdbewertung jedoch nicht entziehen. Der kompetitive Charakter braucht (mehr als andere Charaktertypen) die Anerkennung der Öffentlichkeit. Der eigene Selbstwert und der Wettbewerb darum werden zum Fetisch.

„Fußballer gilt gemeinhin als Traumjob. Dem kann ich in gewisser Hinsicht zustimmen. Man macht das, was einem Spaß macht und einen schon als Kid begeistert hat. Und verdient damit auch noch sehr gutes Geld. Neben dem materiellen Reiz geht es auch um Ruhm und Ehre. Man ist beliebt, bereitet Leuten mit seiner Unterschrift große Freude und posiert auf Fotos. […] in der Regel wird man auch im Bekanntenkreis bewundert für seinen Beruf und erhält viel Anerkennung.“ (S.118)

Timo Heinze fasst zum Ende hin noch einmal wesentliche Bestandteile des kompetitiven Charakters zusammen.
Es geht um Ruhm und Ehre, man ist beliebt, man wird bewundert und erhält viel Anerkennung. Ein Traumjob.

Und nicht wenige kompetitve Charaktere sind bereit sehr viel dafür zu tun, diese Selbstwertbeziehungen aufrecht zu erhalten. Oder bei entsprechendem Verlust zu kompensieren oder zu überkompensieren.

  1. Leider kann ich nicht mehr finden, wer das wo gesagt hat. Ich meine mich an Paul Watzlawick zu erinnern. Nur wo steht es? Ich nehme jeden Hinweis gerne entgegen. []
  2. Ein kleines Fußballturnier, angelehnt an die Weltmeisterschaft. Wörtlich: kleine Weltmeisterschaft. []
  3. Chauvinismus ist natürlich nicht auf Fußball beschränkt. []
  4. Aktuell wird das Italien-Trauma noch verstärkt durch die überraschende Halbfinalniederlage gegen Italien bei der EM 2012. []
  5. Vgl. Norbert Elias. Was ist Soziologie? Weinheim/München 2000, S. 77 []

Bildquellen

  • Sport2: © Alessia Epp - Fotolia.com

3 Kommentare

  1. Tanja sagt

    „Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter“ hab ich glaub ich mal bei Erich Fromm gelesen, meine ich. Und der hat da wohl sinngemäß Spinoza wiedergegeben

    „[…] Außerdem verstehen wir jetzt vollkommen (aus dem vorigen Zusatz und dem Zusatz II zu Lehrsatz 16 dieses Teils) den Unterschied zwischen der Idee z.B. des Peter, welche das Wesen des Geistes des Peter selbst ausmacht, und zwischen der Idee von Peter, welche in einem andern Menschen, etwa in Paul, ist. Denn jene drückt das Wesen des Körpers des Peter selbst direkt aus und schließt die Existenz nur ein, so lange Peter existiert. Diese dagegen zeigt mehr den Zustand des Körpers des Paul als die Natur des Peter.“ (Baruch de Spinoza: Ethik, 2 (Über die Natur und den Ursprung des Geistes), 17. Lehrsatz, Anmerkung)

    Kann mich aber auch irren…

  2. Sascha Pommrenke sagt

    Vielen Dank. Auf Spinoza wird es wohl zurückgehen. Hätte ich mir ja auch denken können, auf wen sonst wenn es um Emotionen geht 😉
    Allerdings ist der von Fromm oder Watzlawick geprägte Satz nun doch etwas griffiger und zitierfähiger. Nichts desto trotz: toller Hinweis!

  3. „“Was Paul über Peter sagt, sagt mehr über Paul als über Peter”

    Diesen Gedanken kann man auch weiter spinnen, denn er bezieht sich ja auch auf den, der das so sagt, und gibt damit Auskunft über einen Beobachter und weniger über Spinoza, Paul oder Peter. Der Beobachter will ja gar nicht etwas über Paul oder Peter sagen, sondern darüber, dass es man es mit einer Sozialdimension der Kommunikation zu tun hat, die aus der prozessierten Unterscheidung des Verhältnisses und der Perspektiven zwischen Ego und Alter ego resultiert.

    Vgl. dazu Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M. 1984, S. 122 ff.

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