Fall Mollath
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Hat Mollath gelogen?

Momentan scheint der zweite Anlauf der Spin-Doktoren, Imageberater, Public Relation Profis und Öffentlichkeitsarbeiter stattzufinden. War der erste Versuch mittels einer zeitgleichen Aktion bei Spon und Zeit noch gescheitert, ist der zweite Anlauf besser orchestriert. Bei Zeit.de wird der Versuch unternommen Mollath en passent für Irre zu erklären. Bei Cicero darf man menschenverachtend fabulieren, dass Mollath „vom Horror Zwangseinweisung profitiert“. Der Behauptung folgt dann, wie so oft bei extrinsischer Motivation, keine Begründung. Und Otto Lapp vom Nordbayerischen Kurier, versucht Gegenstimmung auf mehreren Ebene zu erzeugen. Einerseits veröffentlicht er ein exklusives Gespräch mit Mollaths Ex-Frau, indem diese ihre Anklagen und ihre Sicht der Dinge unhinterfragt verbreiten darf. Andererseits versucht er angestrengt Mollath mit negativen Eigenschaften zu belegen; ohne diese zu belegen. Widerlich wird es, wenn immer und immer wieder, ein und dasselbe Bild von Mollath verwendet wird: der Schwerverbrecher Mollath. Nicht nur, das neuerdings die Artikel zum Skandal Mollath damit versehen werden, mit diesem Bild wird auch noch Werbung in eigener Sache gemacht. Das gleiche Bild wird mit dem Text versehen: „Mollath: jetzt spricht die Ex-Frau“. Und dazu dann gleich das „Kurier Abo“ Angebot.1 Einigen „(Chef)Reportern“ scheint nicht klar zu sein was Menschenwürde bedeutet oder das es hier überhaupt um Menschenleben geht und nicht nur um Auflage und Kumpaneien.

Doch der Nordbayerische Kurier legt noch einmal nach. Nach dem exklusiven Gespräch mit Petra M. wartet Otto Lapp mit einer neuen Sensation auf: „Mollath: keine Beweise in Paris“.

Hier hat Gustl Mollath (56) die Unwahrheit vor dem Untersuchungsausschuss gesagt: Er hat keine Beweise bei der französischen Journalistin und Nazijägerin Beate Klarsfeld in Paris deponiert. Dies bestätigte sie dem Kurier.

Das ist tatsächlich eine gut recherchierte Neuigkeit. Und sie wirft kein gutes Licht auf Mollath. Hat er tatsächlich vor dem Untersuchungsausschuss gelogen? Lebt er doch in einer Wahnwelt? Laut Lapp hatte Mollath vorm Untersuchungsausschuss darauf hingewiesen, dass er Beweise nach Frankreich und in die Schweiz verschafft habe, da er Deutschland für nicht sicher genug gehalten hatte. Er nannte laut Lapp auch eine Adresse. Nämlich das Büro von Beate Klarsfeld. So schreibt es auch der Bayerische Rundfunk:

So habe er etwa Dokumente an das Pariser Büro der als Nazi-Jägerin bekannt gewordenen Journalistin Beate Klarsfeld geschickt.

Die Geschichte klingt nicht besonders glaubwürdig. Warum sollte man Beate Klarsfeld Unterlagen zu deutschen Steuerhinterziehungen schicken? Andererseits war Mollath zum entsprechenden Zeitpunkt natürlich psychisch stark angeschlagen, was mittlerweile ja nun weitläufig bekannt sein dürfte. Also, warum sollte er es nicht getan haben? Schließlich hatte er ja auch dem Papst geschrieben. Er hielt das damals wohl für eine gute Idee. Warum auch nicht, ist ja nicht verboten.

Es scheint aber durchaus lohnend, mal nachzufragen, ob bei Beate Klarsfeld vor 15 – 11 Jahren Beweismaterial angekommen ist.

„Es gibt keinen Koffer oder Beweismaterial“, sagte die 74-Jährige dem Kurier. „Aber etwas Anderes.“ Mollath hatte ihr seit 1998 öfter geschrieben. Die Briefe waren auf gelbem Papier, weswegen sie sich erinnerte. „Alle per Einschreiben.“ Noch heute hat sie diese in einem Ordner abgelegt. Mollath hatte Klarsfeld 1998 für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. […] Das einzige Thema der Korrespondenz sei das Bundesverdienstkreuz gewesen.

Der einzige Kontakt bestand also darin, dass Mollath sie für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen hatte. Das kann sein. Vielleicht sollte mal jemand zu Klarsfeld fahren und die tatsächlich noch vorhanden Briefe lesen. Vielleicht sind die ähnlich ungewöhnlich geschrieben. Vielleicht hat Klarsfeld sie deswegen nie richtig oder ganz gelesen. Denkbar ist da so einiges. Genauso denkbar ist, dass Mollath aufgrund seiner damaligen Ausnahmesituation es nur so erinnert hat, dass er ihr damals mehr als nur normale Briefe geschrieben hatte. Denkbar ist natürlich auch, dass er gelogen hat, dass er dadurch seiner Grundaussage mehr Glaubwürdigkeit verleihen wollte.

Der andere Teil seines Beweismaterials, behauptete Mollath, sei bei der Versteigerung seines Nürnberger Hauses abhanden gekommen. Dem hatte seine damalige Ehefrau Petra M. in einem Exklusiv-Interview mit dem Kurier widersprochen.

Hat sie das? Kennt Otto Lapp seine eigenen Artikel nicht? Petra M. hatte keineswegs über Beweismaterial mit Lapp gesprochen. Zur Erinnerung:

 „Was hat Mollath denn angeblich alles aufgedeckt?“, fragt Petra M. Bei ihr hätten die Ermittler kein Schwarzgeld gefunden. Sie spricht nicht ausführlich darüber. „Noch nicht“, sagt sie, wegen des laufenden Verfahrens.

Sie hat darüber gar nicht gesprochen und damit hat sie dem auch nicht widersprochen. Aber zurück zu Lapps neuem Geniestreich.

Mollath sitzt in der Psychiatrie, weil er als gemeingefährlich gilt. Er selbst sieht sich als Opfer eines Komplottes, weil er angeblich einen Schwarzgeldskandal aufgedeckt habe.

Nun, mittlerweile könnte der geneigte Journalist schon mitbekommen haben, dass es kein angeblich, sondern ein tatsächlich ist. Und wie würde ein Chefreporter des Nordbayerischen Kuriers wohl einen Geschehenszusammenhang nennen, bei dem sich offensichtlich einige Menschen abgesprochen haben, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen? Nicht anders erlebt es Mollath. Ist das angesichts der Erkenntnisse in den beiden Wiederaufnahmeanträgen und einer siebenjährigen Psychiatrisierung so ungewöhnlich?

Was hingegen wirklich ungewöhnlich ist, ist der Artikel Lapps. Da hat er den Beweis recherchiert, das Mollath vor dem Untersuchungsausschuss gelogen hat und das ist ihm ganze zwei Absätze wert? In zwei Absätzen mit gerade mal 16 zitierten Wörtern soll der Beweis geführt werden, dass Mollath die „Unwahrheit“ gesagt hat. Man kann sich fast des Gefühls nicht erwehren, dass Lapp seiner eigenen Geschichte nicht ganz so traut.

Die beiden zentralen Aussagen sind folgende:

„Es gibt keinen Koffer oder Beweismaterial“, sagte die 74-Jährige dem Kurier.

„Es hätte mich gewundert“, sagt Klarsfeld, wenn so etwas gekommen wäre.

Da haben wir es also. Mollath hat erinnerlich kein Beweismaterial bei Beate Klarsfeld hinterlegt.

Ob er denn noch Beweismaterial in Händen habe? Mollath: „Man rechnet mit allem. Deshalb habe ich Unterlagen an Serge Klarsfeld (Ehemann von Beate Klarsfeld und Anwalt in Frankreich) und an Jean Ziegler (Schweizer Autor) gegeben.“ (Quelle)

Das ist jetzt natürlich widersprüchlich. Nun muss Otto Lapp nochmal mit Serge Klarsfeld reden, um zumindest das klarzustellen. Am besten wäre es, auch noch mit Jean Ziegler zu reden. So oder so, wäre es angenehm, wenn einige Journalisten beginnen würden, ordentlich zu recherchieren und dann einen kompletten Artikel zu veröffentlichen. Es hat den Anschein als hätte Otto Lapp ein zweiminütiges Telefonat mit Beate Klarsfeld geführt. Er hat das Zitat bekommen, das er haben wollte: „Es gibt keinen Koffer oder Beweismaterial.“ Und damit war für ihn die Sache auch erledigt. Gut für Lapp. Schlecht für die an Aufklärung interessierten Leser. Hat Mollath nun gelogen? Hat Lapp schlecht recherchiert? Hat Mollath einige Verantwortliche aufscheuchen wollen? Oder war das ein Ablenkungsmanöver von Mollath? Oder war das nur eine Vorbereitung für elaboriertere Journalisten?

  1. Vielen Dank für den Hinweis an W.H. []

8 Kommentare

  1. Nach alldem, was man von Mollath hört, und das war ja auch der Eindruck, den er vor dem Untersuchungsausschuss machte, ist er intelligent und geht überlegt vor. Mit überprüfbaren Lügen vor dem UA aufzutreten, wäre aber so ziemlich das Dümmste, was er tun könnte. Entsprechend halte ich es für ausgesprochen unwahrscheinlich, praktisch ausgeschlossen, dass seine Hinweise auf Material, dass er verschickt habe, falsch seien.

    Otto Lapp hingegen hat sich als Schmierenjournalist erwiesen, denn offensichtlich war nie die Rede davon gewesen, dass Mollath Material bei Beate Klarsfeld deponiert habe.

  2. Balser sagt

    „Laut Lapp hatte Mollath“

    Da spricht wohl die Gerüchteküche höchstpersönlich,
    um das Gerüchte-Küchen-Rezept schmackhaft zu machen.

    Der Katastrophen-Journalismus schreckt bekanntlich noch nicht mal
    vor Leichen-Ausschlachtung zurück.

    Hat Mollath nun gelogen? Hat Lapp schlecht recherchiert?

    Künstlich augeblähte nebensächliche Fragen über Fragen,
    um von dem Steuerhinterziehungs-Justiz-Schmierentheater
    abzulenken.

    • Sascha Pommrenke sagt

      Dieser Skandal spielt sich eben auf mehreren Ebenen ab. Mir scheint es hierbei auch durchaus um so etwas wie Kasten- oder Klassen- zumindest aber um einen (soziologisch:) Millieukampf zu gehen. Zumindest glauben das einige Beteiligte, weshalb sie auch so vehement argumentieren und handeln.
      Um den Justizskandal aufzuarbeiten gibt es wesentlich profundere Personen als mich. Ich beschränke mich bisher darauf, die Meinungsmachen, der so genannten sekundären Eliten (hier: Journalisten) zu analysieren und zu desavouieren.
      Ein nächster notwendiger Schritt ist sicherlich die Strukturen, die zu solch einem Skandal führen können, aufzudecken!

  3. Gerhard Dörner sagt

    Ich habe Otto Lapp geraten, Schiffschaukelbremser zu werden, da kann er nicht soviel Schaden anrichten. Er hat mir damals bei einer Pressekonferenz mit RA Michael Euler in Lichtenberg sein Visitenkarte gegeben. Ich habe ihn im Nachhinein gefragt, was das soll.
    Er wollte Kontakt mit mir halten. Mit solchen Schmierfinken, habe ich ihm gesagt, halte ich keinen Kontakt, Punkt und Ende. Es ist einfach nur fürchterlich.

  4. Fritz sagt

    Gustl Mollath hat vor dem UA über weiteres Beweismatrial ausgesagt. Wo das deponiert
    wurde hat er meines Erachtens nur auf die Länder Schweiz und Frankreich benannt!
    Aber wer war der erste Neugierige? Otto Lapp und natürlich die Petra, wie konnte es
    auch anders sein. Die möchten gerne an die Papiere ran, und weil das nicht geklappt
    hat, ist Gustl ein Lügner. Nein, der Gustl hat euch verarscht, weil er wusste das nur
    Otto und Petra geil auf das Beweismatrial waren. Er hat sie auf die falsche Fährte
    geführt um zu zeigen das die Schwarzgeldgeschäfte ganz mächtig an Petras Seele
    nagen! Dumm gelaufen !

    • Sascha Pommrenke sagt

      Die „Bewertung“ teile ich nicht. Der Artikel von Lapp gibt nicht viel her. Die Zitate scheinen aus einem Gesprächsverlauf zu stammen, der aber nicht nachvollzogen werden kann.
      Insofern wäre auch hier eine Anklage in Richtung Klarsfeld wenig zielführend. Zumal der Zusammenhang doch etwas konstruiert wirkt.

  5. Im Untersuchungsausschuss des Bayr. Landtags war (wie auch schon früher schriftlich) von Koffern voll Beweisen die Rede, die natürlich mit seinem aprupten Wegsperren von Gustl durch die Maskes verschwinden konnten.
    Die anderen ausser Landes gebrachten Beweise waren natürlich keine Koffer, die ein Lapp durcheinander bringen kann …

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