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Nordkoreanische Hubschrauberträger und Qualitätsjournalismus

Ein amerikanischer „Forscher“ hat laut zahlreicher Medien entdeckt, dass Nordkorea trotz Wirtschaftssanktionen an zwei Kriegsschiffen baut. Wahlweise handelt es sich dabei um Fregatten, Hubschrauberträger oder einfach nur modernste und größte Kriegsschiffe. Da es sich dabei lediglich um eine kleine Meldung handelt, ist sie besonders gut geeignet, um sich mit einigen Mechanismen des gegenwärtigen Qualitätsjournalismus paradigmatisch auseinanderzusetzen.

Ausgangspunkt der Meldung ist das U.S.-Korea Institut, welches Teil der Paul H. Nitze School of Advanced International Studies (SAIS) an der Johns Hopkins University ist. Die private Eliteuni fungiert unter anderem als politischer Think Tank. In Deutschland ist vor allem das American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) bekannt. Dieses „stärkt die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland vor dem Hintergrund stetiger Entwicklungen und Veränderungen auf europäischer und globaler Ebene.“ Das SAIS ist hingegen weniger bekannt. Allerdings zu Unrecht. Was als wissenschaftliches Institut daher kommt, ist nichts anderes als eine Elitekaderschmiede. So finden sich unter den Absolventen bzw. ehemaligen „Studierenden“ des SAIS auch folgerichtig z.B. Madeleine Albright (hat allerdings keinen Abschluss gemacht), Wolf Blitzer (CNN), Adam Boulton (Sky News), Jeremy Bowen (BBC), Jessica Einhorn (ehemalige Direktorin des Council on Foreign Relations), Timothy F. Geithner (ehemaliger Präsident der Federal Reserve Bank of New York), John J. Hamre (Präsident des Center for Strategic and International Studies), Niels Annen und Josef Joffe, sowie unzählige Botschafter, Diplomaten, politische Funktionäre, Geheimdienstler und Wirtschaftseliten. Man mag den vorsichtigen Eindruck bekommen, dass hier nicht studiert wird, sondern Netzwerke geknüpft werden und man sich der richtigen Weltsicht gegenseitig versichert. Und damit das auch gelingt, finden sich unter den Dozenten (wiederum folgerichtig) Peter Bergen (CNN Terrorismusanalyst), Zbigniew Brzezinski, Francis Fukuyama und Paul Wolfowitz. Um es kurz zu machen: Jedem Journalisten muss sofort klar sein, wenn Meldungen aus diesem rechtskonservativen Think Tank lanciert werden, müssen alle Alarmglocken angehen. Hier werden keine unabhängigen Forschungen betrieben, sondern hier soll Weltpoltik nach den Vorstellungen herrschender Eliten gemacht werden.

Joseph S. Bermudez Jr. ist quasi der weltweit führende Experte was die militärischen Fähigkeiten Nordkoreas betrifft. Und eben jener hat nun also zwei Helikopter-Fregatten entdeckt und dies auf dem Blog des SAIS veröffentlicht. Besonders beeindruckend an den neuesten Erkenntnissen ist, dass der Bau der Schiffe bereits 2006 begonnen hat und dass der Stapellauf ebenfalls drei Jahre zurückliegt. Was genau ist dann an dieser Meldung neu? Zumal auch noch konstatiert werden muss, dass es wohl noch Jahre dauert, bis die Schiffe einsatzfähig werden – wenn sie es denn überhaupt jemals werden. Trotzdem wird gar eine Warnung ausgesprochen, ein „important wakeup call“. Weil? Ja, weil vielleicht die Saktionen gegen Nordkorea nicht richtig funktionieren und die deshalb gefährliche Kriegsschiffe bauen können. Das ganze wird dann völlig absurd, wenn die militärische Einschätzung vorgenommen wird.

It is likely that their greatest potential weaknesses are in radar, sonar and electronic warfare capabilities and antiaircraft/antimissile defense

Aha. Da wird also vor den Helikopter-Fregatten der Nordkoreaner gewarnt, die aber nicht einmal die rudimentärsten Fähigkeiten eines modernen Kriegsschiffes aufweisen. Wie gefährlich ist eine Fregatte, deren Schwachpunkte die elektronische Kriegsführung und die Luftverteidigung sind?

Aber das SAIS wäre ja kein Think Tank, wenn die Einschätzung auch auf der Wirklichkeit beruhen würde. Und deshalb wird vor den Möglichkeiten gewarnt, dass Nordkorea die mangelnden technischen Möglichkeiten durch Handel mit China oder Iran kompensieren könnte. Das soll dann wohl auch das Fazit des Top-Experten sein: die Sanktionen funktionieren nicht so richtig und die militärischen Kapazitäten Nordkoreas nehmen zu.

Dass die Warnung vor nordkoreanischen Kriegsschiffen also völliger Unsinn ist, der auch noch seit 8 Jahren bekannt ist, könnte man mit einem einfachen Klick herausfinden. Und dennoch weltweit wurde über diese „Nicht-Meldung“ berichtet. AFP (Agence France-Presse) zeichnet sich für die Verbeitung der lancierten Meldung verantwortlich. Und AFP ist es auch, die aus Fregatten mal eben Hubschrauberträger machen. Nun ist eine Fregatte wahrlich etwas anderes als ein Hubschrauberträger.

Russische Fregatte NEUSTRASHIMY | Bildquelle: Media Commons | Public Domain

Quelle: Wikimedia Commons | Public Domain

Russische Fregatte NEUSTRASHIMY

Quelle: Wikimedia Commons | Public Domain

Hubschrauberträger (sovjetische Moskauklasse)

Das ficht aber die Presse in Deutschland nicht an. Welt und Focus vermelden lediglich, während die deutsche Huffington Post den Artikel zu den zwei Hubschrauberträgern mit einem „Geheimprojekt“ betitelt. Zeit online weiß von einem US-Forscher, dass zwei Hubschrauberträger gebaut werden. Wichtig ist hier natürlich, dass es sich um einen Forscher handelt und nicht etwa um einen Geostrategen mit hahnebüchenen Analysen. Zeit erwartet wohl von seinen Lesern die entsprechende Autoritätsgläubigkeit. Spiegel Online hat sich dann auch noch die Bilder von Getty Images gekauft, damit der wichtige Beitrag anschaulicher wird. Das hätte man besser gelassen, denn dadurch wird alles noch absurder. Zu sehen ist also einer der beiden Hubschrauberträger. Spätestens hier hätte der Redakteurin ja auffallen können, dass Bild und Text nicht zueinander passen. Aber dann hätte man sich wohl die Mühe machen müssen 10 Minuten zu recherchieren. Was beim Spiegel schwierig geworden wäre, werden ja dort von Hause aus keine Quellen angegeben. Erst dachte ich das sei einfach nur schlechter Stil von Spon, vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie tatsächlich keine Quelle jenseits der Agenturmeldung haben. Und wem das alles noch nicht reicht, für den ist der Fnord eingebaut, dass die Nordkoreaner auf das Landedeck der Fregatte ein großes „H“ gemalt haben. Damit steht man zwar weltweit beim Militär recht einsam da, aber dafür erkennen auch Top-Analyse-Experten von amerikanischen Think Tanks sofort, dass es sich um einen Helikopterlandeplatz handelt. Aber warum Koreaner jetzt ausgerechnet ein H benutzen sollten?

Aber es sind nicht nur die deutschen Standardmedien, die sich der Recherche und der angemessenen Berichterstattung verweigern. Der Telegraph liegt dabei auf Spon-Niveau. Ria Novosti fabuliert von neuesten und modernsten Kriegsschiffen und vermeldet sogleich, die kommen aber nicht aus Russland. The Diplomat weiß auch, warum Nordkorea die mächtigen Hubschrauberkapazitäten braucht. Nämlich zur Uboot-Abwehr. Denn Deutschland hat Südkorea 13 hochmoderne Uboote geliefert. ASIA, die Südchinesische Morgenpost ist die einzige, die es schafft darauf hinzuweisen, dass es sich um eine Nachricht eines Think Tanks handelt.

Ein Think Tank mit einer klaren politischen Doktrin lanciert also eine Meldung, die eigentlich gar keine ist und nur weil eine Nachrichtengentur diese im Angebot hat, springen unzählige Medien weltweit auf. Denn schließlich behauptet AFP ja auch:

AFP ist eine weltweit tätige Nachrichtenagentur; sie liefert schnelle, geprüfte und umfassende Informationen zum aktuellen Weltgeschehen.

Dann muss es ja stimmen. Dann muss man auch nicht prüfen ob es sich um einen Hubschrauberträger ohne eine Fregatte handelt. Dann muss man auch nicht prüfen, welchen Aktualitätsbezug diese Meldung haben soll. Dann muss man auch nicht prüfen, welche Helikopter denn Nordkorea überhaupt hat. Immerhin haben sie schließlich für jede Fregatte einen Hubschrauber. Hört Hört. Dann muss man auch nicht prüfen, wer hinter dieser Meldung steckt. Aber vermutlich wäre auch das egal gewesen, denn das SAIS ist natürlich seriös. Schließlich sitzen in allen großen Medienhäusern Absolventen der Privatuni.

Wer sich selber ein Bild von den geheimen, hochmodernen Hubschrauberträgern machen möchte, kann auch einfach google maps bemühen. Hier findet man die eine Fregatte und hier die andere. Und wenn man genau hinschaut, erkennt man auch, dass es gar kein H ist.

Denn vielleicht ist das auch alles bloß ein blöder Irrtum und das H ist eigentlich einᅢ das koreanische Zeichen für Sonne. Und somit handelt es sich um ein Sonnendeck. Logisch.

Letztlich ist es allen Verantwortlichen egal. Die Konzernmedien haben mit geringem Aufwand Klicks generiert. Die Meldung passt auch ins eigene schlichte Weltbild, weshalb ein Nachfragen und recherchieren überflüssig wird. Selbst wenn die Meldung nicht ganz stimmen sollte, es trifft ja die Richtigen. Denen traut man ja eh alles zu. Das SAIS freut sich hingegen. Auftrag erfüllt. Wieder eine Meldung in allen Medien platziert. Geringst möglicher Aufwand mit maximaler Reichweite. In einer Woche kann sich kaum jemand an den Inhalt solcher Meldungen erinnern. Aber die negative emotionale Bewertung, die beim Lesen entstehen sollte, bleibt weiterhin mit dem Namen Nordkorea verhaftet. Das ist die Hauptaufgabe von Think Tanks. Stimmungen erzeugen, aufrecht erhalten und manipulieren.

 

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