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Wenn die Elite die Masse nicht mehr versteht

„Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen“.

Medienschaffende halten sich selbst gerne für eine gesellschaftliche Oberschicht. Der Kontakt mit primären Eliten scheint auf einen selbst abzufärben. Soziologisch könnte man hier von charismatischer Ansteckung sprechen. Status, Prestige und Macht von Wirtschafts-, Polit-, Militär- und Geldelite erwecken bei den sie umschwirrenden Journalisten das Gefühl, selbst Teil dieser Elite zu sein, selbst etwas von dem Prestige und der Macht abzubekommen.

Für die Masse der Journalisten bleibt es dabei natürlich schlichtweg eine selbstwertrelevante Verzerrung der Wirklichkeitswahrnehmung. Zwar mag man auf Partys ein gern gesehener Schwätzer sein, aber aufgenommen in den Kreis der Entscheider und Steuerer, werden dann doch nur die wenigsten Journalisten. Aber der stetige narzisstische Zwang sich nach oben zu orientieren, bedingt eben auch, dass eine Vielzahl an Journalisten sich an den „Alpha Journalisten“ orientiert, welche sich wiederum an der primären Elite orientieren oder gleich selbst dazu gehören.

Der Eliteforscher Michael Hartmann schreibt dazu in seinem Artikel „Deutsche Eliten: Die wahre Parallelgesellschaft?“:1

„Die Eliten aus Justiz und Verwaltung sowie den Medien rekrutieren sich immerhin auch noch zu ungefähr zwei Dritteln aus Bürger- oder Großbürgertum. Bei den Spitzen der Justiz und der Medien sind es ziemlich genau zwei Drittel, bei denen der hohen Verwaltung mit gut 62 Prozent etwas weniger. Interessant ist dabei, dass im Mediensektor ein ähnlicher Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Institutionen zu verzeichnen ist wie in der Wirtschaft. Während in den An­stalten von ARD und ZDF Intendanten und Programmdirektoren „nur“ zu gut der Hälf­te aus privilegierten Verhältnissen stammen, gilt das bei den Herausgebern und Chefredakteuren der privaten Fernsehsender und Printmedien für über drei Viertel.“ Quelle

Die mehrheitliche Rekrutierung der Eliten aus sich selbst heraus, ist ein klassischer Mechanismus zur Konservierung der eigenen Macht. Die Idee, dass einzelne Aufsteiger, das festgefügte, starre Gerüst von Werturteilen der traditionellen Elite verändern könnten, ist ein weiteres Trugbild.

„Die soziale Zusammensetzung der einzelnen Sektoreliten schlägt sich gleich in doppelter Hinsicht in deren Einstellungen nieder. Zum einen sorgt das jeweilige Gewicht von sozialen Aufsteigern auf der einen und bereits in privilegierten Verhältnissen aufgewachsenen Personen auf der anderen Seite für eine vorherrschende Grundhaltung in der gesamten Teilelite. Zum anderen beeinflusst diese Grundhaltung auch die Einstellung jener Elitemitglieder, die nicht der dominanten Herkunftsgruppe entstammen.“

Dadurch, dass entscheidende Machtpositionen mehrheitlich mit Personen besetzt werden, die der gleichen privilegierten Schicht entstammen, entsteht eine eskalierende Bestätigungsspirale. Ähnlich einem Teufelskreis oder dem, was der Klassiker der Soziologie Norbert Elias einen Doppelbinderprozess genannt hat, entsteht ein eskalierender Kreislauf, bei dem sich alle Involvierten permanent ihrer guten Absichten, ihrer richtigen Einstellungen, ihrer wahren Weltsicht, ihrer Redlichkeit, ihrer Professionalität und ihrem allgemeingültigem Wertekanon gegenseitig bestätigen. Je bedrohter die eigene Weltsicht wird, zum Beispiel durch globale Konflikte und deren divergierende Interpretation, desto vehementer wird die eigene Perspektive als die einzig Richtige verteidigt und desto eskalierender wird die Bestätigungsspirale.

Mit der Verbreitung des Internets und damit dem Zugang zu weltweiten Medien und darüber hinaus und vor allem auch dem Zugang zu alternativen Informationsmöglichkeiten, zerbricht die altgediente Machtposition der Medieneliten. Das, was breit unter der Phrase „Die Krise des Journalismus“ diskutiert wird, ist letztlich Ausdruck genau dieser Veränderung. Die Konzernmedien ebenso wie die Staatsmedien verlieren an Wirkungsmächtigkeit. Es wäre ein Irrglaube, dem Kurzschluss zu erliegen, bei Medien ginge es ausschließlich um Profitmaximierung. Es geht immer auch um Informierung respektive Beeinflussung von Menschen.

Das traditionell starke Machtungleichgewicht zwischen Nachrichtenproduzenten und Nachrichtenkonsumenten verschiebt sich zunehmend. Beginnend Mitte der 1990er wird das Informations- und Meinungsbildungsoligopol immer weiter und schneller aufgebrochen. Zwei große Zäsuren lassen sich dabei feststellen. In der Nachfolge des 11. September 2001 begannen viele Menschen sich zunehmend Informationen über das Internet zu verschaffen. Dass dabei nicht immer die seriösesten Quellen gefunden werden, ist selbstverständlich. Das liegt aber nicht am Internet, sondern am etablierten Journalismus, der sich häufig weigert, gesellschaftliche Realitäten anzuerkennen.

Die zweite Zäsur ist momentan mit der Ukraine-Krise verbunden. Afghanistankrieg, Irakkrieg, Internationaler Terrorismus oder Fukushima hätten zwar durchaus ähnliches Potenzial gehabt, aber offensichtlich war der gesellschaftliche Unmut und die kognitive Dissonanz noch nicht groß genug. Und hier zeigt sich ein ganz ähnliches Muster wie 2001. Die Erwartungshaltung vieler Nachrichtenkonsumenten an die Medien wird nicht erfüllt. Das Bedürfnis nach ausgewogener, umfassender Berichterstattung wird ebenfalls nicht befriedigt. Dabei spielen vermeintliche Wahrheiten erst einmal überhaupt keine Rolle. Vielmehr ist die allumfassende Einseitigkeit2 und die explizite Parteinahme ein Grundübel, das vielen Menschen Probleme bereitet.3

Frappant wird das dann, wenn die entsprechenden Journalisten, die Problematiken gar nicht zu erkennen vermögen. Sie nehmen zwar ein Problem wahr, erkennen aber nicht den tatsächlichen Kern. So stellen alle größeren Medien seit einigen Wochen fest, dass ihre Ukraine-Berichterstattung von massiven Widersprüchen der Leserschaft begleitet wird. Und da man als Journalist in der Regel gewohnt ist, Volkes Stimme zu sein oder Volkes Stimme zu beeinflussen, wundert man sich über die vielen negativen Kommentare. Und an dieser Stelle treffen zwei Dissonanzen aufeinander. Da wird geglaubt ein „shitstorm“ sei ein neues „Internetphänomen“. Da würden sich anonyme Horden absprechen, um auf übelste Weise jemanden zu beleidigen. Das ist so richtig, wie falsch. Falsch ist es, weil es nichts mit dem Internet zu tun hat. Richtig ist es, weil es anonyme Massen sind. Früher hat so etwas nur fernab der Kenntnisnahme von Journalisten stattgefunden. Bei unzähligen Stammtischen dürfte es nicht weniger aggressiv hergegangen sein.4 Früher regte man sich face-to-face über die „Journaille“ auf und heute ist es eben vermittelt über das Internet. Dass das natürlich auch neue Dynamiken mit sich bringt, ist selbstverständlich. Nur: es war nie anders. Es ist nicht im Geringsten ein neues Phänomen. Es zeigt nur das Unverständnis zahlreicher Journalisten einerseits gegenüber den eigenen Lesern und andererseits gegenüber dem Medium Internet, das offensichtlich zahlreiche Medienschaffende immer noch nicht verstanden haben.

Und wenn es nicht ein shitstorm ist, dann müssen es wahlweise Verschwörungstheoretiker sein oder, und das ist – zumindest im medialen Diskurs – ganz neu: bezahlte Agenten. Jens Rosbach vom Deutschlandfunk wartete mit „Putins geheime Online-Armee“ auf. Unter einer „Armee“ macht es der Deutschlandfunk natürlich nicht. Nik Afanasjew legt für Zeit Online nach: Copy & Paste fürs russische Vaterland.

„Seit dem Herbst 2013 soll der Kreml den Aufbau eines Systems betreiben, das über soziale Netzwerke und Kommentare die Meinung in westlichen Ländern beeinflussen soll. In der renommierten Zeitung Wedomosti schrieb Ilja Klischin vor wenigen Tagen, dass die Ereignisse rund um die Massenproteste in Moskau Ende 2011 – als die Bürger sich über soziale Netzwerke zu Kundgebungen gegen die Regierung versammelten – zu einem Umdenken geführt hätten. Klischin bezieht sich auf geheime Quellen aus dem Umfeld von Präsident Wladimir Putin und schreibt, dass es sich beim Kopf der geheimen Propagandamaschine um Wjatscheslaw Wolodin handeln soll – den stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung, der als Vertrauter Putins auch auf der Sanktionsliste der Europäischen Union gelandet ist.“

Es soll also etwas sein. Beweisen kann man leider nichts, aber man kann sich auf geheime Quellen berufen. Und damit dieser journalistische Unsinn, der er ist, wenigstens den Anschein von Seriösität erhält, wird eine „renommierte Zeitung“ angeführt. Und wer wolle schon jemandem mit Renommee nicht glauben? Die Zeit und deren Redakteure sind offensichtlich schnell bereit alles Mögliche zu glauben. Es wäre aber durchaus angebracht gewesen, darauf zu verweisen, dass „Wedemosti“ in einer wenig renommierten Auflage von 73.000 Stück erscheint und ein „Gemeinschaftsprojekt von Financial Times, The Wall Street Journal und einer Tochtergesellschaft des finnischen Samoa Konzerns“ ist.

Nun gut. Das Offenlegen von Quellen und Transparenz sind nicht die Stärken der Zeit.

„Vom Kreml gesteuerte Medienagenturen bezahlten demnach vor allem junge Menschen dafür, immer wieder die gleichen Textbausteine unter Artikel mit Russlandbezug zu setzen oder bei Facebook zu posten. Die Vorwürfe doppelter Standards und der Heuchelei westlicher Politiker gehören dabei zum gebräuchlichen Repertoire.“

Und spätestens hier ist dann klar: Von Afanasjew wird nichts Sinnvolles mehr zu erwarten sein. Denn auch er hat die Grundproblematik nicht verstanden und wird sie auch vermutlich nie verstehen. Afanasjew sucht nach den Gründen für die Häufung „prorussischer“ Kommentare. Nur: Wie will man etwas Richtiges finden, wenn man nach dem Falschen sucht? Und deswegen findet er auch für den Vorwurf von „doppelten Standards“ und „Heuchelei“ nur vermeintliche Agenten Putins. Auseinandersetzung mit den Vorwürfen? Fehlanzeige.

Erschreckend ist, dass dahinter eine Geisteshaltung steckt, die aus der McCarthy-Ära bekannt ist und unter Nixon kulminierte. Zwischen 1956 und 1971 war die US-Regierung der Auffassung, dass hinter jeder kritischen Meinung feindliche Geheimdienste stecken müssten. Linke Gruppierungen, Bürgerrechtsbewegungen oder die Anti-Vietnam-Bewegung sollten von der Sowjetunion unterwandert und manipuliert worden sein. Die absurde Russen-Paranoia, die in zahlreichen Artikeln gegenwärtig bemüht wird, entspringt der gleichen gefährlichen Denkweise. Gefährlich deshalb, weil es in den USA nicht nur bei der Stigmatisierung, Abwertung und Diffamierung geblieben ist.

Während der Operation CHAOS überwachte die CIA über 300.000 Kriegsgegner und die NSA führte eine Watchlist, auf der zehntausende Namen von Bürgern standen, die aufgrund ihrer Position und Einstellung gegenüber dem Vietnamkrieg die „nationale Sicherheit gefährden“ würden. Gleichzeitig lief das COINTELPRO des FBI. Das COunter INTELligence PROgram beinhaltete verdeckte Ermittlungen, Agent Provocateurs, Sabotage, Psychoterror, Denunziation, Fälschung von Beweisen, Einbrüche, Vandalismus, Körperverletzung bis hin zu Mord. Alles unter dem Deckmantel der Notwendigkeit der Abwehr von sowjetischen Agenten und zum Erhalt der Nationalen Sicherheit.

Es wäre töricht zu glauben, dass sich solche Dynamiken nicht wieder ergeben könnten. Zahlreiche Autoren, gerade auch der Zeit, arbeiten auf ein ähnliches gesellschaftliches Klima hin.

„Außer den Indizien, die in Richtung Moskau zeigen, mussten alle Medien jedoch auch bestätigen, dass zahlreiche Beiträge, die eher dem Westen als Russland die Schuld für die Ukraine-Krise zusprechen, von altgedienten Kommentatoren stammen, die ihre Argumente sprachlich einwandfrei vortragen. Auch wer aktuell die Kommentare führender Medien durchliest, wird nicht den Eindruck bekommen, dass sämtliche antiwestlichen Positionen von übermüdeten Studenten aus Sankt Petersburg verfasst werden – es ist wohl tatsächlich eine Mischung aus bezahlten Kommentatoren, patriotischen Auswanderern und antiwestlichen Westlern.“

Eine andere Alternative kommt offensichtlich nicht in Frage. Und das ist das zentrale Problem. Viele Journalisten haben sich in eine Parallelwelt hineingesteigert. Wer gegen die eigene Überzeugung anschreibt, muss bezahlter Agent sein, Exilrusse oder Antiwestler. Es ist das ewig gleiche Schwarz-Weiß-Gemale, das ja erst zu den negativen Kommentierungen geführt hat. Ist es nicht denkbar, dass es Leser geben soll, die sich nicht totalitär auf eine Seite schlagen wollen? Ist es nicht möglich, dass zahlreiche Leser schlichtweg enttäuscht und desillusioniert sind, ob der Einseitigkeit der Berichterstattung? Ist es nicht ersichtlich, dass es Doppelstandards und Bigotterie gibt? Ist Kritik nicht notwendiger Bestandteil eines gesellschaftlichen, demokratischen Diskurses?

Wie kann es also sein, dass Kritiker diffamiert werden? Wie kann es sein, dass, wer für Menschenrechte argumentiert, äußerst zynisch zum Putinversteher verleumdet wird. Es ist der letzte Versuch die Deutungshoheit kämpferisch zu verteidigen. In der Regel würde man von Journalisten erwarten, dass sie im schlimmsten Falle persuasive Kommunikation betreiben würden. Doch mittlerweile ist auch die Leserbeschimpfung en vogue. Damit nicht genug, soll durch die ausufernde Verwendung der Begriffe shitstorm, Verschwörungstheoretiker, Putinversteher, Pro-Russisch, Gutmensch, political correctness und viele andere, ein Tabu erzeugt werden, dass bereits das Nachdenken verhindern soll. Aus Angst sich gegen den vermeintlichen gesellschaftlichen Wertekanon zu stellen, aus Angst ausgegrenzt und gedemütigt zu werden, zensieren sich Jorunalisten wie Kommentatoren selbst.

Die Vehemenz mit der die Auseinandersetzung auf beiden Seiten (Nachrichtenproduzent und Nachrichtenkonsument) geführt wird, kann ein Anzeiger für bevorstehende umwälzende Veränderungen sein.

Der Soziologe Hartmann formuliert das Auseinanderdriften folgendermaßen:

„Die Gewöhnung an Macht hat zur Konsequenz, dass man für sich oft andere Regeln reklamiert als die, die für den Rest der Bevölkerung gültig sind.“

Und das mag auch eine Zeitlang so funktionieren. Bis eben die Kluft zwischen den gesellschaftlichen Gruppen zu groß wird. Und bis die Masse erkennt, dass sie sowohl die Fähigkeiten als auch die Möglichkeiten besitzt, die Verhältnisse zu verändern.

Lenin wird das Zitat zugesprochen:

„Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“

Und es ist ganz offensichtlich, dass viele Leser so nicht mehr wollen. Und es ist ebenso ersichtlich, dass einige Medienschaffende nicht mehr können. Wenn dem so ist, beobachten wir gerade die wirkliche digitale Revolution, nämlich die Demokratisierung von Nachrichtenbeschaffung, Nachrichtenverbreitung und Nachrichtenrezeption. Wenn Wirklichkeit das ist, was zwischen Menschen diskursiv bestimmt wird, dann sind wir gerade dabei, die Wirklichkeitsdeutung elitären Kleingruppen zu entziehen und sie demokratischeren Aushandlungsprozessen zur Verfügung zu stellen.

  1. In: „Aus Politik und Zeitgeschichte“, Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“ von der Bundeszentrale für politische Bildung (APuZ 15/2014) mit dem Titel „Oben“ []
  2. allumfassend in Bezug auf die Nachrichtenakteure und Einseitig in Bezug auf die eingenommene Perspektive []
  3. Und hier wird dann auch ein Erklärungszusammenhang deutlich, der den Unterschied zum 11. September erklärt: Der Terroranschlag war in seiner Dimension und medialen Repräsentation emotional dermaßen aufwühlend, dass zahlreiche Mechanismen nicht mehr griffen. Besonders im Journalismus wurde dies deutlich. Die Verflachung komplexer sozialer Prozesse auf ein menschenfeindliches „Entweder ihr seid für uns, oder ihr seid für den Terrorismus.“ macht die gesamte Problematik verständlich. []
  4. Da braucht man nur den politischen Aschermittwoch zu bemühen. []

Bildquellen

4 Kommentare

  1. EineFrau sagt

    Danke für die Analyse, finde ich wie Ihre anderen Beiträge zu Thomas-Thereom und den Kapferer Zitate zur Konstruktion der Wirklichkeit sehr illustrierend.

    Glauben Sie, hat der Konflikt und die revolutionäre Situation das Potential an dem Diktum „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ zu rütteln?

    Zumindest ist es ein Konflikt zwischen den Gatekeepern zu den Massenmedien und einem aufgeklärteren Teil der Mediennutzer-Herde: Dass ein zunehmend großer Teil der Gesellschaft, der nicht mehr dem von den Medien vermittelten Bild der Wirklichkeit glauben kann/mag. Auch der Erfolg der Lanz-Petition ist ein Ausdruck desselben Unbehagens.

    Es ist ja auch ein Teil der altgedienten Kommentatoren Nutzer & Journalisten wie Frau Gabriele Krone Schmalz, die intensiv die zunehmende „Verflachung“ & „Einseitigkeit“ der Medien beklagen, beim Irakkrieg war man sich in den Leitmedien über die „Beweise“ noch unsicher. Letztendlich hat auch auf der Bühne der aktuellen Berichterstattung eine Knoppisierung stattgefunden: Einfache, holzschnittartige Antworten, auf komplexe Sachverhalte und alles was nicht reinpasst, wird mit umso größeren Pathos weggeschoben.

    Und nun wie wird’s weitergehen?

    • Sascha Pommrenke sagt

      Liebe Frau Frau,

      an dem Diktum von Niklas Luhmann wird sich nicht rütteln lassen. Natürlich ist es ein gutes Stück weit apodiktisch, aber im Kern eben auch evident. Man darf nicht vergessen, dass seit einigen Jahren zwar durchaus alternative Detungsmuster immer breiteren Leserkreisen vermittelbar sind, aber die Informationen für die Deutung, stammen weiterhin mehrheitlich von Massenmedien.
      Die meisten Blogger und alternative Nachrichtenmagazine sind weiterhin auf die Nachrichtenproduzenten angewiesen. Es sind also nur Zweitverwerter mit anderen Deutungsangeboten. Fakt bleibt aber, dass wir von zahlreichen Zusammenhängen nie etwas erfahren werden, wenn sich die traditionellen Medien damit nicht auseinandersetzen wollen.

      Das ist ja auch eines der Probleme in solch einem Konflikt wie es die Ukraine bzw. mal wieder „the West and the Rest“ darstellt. Alle Seiten betreiben Propaganda. Aber nur die „Feindpropaganda“ soll entlarvt werden. Die eigene wird nicht einmal als solche wahrgenommen. Die Medienproduzenten konsumieren ja die Medien ihrer Konkurrenten. Und wenn alle das gleiche schreiben, muss es ja wahr sein. Auch das ist ein Teufelskreis der gegenseitigen Bestätigung. Steht etwas im Spiegel, dann muss es stimmen. Dabei zeichnet sich gerade der Spiegel als Verlautbarungsorgan lancierter Nachrichten des BND aus.

      Im Nachrichtengewerbe gibt es einen „Königsmechanismus“. Bei Gelegenheit werde ich den mal etwas ausführlicher beschreiben. Die Kurzversion ist: wer etwas vom König haben möchte, muss ihm auch etwas anbieten. Also bietet man Hofberichterstattung an, dafür bekommt man dann Audienzen und (vermeintliche) Insiderinformationen. Den Journalisten fällt in der Regel nicht einmal auf wie anfällig sie dadurch für Manipulation werden. Wie immer stehen hier nämlich selbstwertrelevante Wahrnehmungsverzerrungen zur Verfügung: „ich habe die geheimen Informationen bekommen, weil ich so ein guter Journalist bin mit richtig guten Kontakten…“

      Ich teile aber ihre Sicht, dass es immerhin ein wachsendes kritisches Potential gibt. Sowohl bei Konsumenten als auch bei Produzenten. Nur, und das muss man sich vergegenwärtigen, das kritische Potential entsteht nicht durch die alternativen Medien. Die können nur auf Fragen neue Antworten geben. Die Fragen müssen vorher entstehen. Meiner Meinung nach entwickeln Menschen mit einem besonderen Gerechtigkeitssinn, mit Vorstellungen von Fairness und mit enttäuschten Idealen eben diese Fragebereitschaft: da stimmt doch was nicht, das was man uns erzählt, steht in starkem Widerspruch zur Realität bzw. zum Verhalten.

      Das Problem ist dabei, dass die Fragen auch auf „falsche“ Antworten stoßen können. Es gab und gibt zu jeder Zeit Menschen, die einfache Antworten parat haben. Das Lockmittel ist immer das gleiche: ich zeige euch eine Wahrheit von der ihr nicht mal geträumt hättet. Die Aura des besonderen, des auserwählten funktioniert auf allen Seiten. Ob nun der auserwählte Journalist, dem geheime Informationen zugesteckt werden, oder aber der Konsument, der in einem Blog auf die „wirkliche Wahrheit“ stößt: die Aufdeckung der Strippenzieher der Welt.

      Und hier sehe ich auch die größte Gefahr, durch die unfassbar verflachten Nachrichten der traditionellen Medien. Dass diese Nachrichten nicht stimmen, ist relativ einfach festzustellen. Was aber stimmt, ist sehr viel schwieriger zu recherchieren. Und so treiben die Konzernmedien tatsächlich eine Vielzahl von Lesern in die Arme von Wahrheitsverkündern.

      Das Ganze wird nur noch übertroffen, von hetzenden Medien, die sich der gleichen Stilmittel bedienen. Momentan ist das Übel der Welt eben Putin. Vorher waren es Islamisten. Davor die Kommunisten. Davor die Juden. Der Mechanismus ist immer der Gleiche. Nur die Wirkungsmächtigkeit ist im Moment noch zivilisierter als vor 75 Jahren. Aber aus Perspektive der Gewaltforschung kann man nur konstatieren: wir (und gerade auch die Deutschen) sind zu jeder Zeit wieder fähig, die schlimmsten Grausamkeiten im Glauben an ein höheres Ziel, eine geschichtliche Mission zu begehen.

      „Und nun wie wird’s weitergehen?“
      Ich fürchte es wird nicht besser. Die großen gesellschaftlichen Fragen werden gar nicht mehr gestellt. Also Soziologe kann ich nur sagen, dass die Soziologie in Deutschland in den Nachkriegsjahren ihre Blütezeit hatte. Da gab es noch die Fragen: wie konnte das alles geschehen? Und wie können wir einen weiteren Krieg, einen weiteren Holocaust vermeiden?

      Heute interessiert das kaum noch. Die gesellschaftlichen Fragen, die sich die neuen Entscheider stellen sind: Wie können wir wieder Weltmacht werden? Wie können wir unser Militär zur Wahrung unseres Wohlstands einsetzen? Ich hoffe, dass ich mich irre, aber ich fürchte, die vorherrschende Persönlichkeit in Deutschland ist immer noch der „autoritäre Charakter“ (und ganz sicher nicht nur in Deutschland).

  2. Besdomny sagt

    „Lenin wird das Zitat zugesprochen: „Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.““

    Lenin ist kein Aphoristiker gewesen, die entsprechende Textstelle ist also etwas ausführlicher gehalten. Sie findet sich im zweiten Abschnitt, vierten Absatz der Schrift „The Collapse of the Second International“ (1915).
    > https://www.marxists.org/archive/lenin/works/1915/csi/ii.htm

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