Fall Mollath
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Petra M. bricht ihr Schweigen – Exklusives Bedeutungsloses

Otto Lapp und der Nordbayerische Kurier haben sich besonders hervorgetan in einseitiger und manipulativer Berichterstattung in Bezug auf den Fall Mollath. In Teil 1 hatte ich den Artikel „Mensch Mollath“ als Beispiel angeführt. Im Nordbayerischen Kurier finden sich jedoch noch zahlreiche weitere Beiträge, die selbst ein Mindestmaß an journalistischer Objektivität vermissen lassen. Zumindest hat die tendenziöse Berichterstattung dazu geführt, dass Petra M. das Gespräch mit dem Kurier gesucht hat. Im zweiten Teil soll es einerseits um die Art und Weise der Berichterstattung gehen, andererseits sollen auch die Aussagen und „neuen Erkenntnisse“ des Artikels „Fall Mollath: Warum die Ex-Frau all seinen Behauptungen widerspricht“ gehen.

Petra M. hatte sich also entschieden der „hysterisch und weit entfernt von objektiven Grundlagen“ geführten Diskussion entgegenzutreten und ihre „Sicht der Dinge“ mitzuteilen. Das ist nur zu begrüßen, waren und sind einige Artikel doch wirklich weit entfernt von objektiven Grundlagen (siehe einige Artikel bei SPON, Zeit und vor allem dem Nordbayerischen Kurier, neuerdings auch CICERO). Insofern ist es dringend geboten, der Versachlichung der Diskussion Vorschub zu leisten. Der gesamte Artikel ist allerdings schwer zu verstehen, wenn man lediglich die tatsächliche Berichterstattung rund um den Fall Mollath zugrunde legt. Das „Gespräch“ von Petra M. mit dem Nordbayerischen Kurier sowie die dazugehörigen „Recherchen“ müssen wohl vor allem mit dem kürzlich erschienenen Buch „Die Affäre Mollath – Der Mann, der zu viel wusste“ von den SZ-Redakteuren Uwe Ritzer und Olaf Przybilla in Zusammenhang gesehen werden. Denn einige der „Widerlegungen“ Lapps bzw. Petra M.s richten sich offensichtlich direkt gegen das Buch, denn im öffentlichen Diskurs geführt in den Zeitungen und Onlinemedien finden sich die entsprechenden Stellen gar nicht.

So verabschiedet sich der gute Vorsatz schon im ersten Absatz. Entweder ging es dann wohl nie um Versachlichung oder Petra M. hätte sich doch eines anderen Journalisten bedienen sollen.

Gustl Mollath war niemals ein erfolgreicher Geschäftsmann, als der er sich bezeichnet – und Millionär war er schon gar nicht. Das beweisen die Bilanzen seines früheren Betriebes, das Grundbuch – und das beweisen die Schuldtitel seiner Frau.

Hatte Gustl Mollath behauptet er sei Millionär gewesen? Mit einer kurzen Recherche zeigt sich, dass lediglich die BILD behauptet der „Ferrari-Händler“ sei Millionär. Ansonsten findet sich diese Passage so nur noch im erwähnten Buch der SZ-Redakteure. So hatte Mollath wohl einst behauptet, sein Vermögen (inkl. Haus und Fahrzeugen) belaufe sich auf etwa eine Million. Das lässt sich so natürlich nicht mehr überprüfen, denn niemand weiß, für wie viel das Elternhaus Mollaths hätte verkauft werden können. Die Zwangsversteigerung für knapp 220.000 Euro gilt zumindest als erheblich zu gering. Möglicherweise wurde hier übertrieben. Und das Mollath kein allzu erfolgreicher Geschäftsmann war, dürfte mittlerweile auch bekannt sein. Nur, welche Bedeutung soll das überhaupt haben? Welche Rolle spielen denn die Einkommens- bzw. Vermögensverhältnisse von Gustl Mollath in diesem Skandal? Er war kein erfolgreicher Geschäftsmann, selbst wenn das stimmt, was erklärt das? Er war kein Millionär, auch wenn das vermutlich stimmt, was bedeutet das? Welche Rolle spielt das für seine Zwangspsychiatrisierung, für ein Wiederaufnahmeverfahren, für alle die Ungerechtigkeiten, Fehler, Verschleierungen, Demütigungen und möglicherweise absichtsvolle Handlungen, um ihn wegzusperren?

Offensichtlich wird hier wieder ad hominem argumentiert. Die Tatsache selber ist völlig irrelevant, aber es besteht die Möglichkeit Mollath damit unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Das ist dann wohl das Argumentationsmuster, das durch den Artikel Lapps führen wird.

Als Gustl Mollath seinen Betrieb 1983 gründete, war er 27 Jahre alt, hatte zwei Studiengänge nach kurzer Zeit geschmissen und als kaufmännischer Angestellter bei der Firma MAN gearbeitet.

Ist der allgemeine Sprachgebrauch nicht, dass man sein Studium abbricht? Wenn ein Journalist, dessen Material die Sprache ist, von „geschmissenen“ Studiengängen schreibt, dann geht es ihm wohl nicht um die Feststellung der Tatsache, sondern um die negative Konnotierung derselben. Als Tatsachenfeststellung hätte es gerade noch dazu getaugt, der Fehlbeschreibung in einigen Medien entgegenzuwirken Mollath sei Ingenieur. Mit der entsprechenden Formulierung Lapps reicht es nur noch dazu mit einem alten Bonmot Watzlawicks zu kommentieren: Wenn Peter etwas über Paul sagt, erfahren wir mehr über Peter als über Paul. ((Leider kann ich nicht mehr nachvollziehen, ob dieses Zitat tatsächlich so von Paul Watzlawick stammt. Sollte jemand sachdienliche Hinweise haben, wäre ich sehr dankbatr!)) Das bedeutet, dass wir also nicht wirklich etwas über Gustl Mollath erfahren, sondern vielmehr über die Einstellungen, Werte und Motive Otto Lapps. Und ganz offensichtlich herrscht hier kein Informationsinteresse Lapps vor, sondern ein Desinformationsinteresse oder anders: es ist der Versuch Stimmung zu erzeugen.

Er mietete sich eine 90 Quadratmeter große Halle, kaufte sich eine Hebebühne für Motorräder und eine Reifenwuchtmaschine, handelte mit Motorradreifen und schraubte später an italienischen Sportwagen herum.

Und so geht es dann auch munter weiter. Mollath ist also nicht ein bekannter Restaurator mit einem erheblichen handwerklichen Geschick und Können, sondern ist despektierlich ein Schrauber. Lapp oder Petra M. (oder beiden) ist sehr daran gelegen, jedes noch so kleine Detail der Geschichte umzudeuten. Warum? Welche Rolle spielt es denn, ob Mollath ein Schrauber war oder ob er ein bekannter Restaurator war? Für die Sache ist es weitestgehend irrelevant. Um den Diskurs zu beherrschen ist es hingegen schon wirkungsvoll. Der Unterstützerkreis um Mollath und Mollath selbst, haben es geschafft ein nicht gerade geringes Identifikationspotenzial zu schaffen. Nicht wenige Menschen fühlen mit Mollath mit und sind entsprechend empört ob der skandalösen Geschehnisse. Das dürfte auch der Grund sein, warum Petra M. und Otto Lapp so sehr bemüht sind, Mollath mit negativen Eigenschaften zu belegen, ein negatives Image aufzubauen. Mit einem „unfähigen Irren“ identifiziert man sich schließlich nicht.

„Sogar die Miete habe ich die letzten beiden Jahre gezahlt“, sagt Petra M. Inzwischen verdiente sie gut und hatte Erbschaften gemacht.

Petra M. bezahlt also die Miete für die Werkstatt, das Unternehmen von Gustl M. Nicht all zu ungewöhnlich in Ehen. Wenn einer besser verdient als der andere, wird dieser unterstützt. Viel interessanter an dieser Stelle sind ja die angesprochenen Erbschaften. Offensichtlich ist es Lapp keine Nachfrage wert. Was waren das für Erbschaften? Hätte sich Lapp nur ein wenig mit dem Fall auseinandergesetzt, hätte sich die Frage aufgedrängt, geradezu aufgezwungen, ob es denn üblich sei, von Kunden 800.000 Euro zu erben.1 Unzählige weitere Fragen würden sich im Zusammenhang der Erbschaften ermöglichen. Aber Lapp interessiert sich nicht für Geld.2 Obwohl genau das doch der Ausgangspunkt in diesem gesamten Skandal ist.3 Verblüffend.

Erbschaften, die er machte, Teile von Erbschaften, die sie machte, und 150000 Mark aus zwei Versicherungen, die für einen Wasserschaden im Haus zahlten – alles versickerte in der Halle beim Westfriedhof.

Versickerte das Geld in der Halle oder wurden Investitionen in das eigene Unternehmen getätigt? Glaubte man möglicherweise an das eigene Unternehmen? Hatte man Vertrauen, dass, ob der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, das Unternehmen auch profitabel werden könnte? Was dort genau geschehen ist, wissen nur Petra M. und Gustl Mollath. Dass man mit Sprache ein und denselben Sachverhalt sehr unterschiedlich ausrichten kann, das weiß Lapp allerdings auch. Und darin ist er offensichtlich auch sehr geübt. Nur wo ist die eingeforderte Objektivität? Nur weil nun die Position von Petra M. in die Öffentlichkeit getragen wird, hat das ja nichts mit Objektivität zu tun. Wie man bei Lapp lesen kann, sogar ganz im Gegenteil.

Bilanzberichte zeigen, wie schlecht Mollaths Betrieb lief: Bis 1998 schwankten die Verbindlichkeiten zwischen etwa 400000 und 700000 Mark.

Was sind das für Taschenspielertricks, denen sich Lapp nun bemüht? Was sagen denn Verbindlichkeiten aus? Hier wird höchst manipulativ versucht, den Eindruck der Überschuldung entstehen zu lassen. Verbindlichkeiten sind ein Posten einer Bilanz. Ohne die Forderungen zu kennen oder besser noch die gesamte Bilanz sagt das überhaupt nichts aus. Die Bilanz der Volkswagen AG wies zum 31. Dezember 2011 27.333 Millionen Euro Verbindlichkeiten aus. Nun würde man nicht gerade behaupten können VW wäre insolvent oder könne nicht wirtschaften.

„Eigentlich hätte er das Geschäft dicht machen müssen“, sagt sie heute, und zwar schon sehr viel früher. 2000 zog sie die Reißleine: Sie zahlte die Miete nicht mehr.

Warum? Wäre auch das nicht eine Nachfrage wert gewesen? Weshalb zieht sie die Reißleine? Weshalb zahlt sie einfach die Miete nicht mehr? Reden die Eheleute nicht miteinander? Einigen die sich nicht darauf, dass das Unternehmen gescheitert ist? Was war da los? Lapp interessiert es nicht.

Der Vermieter wollte klagen. Mollath räumte seine Werkstatt, stellte die Sachen in den Keller und warf dem Vermieter die Schlüssel ohne Kommentar in den Briefkasten. Er hatte noch nicht einmal die Halle renoviert, wie es im Mietvertrag stand. Petra M. zahlte daraufhin mehr als die Hälfte der Mietschulden von 15000 Mark. Es war eines ihrer letzten „Darlehen“.

Ohne Kommentar in den Briefkasten. Pfui, möchte man da rufen. Jeder anständige Lapp überbringt den Schlüssel mit einem Kuchen und einem riesigen „Dankeschön für die schöne Zeit“. Ernsthaft: was soll das schon wieder bedeuten? Mollath sitzt zu Recht in der Psychiatrie weil er so „unverschämt“ ist und Schlüssel nicht persönlich übergibt? Wohl kaum. Die Methode Lapps ist ermüdend. Das handwerkliche Repertoire des Journalisten ist ebenso wie seine Sichtweise auf den Fall sehr beschränkt. Wieder und wieder werden Nichtigkeiten behauptet, die für den Skandal und die schwerwiegenden Vorwürfe überhaupt keine Rolle spielen, die aber dazu geeignet sind ein negatives Bild Gustl Mollaths zu zeichnen. Dahinter steckt immer unausgesprochen: der Mann ist ein Versager und Lügner, ein antisozialer Irrer. Damit ist ein Punkt auf der Liste zur Herstellung von Objektivität abgearbeitet. Neue Erkenntnisse? Kaum. Der Betrieb von Gustl Mollath lief nicht gut, weshalb er sich verschuldete und möglicherweise größere Summen von seiner Frau angenommen hat. Alle anderen „Schlussfolgerungen“ Lapps sind reine Stimmungsmache, Manipulation, also schlichter Boulevard.

Am 30. Mai 2002 verließ Petra M. einen überschuldeten Mann, auf dessen Haus in Erlenstegen eine hohe Hypothek lastete. „Das ist keine Villa“, sagt sie. Das Haus steht in keiner teuren Lage und „war auch nicht in bestem Zustand“. Und vermüllt obendrein.

Ab wann ist ein Haus eine Villa? Was ist eine teure Lage? Vielleicht ist ja die Volbehrstraße nicht die teuerste in Erlenstegen. Andererseits ist Erlenstegen nun nicht gerade die günstigste Gegend Nürnbergs.

Welcher Nürnberger schielt nicht immer wieder mal nach Erlenstegen und wünschte sich, dort zu wohnen. Denn Erlenstegen ist der Villenvorort überhaupt. […]Erlenstegen war schon immer das Nobelviertel Nürnbergs. […]Wer es sich also leisten kann – hier wohnt man gut! (Quelle: Erlenstegen –Wo Luxus auch viel kostet)

Oder:

Östlich vom Nürnberger Stadtzentrum liegt das schicke Erlenstegen. Wunderschöne Stadtvillen mit gepflegten Gartenanlagen reihen sich locker nebeneinander auf und geben dem Stadtteil seinen mondänen Charakter. […] Des Weiteren verfügt der Villenvorort über sehr gute Innenstadtanbindungen. (Quelle)

Wird hier der Versuch unternommen Objektivität in die Diskussion zu bringen oder rechtfertigt sich hier jemand, ohne dass der Journalist mal kritisch nachfragt, ob das Gesagte so stimmen kann? Warum behauptet Petra M. das Haus sei keine Villa und in keinem guten Zustand? Liegt es vielleicht daran, dass sie selbst es ersteigert hat bei der Zwangsversteigerung? Allein, dass Petra M. das Haus ersteigert hat, ist doch zahlreiche Nachfragen wert! Dann bekommt sie es für ein Schnäppchen und darf beim Nordbayerischen Kurier noch rechtfertigen, dass das doch monetär auch so in Ordnung ging. Die Behauptungen muss man im Zusammenhang denken – es sind Rechtfertigungen, Gegenreden und nicht zuletzt Schutzbehauptungen für noch nicht aufgeworfene Fragen bzw. Anschuldigungen. Aber diese würden in einem Wiederaufnahmeverfahren wohl definitiv gestellt werden. Und damit der geneigte Leser gar nicht erst soweit denkt, wird auf die „Vermüllung“ hingewiesen. Die anscheinend kein Zitat war. Aber wohl doch irgendwie stimmen soll oder zumindest stimmen könnte.

Petra M. berichtet, dass er sich schon in der Ehe immer mehr zurückgezogen hatte, viele Tage zu Hause bei heruntergelassenen Rollos verbrachte.

Na, wer seine Rollos heruntergelassen hat, der hat wohl was zu verheimlichen. Der zieht sich zurück (unausgesprochen: in seine Phantasiewelt). Auch hier: was erklärt es? Mollath ist antisozial? Seltsam? Vielleicht ist eine krisenhafte Ehe und der Verlust eines Traumes (des eigenen Betriebs inklusive der italienischen Sportautos) aber auch ein sehr vernünftiger oder zumindest nachvollziehbarer Grund, um sich zurückzuziehen. Vielleicht wurde Trauerarbeit geleistet, vielleicht keine konstruktive, vielleicht depressive? Wer weiß das schon? Und viel wichtiger: wer wollte das verurteilen?

Nach der Trennung klagte Petra M. gegen ihren Mann. Sie wollte ihr Geld wiederhaben, all die „Darlehen“, die sie ihm gewährt hatte. Vor dem Amts- und dem Landgericht Nürnberg bewies sie, wie viel Geld sie ihrem Mann geliehen hatte: insgesamt mehr als 300000 Euro. Alle rechtskräftigen Urteile mit Aktenzeichen liegen dem Kurier vor. Sie wurden lange vor Mollaths Unterbringung in der Psychiatrie gefällt. Und vor seiner Scheidung.

Vor der Scheidung? Ja, aber was bedeutet das? Die Scheidung wurde erst 2004 vollzogen. Das ist zwei Jahre nach Petra M.s, von Edward Brauns behauptetem Satz, „Wenn Gustl mich und meine Bank anzeigt, mache ich ihn fertig. Mir geht es nicht um die vermutliche Rechtmäßigkeit der Forderungen Petra M.s. Möglicherweise, und dies hätte man mit einigen Nachfragen durchaus klarer stellen können, war dies aber bereits ein Teil des „Fertigmachens“. Zumindest mutet die zeitliche Einordnung Lapps seltsam an. Wann war das genau? Wann wurde das alles initiiert?

Aber um objektive Berichterstattung geht es ja eh nicht. Es geht einzig darum, Gustl Mollath zu diskreditieren. Ein „armer Irrer“. Und zwar wortwörtlich. Offensichtlich soll wohl ein „Geld“-Motiv konstruiert werden.

Weil Mollath seine Schulden nicht bezahlen konnte, versteigerte die Bank sein Haus. Sogar ein Jahr später als geplant, weil die zuständige Justizangestellte das Verfahren „prüfte und prüfte und prüfte“, sagt Petra M. Sie selbst hatte versucht, den Wert des Hauses nach oben zu treiben. „Weil ihr noch etwas an ihm lag“, heißt es über Petra M. in einer Aktennotiz, die dem Kurier vorliegt

War es bisher nur Unverschämt, wird es jetzt abstrus. Zu erst kommt wieder eine vorwegnehmende Erklärung: sogar ein Jahr später als geplant. Wieso sogar? In welchem hier aufgemachten Zusammenhang ist das „sogar“ wichtig? Es wird wichtig, wenn man die Chronologie der Ereignisse im Hinterkopf hat. Versteigert wurde das Haus, als Gustl Mollath bereits Zwangspsychiatrisiert war. Dafür konnte natürlich niemand etwas. Das war lediglich eine unglückliche Fügung, weil eine Justizangestellte so lange prüfte. Das soll also bedeuten, so die Metaebene der kurzen Textstelle, das haus sollte bereits versteigert werden, als Mollath noch nicht weggesperrt war.

Der größere Unsinn ist aber im zweiten Teil enthalten. Petra M. hatte noch versucht, den Wert des Hauses nach oben zu treiben. Das ergibt wirklich keinen Sinn. War sie es doch selber die das Haus für 226.000 Euro ersteigerte. Oder soll das heißen, das war aus versehen geschehen? Sie wollte nur durch das Mitbieten den Preis hochtreiben? Lapp erwähnt nicht einmal, dass Petra M. das Haus ersteigert hat. Was ist das für eine Vorstellung des Berufsethos?

Warum ersteigerte Petra M. das Haus? Hat sie dadurch eine günstige Immobilie erstanden? Für wie viel hat sie es weiter veräußert? Und was soll das für eine absurde Aktennotiz sein? In welcher Akte, hat da wer, solch eine merkwürdige Notiz hinterlassen. Fragen über Fragen, die ein Journalist natürlich hätte stellen können.

Aber mit komplizierten Nachfragen wollte sich Lapp offensichtlich nicht verwirren lassen. Viel mehr wird das nächste abzuarbeitende Thema eingeworfen: einen Rosenkrieg? Den gab es nicht.

Mollath sei ein sehr eifersüchtiger Mann gewesen, der sie stark kontrolliert habe. „Wo warst du so lange?“ oder „Von der Bank bis nach Hause – das kann doch nicht so lange dauern.“ Solche Sätze hatte sie oft gehört. Ein ehemaliger Kollege von ihr: „Immer musste sie nach Hause bei Veranstaltungen, sonst hätte es Stress mit ihrem Mann gegeben.“

Eifersüchtig war er also auch noch. Das Gesamtbild soll sich fügen. Doch sind die Zitate dazu wider einmal wenig geeignet. Wo warst du so lange, ist jetzt nicht gerade Ausdruck des gemeingefährlichen Zorns des eifersüchtigen Ehemannes. Besonders beeindruckend, und hier wird Otto Lapp stilbildend, ist das Zitieren anonymer Personen, die quasi aus dem Off zur richtigen Gelegenheit immer einen Satz einzuwerfen wissen. Ein ehemaliger Kollege. Aha. Martin Maske möglicherweise? Der war ja anscheinend eh bei mindestens einem Gespräch anwesend. Und ehemaliger Kollege war er schließlich auch. Gelogen wäre es also nicht.

Und es sei ein gutes Gefühl gewesen, „zum ersten Mal wieder das eigene Geld in der Tasche zu haben“.

Das ist natürlich Blödsinn. Zuvor wurde beschrieben, dass Petra M. 300.000 Euro Forderungen gegen ihren Ex-Mann geltend gemacht hat. Das eine (!) Erbe betrug ja schon mindestens 800.000 Euro. Insofern dürfte sie ja mindestens über eine halbe Million „in der Tasche“ gehabt haben. Was ich mich in diesem Zusammenhang frage, ist warum eigentlich in diesem Skandal alle so maßlos übertreiben. Die Justiz in Bayern ist fehlerlos, die Gutachter irren nie, Mollath ist absolut irre und gefährlich, Petra M. Ist ausschließlich Opfer. Alle Involvierten scheinen nicht in der Lage zu sein zu differenzieren. Die Welt wird in dichotome Positionen aufgeteilt: gut und böse, real und irreal, vernünftig und wahnsinnig, fehlerhaft und fehlerfrei. Dabei kann man sich doch so einfach merken: „Immer“ ist immer falsch. Und „nie“ ist nie richtig. Diese Simplifizierung mag ein politisches Manöver zur populistischen Erzeugung von Mehrheiten sein. Nur wird der Diskurs in diesem Falle nicht von der politischen Elite bestimmt. Auch wenn die Öffentlichkeitsarbeiter von Legislative und Judikative permanent versuchen über ihre „Kanäle“ die Deutungshoheit zurück zu erlangen. Doch Spon, Spiegel, Zeit, Cicero und Nordbayerischer Kurier scheitern bisher. Zu offensichtlich ist die Manipulation, zu skandalös sind die Geschehnisse um Gustl Mollath.

Rosenkrieg? „Nein“, sagt sie noch mal. Das Thema mit den angeblichen Geldverschiebungen „war damals keins“. Das bestätigen auch ihre Familienangehörigen.

Wie können Familienangehörige so etwas bestätigen? Woher wollen die wissen, worüber die Eheleute geredet haben? Als ob Petra M. ihre Familie in Schwarzgeldverschiebereien eingeweiht hätte. Und welche Familienangehörigen? Na die Anonymen.

Als Soziologe bin ich ja immer geneigt, erst einmal nicht von absichtsvollen Handlungen auszugehen, sondern vielmehr strukturelle und als Sozialpsychologe situationistische Bedingungen anzunehmen. Soll hier heißen: prinzipiell ist solch ein Journalismus auch zu erklären ohne dass man davon ausgeht, dass Lapp hier einen direkten Auftrag erhalten hat. Es reicht aus, dass Lapp die gleichen Werte mit Petra M. oder anderen Involvierten teilt. Es reicht aus, dass er sich als der einzige Sehende unter den Blinden glaubt. Es würde auch genügen anzunehmen, er wollte schlichtweg seine Bekanntheit und die Auflage der Zeitung steigern. Aber was soll man von folgenden Aussagen halten?

Tatsächlich datieren die ersten Briefe, in denen Mollath von Schwarzgeld spricht, ab 12. August 2002, also erst nach der Trennung von seiner Frau am 30. Mai.

Ist das sein ernst? Kann man das noch gutwillig betrachten? Gibt es nicht die leiseste Stimme des Zweifels bei Otto Lapp? Die normative Kraft des Faktischen: „Tatsächlich!“ Es dürfte so einige Leser geben, die sich fragen, woher er das wohl wissen will. Kennt er alle (!) Briefe? Hat er sich nicht wenigstens mal gefragt, ob er möglicherweise vielleicht nicht alle Briefe gesehen hat? Hier liegt nun ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem vor. Nicht nur von Petra M., sondern auch von Otto Lapp und dem Nordbayerischen Kurier. Denn das die oben aufgeführte Behauptung so nicht stimmt, kann Michael Kasperowitsch von den Nürnberger Nachrichten klarstellen:

Auch dem widersprechen Briefe, die unserer Redaktion vorliegen. Sie stammen aus dem Jahre 2000.

Für Lapp hingegen ist alles Eindeutig. Und so führt der Weg über den Stalker Mollath zum Gewalttäter Mollath. Und hier ist besondere Aufmerksamkeit eingefordert. Ist dies doch der Kern des Skandals.

Allerdings sagte Petra M. schon 2006 vor Gericht, dass er sie immer wieder geschlagen habe.

Dann muss es stimmen. Hat Otto Lapp eigentlich irgendetwas von den Wideraufnahmeanträgen gehört?

In einem seiner Briefe behauptete er, sich einmal „gewehrt“ zu haben gegen körperliche Angriffe seiner Frau. „Ich habe damals 54 Kilo gewogen“, sagt sie. Und er mehr als 90. „Ich habe ihn nicht angegriffen.“

Er behauptet. Sie sagt. Und schon ist das Realität konstruiert. Nur, was ist das für eine unsinnige Begründung. Was hat das Gewicht mit Gewalttätigkeit zu tun? Es sagt etwas über Möglichkeiten aus, aber nichts über Motive. Und so verbleibt es bei Aussagen, die wieder niemand belegen oder widerlegen kann. Eine Behauptung steht gegen eine andere Behauptung. Und weil das Petra M. natürlich auch weiß, gibt es die erste Überraschung im Text.

Einer Person konnte sie es nicht verheimlichen – es war eine Art Zufall. Der Kurier sprach mit dieser Person, sie will auf jeden Fall anonym bleiben, sie habe „sehr sehr große Angst“ vor Mollath. Sie stammt nicht aus dem Familien- oder Freundeskreis der Mollaths.

Die Anonymität vermag schon gar nicht mehr überraschen. Immerhin kann es nicht schon wieder Martin Maske sein. Auf jeden Fall ist es wichtig den Namen Mollath mit ‚großer Angst‘ zu assoziieren.

Als sie Petra M. traf, in jener Situation, „da hab ich’s gesehen“. Die Verletzungen hätten nicht „von etwas anderem herrühren können“. Petra M. sei von ihrem Mann „über eine ganz lange Zeit so“ geschlagen worden. Sie, die Person, könnte viel darüber erzählen. „Ihnen kämen die Tränen.“

Wo war die Person im Gerichtsverfahren gegen Mollath? Die Gewalttätigkeit Mollaths hätte dadurch doch grundlegend bestätigt werden können. Es erscheint etwas verwirrend, dass die Person vor Gericht nicht ausgesagt hat, sieben Jahre später aber dem Nordbayerischen Kurier „anonym“ schwere Anschuldigungen in den Block diktiert. Sie könnte darüber sogar viel erzählen. Ja, warum macht sie es denn nicht? Wann wenn nicht jetzt?

Auch andere Gesprächspartner erinnern sich an Mollaths „Gewaltbereitschaft“: Eine Person, wie viele möchte sie aus Angst vor Mollath anonym bleiben, bestätigt dem Kurier, dass er Petra M. „schon vor der Ehe grün und blau“ geschlagen habe. Und sie bestätigt das Gerücht, Mollath habe „schon seine Mutter geschlagen“: „Das ist richtig.“

Der Mann muss tatsächlich gemeingefährlich sein. Schließlich haben ja reihenweise Menschen Angst vor dem Gewalttäter. Schon vor der Ehe hat er sie verprügelt? Also eigentlich schon immer. Und gewusst haben es auch schon immer zahlreiche anonyme Personen. Es verwundert ein wenig, dass diese ganzen zeugen der Gewalttätigkeiten Mollaths niemals vor Gericht ausgesagt haben, aber sich nun an den Investigativjournalisten Otto Lapp wenden.

Um etwas klar zu stellen: hier sind tatsächlich Neuigkeiten. Nur leider sind sie nicht annähernd zu verifizieren. Alle Beschuldigungen werden anonym vorgetragen. Es stellt sich unwillkürlich die Frage, ob Lapp mit diesen Personen face-to-face gesprochen hat oder ob er lediglich mit ihnen telefoniert hat. Mich erschleicht das Gefühl, das es Letzteres war. Werden diese Personen bei einer neuen Gerichtsverhandlung ebenfalls aussagen? Oder schützt die Anonymität nicht nur vor Mollath?

Der Unternehmer Werner S. sagt im Kurier-Gespräch, Mollath habe „psychisch angeschlagen“ gewirkt.

Und wenn man dann mal einen „Namen“ erfährt, ist die Aussage nicht im Geringsten neu. Das Mollath unter erheblichem Stress gelitten hat, so wie wohl alle Involvierten ist nur menschlich allzumenschlich.

Der Unternehmer sagte, Mollath sei zwar „immer freundlich gewesen“, aber er habe sich „verbal so dargestellt, dass man schon hat Sorgen haben müssen“. Bei ihm lagerten Mollaths Ferrari-Autos, bis sie zwangsversteigert wurden. Auch auf dem Gelände der Firma seien „in dieser Zeit“ bei seinen Lastwagen „mehr als 30 Reifen“ durchstochen worden. […]

Beweisen könne er, S., nicht, wer das war. Ihm fiel nur die zeitliche Überschneidung auf: Mollath wurde 2006 auch deshalb in die Psychiatrie eingewiesen, weil er 129 Reifen durchstochen haben soll, teilweise so geschickt, dass es erst während der Fahrt zu merken gewesen wäre. So sei es auch bei den Lkw-Reifen gewesen.

Man weiß ja auch, dass in Dörfern mit mehr Störchen mehr Kinder geboren werden. Also bringen wohl doch die Störche die Kinder. Ein Lehrbuchbeispiel für Scheinkorrelationen. In dieser Zeit. In welcher? Wie groß ist denn der betrachtete Zeitabschnitt? Beweisen kann man nichts, behaupten hingegen schon. Die Überschneidung war halt so auffallend. Zu den Reifenstechereien hat Gerhard Strate die entscheidenden Fakten zusammengetragen. Es ist schon beeindruckend wie sehr man die Fakten ignorieren kann, um eine Artikel zu schreiben, der einen von vor hinein festgelegten Kurs folgt.

Hass auf Gustl Mollath? „Ganz gewiss nicht“, sagt Petra M. Sie ist eine schlanke Frau, macht Sport, fährt Motorrad. Und sie hat Angst.

Wer Motorrad fährt, kennt keinen Hass? Was ist denn das für ein unsinniges Satzgeschwurbel? Wollte Lapp noch mal schnell ein Kompliment für Petra M. unterbringen? Oder soll das bedeuten, wer Motorrad fährt und trotzdem noch Angst verspürt, der muss ganz schlimm bedroht werden? Dass einem Journalisten überhaupt solche Sätze einfallen, finde ich gelinde gesagt verblüffend. Was hat der Mann bloß für ein Menschen- und Weltbild?

Zu einigen anderen Aspekten des Artikels hatte ich hier schon etwas geschrieben. Weshalb ich zum Ende des Lappschen Beitrags springe.

Mollath behauptet, er habe nichts mehr, noch nicht mal ein Bild seiner Mutter, das in seinem Haus war. Dem Kurier wurde zugespielt, dass Mollath sich von einem Bekannten 3000 Euro geliehen und ihm sein gesamtes Inventar im Haus verkauft habe. Er hat also sogar das Bild seiner Mutter verkauft. Dem Kurier ist der Name des Käufers bekannt. Er ist allerdings seit Tagen nicht erreichbar und reagiert auch nicht auf Rückrufbitten.

Wenn gerade mal niemand Anonym ist, dann ist er leider nicht zu erreichen. Selten so viele Behauptungen in einem Artikel gelesen, der doch so sehr um Objektivität bemüht war.

„Was hat Mollath denn angeblich alles aufgedeckt?“, fragt Petra M. Bei ihr hätten die Ermittler kein Schwarzgeld gefunden. Sie spricht nicht ausführlich darüber. „Noch nicht“, sagt sie, wegen des laufenden Verfahrens. „Wenn alles vorbei ist, werde ich mich dazu äußern.“

Petra M. Spricht von ihrem Ex-Mann als „Mollath“? Verwirrend, die Franken. Leider spricht sie auch nicht so gerne über Schwarzgeld. Wegen des laufenden Verfahrens. Welches Verfahren läuft denn gerade? Naja, man will ja nicht so kleinlich sein. Und wenn alles vorbei ist, wird sie sich dazu äußern. Schön. Ist das doch der (zumindest behauptete) Auslöser des ganzen Skandals. Da muss man nicht zur Objektivierung beitragen. Lapp findet es ok. Nachgefragt hat er leider nicht.

In Anlehnung an eine Formulierung Otto Lapps schließe ich: Otto Lapp war offensichtlich niemals ein erfolgreicher Rechercheur – und Journalist war er schon gar nicht. Die Absicht hingegen ist deutlich und das Vorgehen hat Methode.

  1. Und das ist lediglich die offizielle Angabe von Petra M. Es wurden durchaus noch andere Zahlen genannt. []
  2. Zumindest nicht für das von Petra M. []
  3. Im Sinne der von Mollath angeklagten Steuerhinterziehungen und Schwarzgeldgeschäfte. []

6 Kommentare

  1. Tara sagt

    Mollath: keine Beweise in Paris

    Von Otto Lapp

    Bayreuth/Paris. Hier hat Gustl Mollath (56) die Unwahrheit vor dem Untersuchungsausschuss gesagt: Er hat keine Beweise bei der französischen Journalistin und Nazijägerin Beate Klarsfeld in Paris deponiert. Dies bestätigte sie dem Kurier.

  2. Ich wünschte mir, die läppischen Artikel wären mehr ignoriert worden (denn sie wurden fast nur – ausgerechnet – von Mollath-Unterstützern verbreitet) … dann wäre eine solche Arbeit nicht notwendig.
    Inzwischen IST es notwendig.
    DANKE!

    • Sascha Pommrenke sagt

      Ja, da gibt es einiges Für und Wider.
      Letztlich ist der Leserkreis Lapps wohl nicht allzu groß. Andererseits ist er eben auch über Suchmaschinen auffindbar. Und dann kann es nicht schaden, dass die ein oder andere Gegenrede ebenfalls auftaucht.
      Ich fürchte allerdings, dass Lapp eh nur vorgeschickt wird. Der „Dorfjournalist“ bereitet das Feld und dann kommen die Großstadtprofis und übernehmen zur rechten Zeit.

  3. Wenn Frau M gelogen hat, dann wird Herr Mollath hoffentlich eine Verleumdung- und Unterlassungsklage anstrengen. Beizeiten, falsch wäre jetzt dem Bankster… einen Nebenkriegsschauplatz auch noch anzubieten.

    Das Sie verleumdet und lügt gelogen ist evident. Sie hatte keinen Grund ihre Angaben nicht während der damaligen Prozesse zu machen

    Es passt gut zum Profiling der Rotariermichpoche Nürnberger Prägung. Hätte diese die ethischen Standards ihrer Satzung wäre Sie dort längst rausgeflogen.

    Nochmal, fallen sie nicht auf den Dreck diese Menschen und Presseorgane herein. Das was die Tante da über das Provinzblättchen verteilen lässt sind mindestens Denunziation vermutlich aber eher Verleumdungen Lügen und üble Nachrede bayrischer Prov(en)i(en)z.

  4. audio001 sagt

    „Nordbayerischer Kurier“,- noch nie gehört! Und nach Kenntnis des Artikels von Lapp, ist das wohl auch gut so….

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