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F-Skala | Studien über Autorität und Vorurteil

„Gibt es etwas in der seelischen Verfassung des heutigen Menschen, das ihn auf die Demagogie skrupelloser Agitatoren positiv reagieren läßt, und was ist die Technik dieser Demagogie?“ Dies ist Kern und Leitfrage der in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts durchgeführten Studien über Autorität und Vorurteil. Die Frage erscheint 70 Jahre nach der ersten empirischen Erhebung mittels der F-Skala immer noch aktuell.

Adorno, Bettelheim, Frenkel-Brunswik, Gutermann, Janowitz, Levinson, Lowenthal und Sanford haben 1950 mit „The Authoritarian Personality“ eine grundlegende theoretisch-empirische Studie der Sozialwissenschaften, genauer der Soziologie, Sozialpsychologie und Psychologie vorgelegt. Hier wurde bereits vorweggenommen, was gegenwärtig wieder gefordert wird, die Verflechtung von quantitativen und qualitativen Methoden.

Neben quantitativen Fragebogenuntersuchungen wurden auch qualitative, klinische Interviews geführt, sowie Untersuchungen mit Hilfe des thematischen Apperzeptionstest.

Obwohl im Zusammenhang mit den Studien zur autoritären Persönlichkeit bzw. zum autoritären Charakter meist Theodor Wiesengrund Adorno als Hauptautor genannt wird, ist begründet anzunehmen,1 dass wie so oft in der Wissenschaft, das bessere Selbstmarketing den tatsächlichen Anteil an den Studien überhöht hat.

Neben dem Beitrag von Fahrenberg und Steiner (siehe Fußnote 1), die nicht nur auf die Wirkung und Bedeutung Adornos in der Studiengruppe eingehen, sondern auch auf den Begründungszusammenhang der Autoritarismusforschung, gibt es auch in Gerda Lederers „Jugend und Autorität“ einen Abschnitt über die historischen Vorläufer der Studien über Autorität und Vorurteil. Wilhelm Reich hat in seiner Charakteranalyse (1933) die Grundlage für die Autoritarismustheorien gelegt. Reich fasste die autoritäre Persönlichkeit als einen „Zwangscharakter“, der an die gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen angepasst ist. Soziogenese und Psychogenese sind hier interdependent gedacht, damit ist gemeint, dass sich

„jede Gesellschaftsordnung [.] diejenigen Charaktere schafft, die sie zu ihrem Bestande benötigt. In der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit Hilfe der Erziehung und der Familiensituation ihre Position sichert, indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Gesellschaftsmitglieder macht.“2

Erich Fromm der Begründer der psychoanalytischen Sozialpsychologie hat darauf aufbauend in den „Studien über Autorität und Familie“ (1936) des Frankfurter Instituts für Sozialforschung die Genese des autoritären Charakters beschrieben.3

„Die Anpassung des Einzelnen an die autoritäre Gesellschaft – gegen die eigenen Interessen – wird in der Familie vorgebildet und als masochistisch-autoritärer Charakter verankert. Das Kind unterwirft sich der väterlichen Autorität, weil es die Verunsicherung durch Auflehnung und Ungehorsam vermeiden will.“ Gerda Lederer. Jugend und Autorität. S. 38f.

In einem der zentralen Werke von Fromm „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941) führt er die wesentlichen Dimensionen der Flucht an: Die Flucht ins Autoritäre. Die Flucht ins Destruktive. Und die Flucht ins Konformistische. Hier wird der Grundstein für die späteren Studien über Autorität und Vorurteil gelegt. Zusammen mit dem Kapitel über die Psychologie des Nazismus:

„Meiner Auffassung nach ist weder die eine noch die andere dieser Erklärungen richtig, welche die politischen und wirtschaftlichen Faktoren unter Ausschluß der psychologischen – oder umgekehrt – als Ursache ansehen. Der Nazismus ist ein psychologisches Problem, aber man muß die psychologischen Faktoren aus den sozio-ökonomischen Faktoren verstehen; der Nazismus ist ein ökonomisches und politisches Problem, aber daß er ein ganzes Volk erfaßt hat, ist mit psychologischen Gründen zu erklären.“4

Damit ist das menschenwissenschaftliche Profil der Untersuchungen vorgegeben. Die Gräben zwischen den jeweiligen beruflichen Positionen und Spezialisierungen, zwischen Soziologie und Psychologie, wurden frühzeitig eingeebnet, um dem „Gegenstand“ Menschen gerecht zu werden.5

Die Vorarbeiten von Reich und Fromm wurden zu den theoretischen Grundlagen der Studie zur „Autoritarian Personality“. Die Studien versuchen eine Antwort auf die Frage zu geben:

„Gibt es etwas in der seelischen Verfassung des heutigen Menschen, das ihn auf die Demagogie skrupelloser Agitatoren positiv reagieren läßt, und was ist die Technik dieser Demagogie?“6

Adorno, Frenkel-Brunswik, Levinson und Sanford entwickelten quantitative Erhebungsverfahren zur Erhebung und Analyse „ideologisch relevanter Reaktionen“. Bevor es jedoch zur Formulierung der „berühmten“ F(aschismus)-Skala kommen konnte, wurden „Meinungen und Verhaltensweisen auf ihren ethnozentrischen Gehalt“7 hin überprüft. Zuvorderst wurde also die E(thnozentrismus)-Skala entwickelt. Die Annahme der Sozialforscher, dass mit Ethnozentrismus auch Antisemitismus einhergehen würde, wurde mittels der Antisemitismus-(AS)-Skala überprüft. Die Skalen wurden mehrfach modifiziert, gekürzt und zusammengeführt. Nach ersten Erhebungsphasen bei denen Studentinnen und Studenten, Arbeiterinnen und Arbeiter, Sträflinge sowie Patientinnen und Patienten in Psychiatrien befragt wurden hielten die Autoren fest:

„Ethnozentrismus beruht auf einer verallgemeinernden und starren Unterscheidung zwischen Eigen- und Fremdgruppen. Er bedingt stereotyp negative Vorstellungen von Fremdgruppen, feindseliges Verhalten gegen sie und ebenso stereotyp positive Vorstellungen und untertäniges Verhalten der Eigengruppe gegenüber, sowie eine hierarchische, autoritäre Ansicht von den Beziehungen zwischen den Gruppen, wonach rechtens die Eigengruppe dominieren soll, die Fremdgruppen aber sich unterzuordnen haben.“8

Um nicht nur „linke“ und „rechte“ Positionen zu erfassen, wurde die PEC-Skala entwickelt (politic-economic conservatismus). Dabei wurden konservative sowie liberale Positionen abgefragt. Die Korrelation der Skalen ergab, dass „Konservative [.] im Durchschnitt wesentlich ethnozentrischer [sind] als Liberale.“9

Bei der Suche nach bestimmten sozialen Formationen, die eher zum Ethnozentrismus neigen, konnten keine „ideologisch homogenen Gruppen festgestellt werden“, allerdings konnten bedeutende Korrelationen zwischen Gruppenzugehörigkeit und Ethnozentrismus festgestellt werden10. Somit kann die Gruppenzugehörigkeit als bestes Indiz für Ethnozentrismus gewertet werden. Und zwar die Gruppenzugehörigkeit mit der emotional bedeutendsten Bindung. Man kann diese Feststellung gar nicht oft genug wiederholen. An anderer Stelle hatte ich bereits auf Kapferer hingewiesen, der im Zusammenhang mit Gerüchten die fundamentale Erkenntnis formulierte:

„Wir glauben nicht an unsere Kenntnisse, weil sie wahr, begründet oder bewiesen wären. Bis zu einem gewissen Grad verhält es sich umgekehrt: unsere Kenntnisse sind wahr, weil wir an sie glauben. Das Gerücht beweist noch einmal, falls das notwendig sein sollte, daß alle Gewissheiten gesellschaftlich bedingt sind: Wahr ist, was die Gruppe, zu der wir gehören, als wahr ansieht. Gesellschaftliches Wissen beruht auf Glauben und nicht auf Beweisen“ Kapferer 1997, S. 322.

Im vorliegenden Zusammenhang ist die Nähe zum Vorurteil evident. Adorno et. al beenden den zweiten Teil der Studien mit der Annahme:

Wir dürfen daher abschließend behaupten, daß sowohl die Wahl einer Gruppe, als auch die Wahl einer Ideologie weder dem Zufall unterliegen, noch aus bloßer Nachahmung resultieren, sondern von Kerndispositionen des Individuums bestimmt sind.11

Entsprechend sollten mit der F(aschismus)-Skala die antidemokratischen Elemente in der Struktur des Charakters gemessen werden. Auch diese Skala wurde mehrere Male modifiziert, bis zu ihrer endgültigen Form als Formular 40/45, das hier hinterlegt ist.

Es wurden Variablen bzw. Subskalen gebildet, die jeweils spezifische Eigentümlichkeiten des Charakters aufzeigen sollten, die sich im Ergebnis als Ethnozentrismus äußern.

„Nach der zurundeliegenden Theorie bilden diese Variablen zusammen ein Syndrom, d.h. ein mehr oder weniger stabiles Gefüge innerhalb der Struktur des Charakters, wodurch das Individuum für antidemokratische Propaganda anfällig wird. Man könne daher sagen, die F-Skala suche das antidemokratische Potential zu messen.“12

1) Konventionalismus

„starres Gebundensein an die Werte mittelständischer Konventionen“13 Im Zentrum steht dabei, dass der konventionalistische Mensch sich auch zu Gewalttaten bringen lässt, ohne jedoch in Gewissenkonflikte zu geraten. Der flexible Austausch eines moralischen Kodex gegen einen ganz anderen ist ebenfalls Teil der Persönlichkeitsstruktur (z.B. vom Kommunismus zum Nationalismus).

2) Autoritäre Untertänigkeit

„untertäniges, unkritisches Verhalten idealisierten moralischen Autoritäten der Eigengruppe gegenüber“14. Im Fokus stehen hier Gehorsam, Respekt und Rebellion, sowie die grundlegenden Einstellungen Autoritäten gegenüber. Wobei Untertänigkeit sehr weit gefasst wurde und so auch z.B. Eltern, ältere Personen und übernatürliche Kräfte zu Autoritäten gezählt wurden.

3) Aggressive Autoritätssucht

„Tendenz, überall Leute aufzustöbern, die konventionelle Werte verletzen, sich über sie aufzuregen, sie zu verurteilen und zu bestrafen.“15 Hier spiegelt sich die theoretische Grundannahme Erich Fromms wieder, der die autoritäre Persönlichkeit auch als sado-masochistische Persönlichkeit gefasst hat. Die „autoritäre Aggressivität“ entspricht hier also dem sadistischen Anteil der Persönlichkeit. „Man kann also erwarten, daß der Konventionalist, der es nicht wagt, die einmal anerkannte Autorität zu kritisieren, alle diejenigen verdammen wird, die gegen die Autorität rebellieren.“16

4) Abwehr der Intrazeption

„Abwehr aller ‚Innerlichkeit’, besonders der Selbstkritik, Ablehnung von Subjektivität, Phantasie und subtil Geistigem.“17 Im Zentrum steht eine generelle Haltung, die zu einer Entwertung alles Menschlichen führt, und zu einer Überwertung alles Dinglichen18. Die Verachtung von Gefühlen und alles was damit in Verbindung steht bzw. gebracht werden kann, also auch die Verachtung des Lebendigen und die Flucht in die Welt der Dinge, des Materiellen und der toten Gegenstände bildet den Kern der Abwehr. Erich Fromms Konzept von Nekrophilie und Biophilie bzw. von Haben und Sein lässt sich hier unschwer wieder erkennen. „Im Extremfall werden menschliche Wesen überhaupt nur noch als Dinge betrachtet, die man kalt und sachlich manipuliert, z.B. etwa der ‚Endlösung entgegenführt’“.19

5) Aberglaube und Stereotypie

„Glaube an das Bestimmtwerden des Einzelschicksals durch geheimnisvolle Mächte; Disponiertsein zu einem Denken in starren Kategorien.“20 Psychische und soziale Bedingungen von sozialen Geschehenszusammenhängen können aufgrund starker emotionaler / affektiver Besetzung nicht gedacht werden. Die bewusste Berücksichtigung würde das eigene fragile Selbstbild, die eigene Persönlichkeit zu zerstören drohen. Somit wird eine Zuflucht in phantastischen Erklärungszusammenhängen gesucht.

6) Macht und Robustheit

„Die Beziehungsqualität Herrschaft – Untertänigkeit, stark – schwach, Führer – Gefolgschaft steht im Vordergrund des Interesses, Identifikation mit Figuren, die Macht repräsentieren; Überbetonen der konventionellen Attribute der Persönlichkeit; übertriebenes Zurschaustellen von Härte und Robustheit.“21 Im Zentrum steht das Machtstreben von Menschen. Eine Ähnlichkeit zum „Willen zur Macht“ von Alfred Adler lässt sich erkennen. Allerdings hat bereits Fromm darauf hingewiesen, dass Adler lediglich rationale Beweggründe mit einbezogen hat, ohne „irrationale“, emotional-motivationale Bedingungen mitzudenken. Die Positionierung innerhalb einer Machthierarchie ist dabei weniger wichtig, wichtig ist, dass diese Hierarchien als unabdingabr und wertvoll erlebt werden. „So wird einer, der erzählt, das am tiefsten beeindruckende Erlebnis für ihn würde sein, einmal dem Präsidenten die Hand zu drücken, wohl nicht nur die Befriedigung seiner Servilität suchen, sondern er wird auch die Vorstellung haben, daß er dann an Bedeutung gewonnen hätte, daß etwas von der Macht des großen Mannes auf ihn übergegangen wäre, wenn er sagen könnte, er habe ihn gekannt, er habe ihm die Hand geschüttelt“.22

7) Destruktivität und Zynismus

„Verallgemeinerte Feindeinstellung, Verächtlichmachen des Menschlichen“. Im Zentrum stehen Gefühle der Verachtung für die Menschheit, die besonders einfach in einer Masse von Gleichgesinnten ausgelebt werden kann. „So einer tröstet sich z.B. damit, daß es nun einmal der menschlichen Natur entspricht, andere auszubeuten oder Kriege zu führen. Diese undifferenzierte Feindschaft kann leicht von einer geschickten Propaganda für ihre Zwecke missbraucht werden, wenn etwa gegen bestimmte Minoritäten, überhaupt gegen jede Gruppe, die politisch gerade nicht genehm ist, gehetzt wird.“23

8) Projektion

„Bereitschaft, anzunehmen, es gehe in der Welt ganz allgemein wild und gefährlich zu; Übertragung unbewusster Triebimpulse dieser Art auf die Außenwelt.“24 Grundsätzlich wird hier vom Projektionsmechanismus der psychoanalytischen Theorie ausgegangen. „Wenn etwa jemand darauf besteht, daß ein anderer üble Absichten verfolgt ihm gegenüber verfolgt und sich in der Realität keine Anhaltspunkte dafür finden, kann man mit guten Gründen schließen, daß er selbst aggressive Absichten hat und sie durch Projektion zu rechtfertigen sucht.“25

9) Sexualität

„Übertriebene Beschäftigung mit sexuellen Vorgängen“.26

Nach Adorno et al. konnten die Studien zeigen, dass „zentrale Charaktereigenschaften für diese Struktur [Faschismus] verantwortlich sind.“27 Weitere Studien müssten aber aufzeigen, ob und wie die Variablen diese Charaktereigenschaften angemessen untersuchen und beschreiben.

Hier geht es zur F-Skala.

Und hier sind weitere ausgewählte Autoritarismusskalen, die in der Folge erstellt und angewendet wurden.

Hinweis: Ich halte die Studien auch heute noch für besonders wertvoll und den autoritären Charakter immer noch für einen, gerade in Deutschland, auch häufig aufzufindenden Sozialcharakter. Dennoch gilt es zu bedenken, dass der Fokus auf die autoritäre Persönlichkeit zwar eine notwendige aber nicht hinreichende Bedingung zur Erklärung sozialer Prozesse ist. Neben Person und Motivation, sind auch immer die Situation und Figuration zu bedenken. Erst dieses interdependente Zusammenspiel, erst die Berücksichtigung des gesamten sozialen Prozesses, die Mehrperspektivität sozialer Geschehenszusammenhänge, ermöglichen eine angemessene Analyse und Synthese.
  1. Siehe den Beitrag von Jochen Fahrenberg und John M. Steiner: Adorno und die autoritäre Persönlichkeit inKölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (PDF) (2004, 56, 127-152) []
  2. Wilhelm Reich im Vorwort zur Charakteranalyse, zitiert nach Gerda Lederer, Jugend und Autorität. Über Einstellungswandel zum Autoritarismus in der Bundesrepublik Deutschland und den USA. Opladen 1983. S.37 []
  3. Wichtige Vorarbeiten führen Fahrenberg und Steiner auf s.o. []
  4. Erich Fromm. Flucht vor der Freiheit. München 1990. S. 152f. []
  5. Allerdings wurden unter dem gleichen gesellschaftlichen Zwang, den „sozio-ökonomischen Faktoren“, Jahre später die Gräben wieder aufgerissen. []
  6. Adorno et. al. Der autoritäre Charakter. Studien über Autorität und Vorurteil. Band 1. Frankfurt am Main 1977. S. VII []
  7. ebda. S. 92 []
  8. ebda. S. 157 []
  9. ebda. S.183 []
  10. ebda. S. 193 []
  11. ebda. S. 194 []
  12. ebda. S. 392 []
  13. ebda. S. 393 []
  14. ebda. S. 394 []
  15. ebda. S. 395 []
  16. ebda. []
  17. ebda. S. 398 []
  18. vgl.ebda. []
  19. ebda., siehe auch den „Pannwitzblick“ in Klaus Dörner, Tödliches Mitleid. Zur sozialen Frage der Unerträglichkeit des Lebens, (1988) 2007, S. 8. []
  20. ebda. S. 399 []
  21. ebda. S. 400 []
  22. ebda. S. 401 []
  23. ebda. S. 402 []
  24. ebda. []
  25. ebda. S. 403 []
  26. ebda. []
  27. ebda S. 427 []

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