Fall Mollath
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Das ist für beide Seiten blöd

Petra M. und der Nordbayerische Kurier

Die Ex-Frau von Gustl Mollath hatte rechtzeitig zu seiner anstehenden Aussage vor dem bayerischen Untersuchungsausschuss ihr langes Schweigen gebrochen. Ganz im Stile amerikanischer Rechtsstreitigkeiten wird vornehmlich ad hominem argumentiert und weniger sachbezogen. Und das, obwohl doch das Motiv Petra M.s gerade in der fehlenden objektiven Grundlage begründet sei.

Sicherlich ist es richtig und sogar notwendig, endlich auch die Gegenseite zu dem „Fall Mollath“ zu hören. Umso fragwürdiger erscheinen jedoch der Zeitpunkt der Veröffentlichung sowie der exklusive Ort. Der Nordbayerische Kurier ist nun nicht gerade über die Landesgrenzen bekannt, geschweige denn das richtige Medium, um der aktuellen Diskussion in Spiegel Online, Zeit, FAZ oder der Süddeutschen entgegenzutreten. Dem bisherigen Spin folgend, wäre ein Interview in SPON mit Beate Lakotta erwartbar gewesen. Warum wählt Petra M. also den Nordbayerischen Kurier aus für ihren Versuch mehr Objektivität in die Diskussion zu bringen?

Um das zu verstehen, muss man in den April zurückgehen. Am 12. April 2013 hatte Otto Lapp einen Artikel über Mollath geschrieben, der an Zynismus und Perfidie schwer zu übertreffen ist.1 Ob nun eine Nähe Otto Lapps zu den Netzwerken der Involvierten ausschlaggebend war oder ob einfach der gemeinsame Wertekanon dazu geführt hat, sich einen Journalisten zu suchen, der schon die richtige Einstellung zum Fall Mollath offenbart hat, mag dahin gestellt bleiben.

Teil 1

Was Otto Lapp von Mollath hält, hat er seinen wenigen Lesern2 im Artikel „Mensch Mollath“ mitgeteilt. Gleich die Eingangsfrage zeigt die Richtung an in die es gehen wird:

Sturkopf oder irre?

Eine andere Möglichkeit gibt es für Lapp anscheinend nicht. Und wenn Mollath kein Sturkopf ist, dann ist er eben irre. Man möchte eigentlich meinen, dass Journalisten wissen, welche Bedeutung und Wirkmächtigkeit Sprache hat. Vielleicht ist es ja bei einigen Kreisen auch guter journalistischer Stil Menschen abwertend und salopp als „irre“ zu bezeichnen. Und wenn man solch einen „Opener“ schreibt, dann weiß man als Journalist natürlich auch, dass die Wahrnehmung des Lesers für den weiteren Artikel gerichtet ist. Im Folgenden geht es um einen Irren. Einen Abweichler. Mindestens einen Sturkopf. Für die Onlineveröffentlichung der Nürnberger Zeitung wird dann auch ein anderer Opener verwendet.

Sie ist eine schlanke Frau, macht Sport, fährt Motorrad. Und sie hat Angst.

Lapp ist also der Meinung einen Artikel über die Aussagen von Petra M. müsse entweder damit beginnen Gustl Mollath als querulatorischen Abweichler oder als gefährlich zu kategorisieren. Zu diesem Zeitpunkt ist beim Leser bereits eine Gefühlsbereitschaft hergestellt. Hier spricht eine Frau, die Angst hat. Angst vor einem Irren. Pardon: Angst vor einem Irren? Wenn man keine Belege für seine Behauptungen hat, setzt man als Verschwörungstheoretiker oder als Journalist an das Ende seiner Sätze ein Fragezeichen. Fragen wird man ja wohl noch dürfen. Nur hat das dann mit Journalismus nichts mehr zu tun. Hier soll Stimmung erzeugt werden. Und zwar Gegenstimmung. Das zieht sich durch den gesamten Artikel Lapps. Lapp ist nah dran. Hat Mollath schon oft besucht, zumindest wird das suggeriert.

Der Besuchsraum des Bezirkskrankenhauses ist karg eingerichtet. Panzerglasfenster, spezialgesichert, an den Wänden naive Katzenbilder. […] Und es hallt leicht, wenn Mollaths Stimme lauter wird. Es sei „das System“.

Seit sieben Jahren kämpft er gegen dieses System, indem er einfach nicht mitmacht

Spezialgesichert. Eine Spezialformulierung von Lapp. Das Wort gibt es zwar so nicht in der deutschen Sprache, aber darauf kommt es gar nicht an. Hier wird jemand hinter Panzerglasfenstern (!) spezialgesichert. Man soll sich schon beim Lesen unwohl fühlen. Der Mann muss doch irgendwie gefährlich sein. Sonst würde man den doch nicht spezialsichern. Und so ein gefährlicher Typ faselt etwas vom System.

Lapp bedient sich hier des Narrativs des „Verrückten“. Denn nur diese sind natürlich gegen „das System“. Dieses unpersönliche, mächtige Irgendwas. Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass es das (!) System so gar nicht gibt.

Trotz der Verschwörung, die gegen ihn laufe. Gegen ihn, den Unbequemen. Wie unbequem er ist, erzählt er genauso oft und gern wie davon, wie er sich wehrt. Wie er sich als einziger wehrt in diesem System der Überwachung, der Bespitzelung, der Erniedrigung. Und als ob Gustl Mollath innere Zweifel beim Zuhörer merkt, sagt er öfter: „Es ist noch viel schlimmer, als die Öffentlichkeit vermutet.“

Lapp scheint eine Liste abzuarbeiten. Wenn man jemanden stigmatisieren, diffamieren und unglaubwürdig darstellen will, darf eines nicht fehlen. Der Vorwurf des Verschwörungstheoretikers. Als wäre es angesichts der Geschichte völlig absurd von einer Verschwörung als eine denkbare Möglichkeit auszugehen. Nachdem Lapp also Mollath in die Ecke des gefährlichen, wahnsinnigen Verschwörungstheoretikers gerückt hat, kommen die nächsten negativen Attribuierungen: er redet oft und gerne von sich. Und wer mag schon Egozentriker oder Egomanen. Und worüber redet er? Von einem System der Überwachung, Bespitzelung und Erniedrigung. Offensichtlich ist Lapp der Meinung, dass es so etwas ja gar nicht geben könne, weswegen er ja auch innere Zweifel hegt. An dieser Stelle möchte man Lapp Erving Goffmans „Aslye“ auf den Tisch knallen. Die Beschreibung Mollaths deckt sich mit der Beschreibung „totaler Institutionen“. Die Demütigung und Erniedrigung in Psychiatrien zu verneinen und somit die Glaubwürdigkeit Mollaths in Frage zu stellen, ist eine weitere nachträgliche Schmähung, die sich auch nicht mit der Unwissenheit Lapps rechtfertigen lässt. Selbst wenn man sich weigert Informationen zu totalen Institutionen oder zu „Überwachen und Strafen“ zu recherchieren, wäre es journalistisch redlich die Aussagen Mollaths wertfrei wiederzugeben und sie nicht durch den subtilen Kontext abwertend zu konnotieren.

Bei der Unterbringung, auch darüber haben Richter zu entscheiden, „zählt nur die Gefährlichkeit der Person“, sagt Klaus Leipziger, der sonst nicht viel sagt. […]Aber wie soll man jemanden untersuchen, der sich nicht untersuchen lässt? […}Weil Mollath nicht mitspielte, suchten die Ärzte „aus der Ferne“, bis sie etwas ausschließen konnten.

Und weil das Opfer sich seinen Tätern nicht völlig beugt, wird eben aus der Ferne gesucht. Man muss sich das Argumentationsmuster Lapps noch einmal vor Augen führen: „Weil Mollath nicht mitspielt…“ – wird die (Gemein)Gefährlichkeit eben aus der Ferne diagnostiziert. Geht halt nicht anders. Der Euphemismus „mitspielen“ wird einem erfahrenen Journalisten wohl kaum aus Versehen durchgerutscht sein. Hier wird Zwangspsychiatrisierung verniedlicht. Nutzt ein Mensch also seine Rechte, so ist er selbst Schuld. Die Empfehlung Lapps ist einem demokratischen Rechtsstaates unwürdig: Beugt euch dem Unrecht, dann habt ihr schnell wieder eure Ruhe. Das ist das Verhalten von Untertanen, aber nicht von Menschen, die die freiheitlich demokratische Grundordnung für Universal halten.

Die Ärzte fanden wohl heraus, dass ihr widerspenstiger Patient an einer „wahnhaften Störung“ leidet. Und gemeingefährlich ist.

Wie sie das herausfanden bleibt Lapp seinen Lesern schuldig. Wie so vieles. Diese Art des Behauptungsjournalismus scheint immer mehr um sich zu greifen. Diese Art zu schreiben kommt aus der Public Relation bzw. der Propaganda. Es sollen Gefühle erzeugt bzw. angesprochen werden. Begründungen sind dabei unwichtig, denn die merkt sich der Leser sowieso nicht. Was nach dem Lesen des Artikel allerdings bleibt ist das Gefühl, dass der Mollath doch irgendwie nicht ganz dicht ist, widerspenstig und gefährlich. Natürlich. Man muss es nur oft genug wiederholen in vielen verschiedenen Varianten. Umgangssprachlich heißt das: man muss nur mit genügend Dreck werfen, etwas bleibt schon hängen.

Was ist, wenn Gustl Mollath doch nicht nur dieser Sturkopf ist, sondern wirklich gemeingefährlich? Können sich so viele Ärzte, Pfleger und Gutachter über sieben Jahre immer wieder irren? Sieben Jahre? „Fragen, die sich aufdrängen (müssen)“, sagt Leipziger und setzt die Klammern mit Worten.

Mit Journalismus hat es spätestens ab hier nichts mehr zu tun. Inwiefern hier Pfleger überhaupt eine Rolle spielen sei dahingestellt. Lapp nutzt diese Berufsgruppe eh nur um eine Aufzählung zu suggerieren. Denn Ärzte und Gutachter sind im vorliegenden Fall natürlich identisch und sind somit eine völlig unsinnige Aufzählung. Und um „so viele“ Ärzte und Gutachter handelt es sich denn auch nicht. Der Erstgutachter Thomas Lippert übergibt an Wörthmüller. Dieser hält sich für befangen und gibt ab an seinen Kollegen Leipziger. Der wiederum gibt ab an seinen Kollegen Kröber. Da sich die Gutachter und Ärzte untereinander kennen, wäre es für einen guten Journalisten natürlich naheliegend hier mal zu recherchieren, ob es nicht eventuell ein Gutachter-Kartell gibt. Da aber leider gerade kein guter Journalist zur Verfügung stand, wird die höhnische Frage aufgeworfen, ob sich viele Fachleute irren können. Das mag für einen äußerst unbedarften Menschen eine rhetorische Frage sein, die automatisch mit „Nein“ beantwortet werden soll. Für alle anderen ergibt sich die von Lapp nicht intendierte Antwort: selbstverständlich können sich viele Leute irren. Hierfür gibt es nicht nur unzählige Beispiele in der Geschichte, zumal in der Wissenschaftsgeschichte. Hier gibt es vor allem zahlreiche Begründungszusammenhänge, warum (!) Menschen irren, zumal in Gruppen. Neben Klassikern wie den Konformitätsexperimenten von Asch, wären vor allem selbstwertdienliche Attribuierungen zu nennen (self-serving-bias, schließlich geht es immer auch um die eigene Reputation). Nicht zuletzt sollte man sich auch immer wieder die Rosenhan-Experimente vergegenwärtigen, bei dem „während des Tests keine Testperson vom Personal als gesund erkannt“ wurde. Können sich so viele Ärzte und Pfleger irren?

[An dieser Stelle musste ich einen Abschnitt entfernen, da WordPress aus völlig unnachvollziehbaren Gründen ansonsten den gesamten Beitrag nicht darstellen konnte.]

Vielleicht ist sich Lapp nicht ganz klar, was er da schreibt und hat einfach eine Phrase verwendet. Tragik zeichnet sich aber durch eine mitleiderweckende sowie furchteinflößende Situation aus. Und genau das ist es auch: furchteinflößend. Ist es tatsächlich möglich, dass jemand in Deutschland jahrelang weggeschlossen, psychiatrisiert, gedemütigt und gar entmündigt wird, nur weil er sich nicht „beugt“? Ist die forensische Psychiatrie also eigentlich doch Beuge- bzw. Erzwingungshaft? Das Menschen- und Gesellschaftsbild, das durch die wohlfeilen Formulierungen Lapps hindurchscheint, ist ebenfalls furchteinflößend. Mit einer Neigung zur Punitivität, ist es wohl noch milde beschrieben.

Die einfache Lösung wäre gewesen: wenn er sich hätte untersuchen lassen. Er ist ja nicht irre. Aber jeder Arzt ist in seinen Augen Teil des Systems. „Komisch wird’s, wenn Menschen nur noch die andere Seite sehen“, sagt ein Gutachter. Mollaths einziges Ziel war immer eine vollständige Rehabilitation – ohne Urteil. Ohne Bedingungen. Ein beteiligter Psychologe deutet das so: „Er ist vor sieben Jahren an der Startlinie stehen geblieben.“ Das sei für beide Seiten „blöd“.

Der Leser soll ja nicht vergessen, wer hier der Schuldige ist. Mollath lässt sich schließlich einfach nicht untersuchen. Selber Schuld. Immerhin würde er auch jeden (sic!) Arzt zum System zählen. Aber ist das wirklich so? Oder ist das wieder nur eine Behauptung? Zählt er möglicherweise nur einige wenige zu einem System, einem Netzwerk der Macht? Nicht eine diffuse Menge, sondern ganz klar benennbare Personen? Das könnte man natürlich recherchieren. Es liegt nahe, dass Mollath sich ganz deutlich auf Wörthmüller und Leipziger bezieht und wohl auf Lippert. Welche Rolle diese „Ärzte“ sowie Kröber in diesem „Mehrpersonenstück“ gespielt haben, muss noch deutlicher herausgearbeitet werden. Otto Lapp wird dazu jeden Falls keinen Beitrag leisten.

Es mutet äußerst verwirrend an, dass ein Journalist die selbstverständliche Forderung eines unbescholtenen Bürgers nach vollständiger Rehabilitation negativ einordnet.3 Dafür zitiert er munter anonyme Psychologen und Gutachter. Und geradezu menschenverachtend wird zynisch geschlossen, dass es ja für beide Seiten blöd sei. Angesichts dieser infamen Relativierung, würde eine Rüge des deutschen Presserates sicherlich nicht übertrieben wirken.

Der Rest des Artikels ist nicht besser und es gäbe noch zahlreiche Stellen, die man nicht unkommentiert stehen lassen dürfte. Eines sollte aber bis hierher klar geworden sein, nämlich warum Petra M. den Nordbayerischen Kurier, bzw. Otto Lapp ausgewählt hat, um ihre „Sicht der Dinge“ zu veröffentlichen.

In Kürze folgt Teil 2

  1. Der Artikel ist, mit geändertem Header, hier ohne „paywall“ einsehbar: http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nurnberg/mollaths-ex-frau-bricht-zum-ersten-mal-ihr-schweigen-1.2965024 []
  2. Gemessen an den sechs Kommentaren zum Artikel „Mensch Mollath“ []
  3. Hier würde auch die Eigenwahrnehmung Mollaths ausreichen, denn darum geht es Lapp ja an dieser Stelle. Insofern geht es hier auch gar nicht darum, ob sich Mollath irgendwelcher Straftaten zu verantworten hat. []

6 Kommentare

  1. Heinz Westenrieder sagt

    Heute früh hat mich eine – der Stimme nach – reizende Frau vom „Nordbayerischer Kurier“ angerufen und mit gesagt, mein Leserbrief (zu dem Interview von Frau Petra Maske) wird abgedruckt.

    Ich hoffe nur, dass mein Text nicht sinnentstellend gekürzt wird.

    Gruß

    Heinz Westenrieder

    • Heiner Gierling sagt

      @Heinz Westenrieder

      Können Sie den veröffentlichten Leserbrief an die Betreiberin des Wolff-Blog schicken, damit er dort ggf. eingestellt werden kann?

  2. Elke Meissner sagt

    Mein Leserbrief an Herrn Lapp vom Nordbayerischen Kurier vom 11.06.2013 wird nicht abgedruckt. Darin habe ich die einseitige und höchst tendenziöse Berichterstattung anhand des Artikels „Mollath auf dem Weg nach München“ vom 11.06.2013 kritisiert – zugegebenermaßen sehr scharf und provozierend.

    Die Analyse der Lapp’schen Texte hier ist exzellent!

  3. S. Kolb sagt

    Als gebürtiger Bayreuther schäme ich mich zutiefst wie „mein“ regionales Käseblatt solche Artikel publiziert kann. Aber es wirkt: In Gesprächen mit Bayreuhern, die nur den NBK lesen, wurde mir immer wieder berichtet, dass dieser Mollath „nicht ganz sauber“ ist. Toll gemacht Herr Lapp, ihre einseitige Berichterstatting wirkt, zumindest in der Bayreuther Provinz.

  4. Herr Anonym sagt

    Es ist in der besagten Klinik tatsächlich so. Wenn man sich nicht beugt, tritt man auf der Stelle. Es ist Programm nach dem Mund der Ärzte, Pfleger, Gutachter und Therapeuten zu reden. Alles andere ist nonsens und die Wahrheit darf man auch nicht sagen weil man sich damit alles verbaut und auf sämtliche Lockerungen etc. verzichten muss. Ich durfte das vor Jahren selbst erleben und „musste“ mich beugen weil ich die Freiheit sonst so schnell nicht wieder gesehen hätte.

    Aus meinen Augen alles ein abgekartetes Spiel und erlauben Sie mir die Aussage: Von den tollen Gutachtern und Ärzten, bräuchten so einige selbst einen Psychiater und eine Therapie.

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