Fall Mollath
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Mollath – Schuldig oder Unschuldig?

Der Fall Mollath ist nicht nur in die Rechtsgeschichte eingegangen, er wird auch Teil des kulturellen Gedächtnisses des Landes werden. Allerdings werden sich die Menschen an sehr unterschiedliche Varianten erinnern, wenn sie über den Fall reden. Je nach bevorzugter Nachrichtenquelle wird man sich wahlweise an einen unschuldigen Whistleblower erinnern, der weggesperrt werden musste, weil er zu viel wusste. Oder man erinnert sich an einen Kampagnenjournalismus im Stile des Falles Jack Unterweger. Für die einen bleibt er der „Held“ und für die anderen ein brutaler „Irrer“. Ob Mollath nun also schuldig oder unschuldig ist, bedarf einer genauen Aufklärung und entsprechend einer genauen Berichterstattung, damit sich die Menschen des Landes ein eigenes Bild machen können. Ein zentraler Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie: die eigene Meinungsbildung.

Das Wiederaufnahmeverfahren hat am 7. Juli begonnen und die Medienberichterstattung schließt nahtlos dort an, wo sie bei Mollaths Freilassung geendet hatte. Wenn man sich nicht für den Fall interessiert, liest man im besten Falle nur die Nachrichten des bevorzugten Portals. Das bedeutet, dass sich etwa 11 Millionen Leser von Spiegel Online, 16 Millionen vom Onlineangebot der Bild und etwa 6,5 Millionen von der Zeit informieren lassen.1

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Quelle: http://de.statista.com

Quelle:            http://www.horizont.net/charts/pages/ [Link nicht mehr aktuell]

Bei der Zeit fällt die Berichterstattung überraschend knapp aus. Es gibt lediglich einen kurzen Bericht zur Verfahrenseröffnung. Dabei hatte sich die Zeit im vergangenen Jahr größte Mühe gegeben, die Deutungshoheit über den Fall Mollath zu erlangen. Wohl orchestriert versuchten Zeit, Tagesspiegel und Spiegel wahlweise der bayerischen Justiz, psychiatrischen Gutachtern oder der Hypovereinsbank zu Seite zu springen. Das neue Narrativ, das die geballte mediale Macht platzieren wollte und sich in Teilen bis heute hält, sollte der kranke Held werden. Mollath sei krank und deswegen zwar unglücklich (vielleicht auch nicht rechtmäßig) doch aber zu recht eingesperrt. Denn Wahn bleibt Wahn, auch wenn es einen wahren Kern geben sollte. So schloss man bei der Zeit, dass es sich bei Mollath eben um einen Kranken handelt, der selber schuld sei, dass er so lange weggesperrt war. Da diese Medienkampagne nicht so richtig zünden sollte, hat man sich bei der Zeit zum zweitschlechtesten Mittel durchgerungen: gar nicht berichten. Angesichts der Bedeutung des Falles für rechtsstaatliche wie demokratische Prinzipien eine doch sehr bemerkenswerte Einstellung der Zeit.

Spiegel Online hingegen schickt mit Beate Lakotta eine Reporterin zum Wiederaufnahemverfahren, zu der Mollaths Strafverteidiger Gerhard Strate in einem Leserbrief an den Spiegel konstatierte:

Frau Lakotta versteht von unserem Justizsystem nichts. Begriffe wie faires Verfahren oder der Inhalt der im Grundgesetz verbrieften Grundrechte sind ihr fremd. Wird gegen sie verstoßen, dann ist beim Beschuldigten halt „nicht alles nach Goldstandard gelaufen“. Für Frau Lakotta gilt hier nur: na und?“

Nachdem die Krisenkommunikation zu Beginn des Skandals gründlich versagt hatte, will man nun besser aufgestellt in die entscheidende Phase gehen. Gründliche Arbeit leisten dazu Otto Lapp vom Nordbayerischen Kurier, zu dem bereits alles gesagt ist, Beate Lakotta von Spon und Jörg Völkerling für die Bild. Natürlich richten sich dabei alle Journalisten nach dem Pressekodex des Pressrates.

Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewusst sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.

Dass es nicht ganz so weit her ist mit dem Pressekodex – wie könnte es auch bei dem zahnlosen Tiger Presserat – hat Lakotta bereits im Vorfeld des Verfahrens kundgetan. So müsse der neue Prozess erst noch erweisen, ob Mollath „ein unschuldiges Justizopfer ist“. Offensichtlich war ihr kurzzeitig Ziffer 13 des Presskodex entfallen, indem der Grundsatz der Unschuldsvermutung auch für Journalisten geltend gemacht wird. Denn vor Gerichten muss selbstverständlich nicht die Unschuld erwiesen werden, sondern die Schuld. Ansonsten klingt es doch arg nach Vorverurteilung.

Aber Lakotta lässt erst gar keinen Zweifel aufkommen, wo sie sich im anstehenden Prozess positionieren wird. Gerichtsberichterstattung ist von ihr nicht zu erwarten, wohl aber Litigation-PR. So wird der vorbereitende Artikel despektierlich abwertend beendet:

Dass Mollath anschließend erneut in der Psychiatrie untergebracht würde, ist eine sehr theoretische Möglichkeit. Denn bis jetzt wurde kein Vorfall öffentlich bekannt, der darauf schließen ließe, in Mollath stecke heute noch ein anderer als der friedliebende Gustl.

Und so macht die behauptende Beate da weiter wo sie aufgehört hatte. Sie betrachtet ihre Berichterstattung als Gegenpol zur Berichterstattung anderer Medien, wie sie in einem Interview mit dem Medienmagazin ZAPP vom NDR erklärte.

*update*: Dank eines Hinweises im Kommentarbereich hier nun der Link zum Interview.2

Zapp: Das ist ja letzlich, könnte man sagen, eine Ein-Quellen-Geschichte. Wie können Sie das rechtfertigen?
Lakotta: Naja. Es gab vorher schon sehr viele Ein-Quellen-Geschichten, deren Quelle Gustl Mollath war. Ich find das ist ok, wenn man dann mal die andere Quelle dagegen setzt.
Zapp: Das heißt Sie sehen Ihre Berichterstattung sozusagen in dem Kontext der Gesamtberichterstattung. Also dadurch, dass Sie nicht die Einzige sind, die den Fall recherchiert, müssen Sie nicht das komplette Bild darstellen?
Lakotta: Hm.

Dass diese für eine Journalistin absurden Behauptungen nur dann sinnvoll wären, wenn die informationsuchenden Leser selbständig recherchieren würden, scheint Lakotta nicht zu stören. Wer nur bei Spon liest, wird also einseitig – und das ist auch noch so gewollt – informiert. Wie man das allerdings mit Ziffer 1 des Pressekodex in Einklang bekommt, bleibt ein Rätsel:

Ziffer 1 – Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.

Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.

Wenn man nur einseitig informiert, wie kann man da wahrhaftig unterrichten? Ist das Weglassen von Informationen zumal grundlegenden noch „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“? Es ist müßig die Nicht-Berichterstattung von Lakotta auseinanderzunehmen. Seien es die Nachfragen der Verteidigung, die Lakotta durchweg ignoriert und somit jegliche korrigierende bzw. die behauptetet Wahrheit irritierende Informationen ausblendet. Der dritte Verhandlungstag findet bei Spiegel Online konsequenterweise dann auch seltsam komprimiert statt. Schließlich ist das der Tag an dem Petra M.s Schwägerin und zugleich Arzthelferin in der Attest ausstellenden Praxis vernommen wird. Ein nicht ganz so glücklich laufender Tag für die Nebenklage.

Die Zeugenvernehmungen der Schwägerin und des Arztes die im Wortprotokoll der Verteidigung mehr als 60 Seiten umfassen, werden bei Spon auf zwei Absätze eingestampft. So können die zahlreichen Widersprüche in der Aussage der Zeugin nicht angemessen ausgearbeitet werden. Wozu eine eigene Gerichtsreporterin, wenn man die entscheidenden Zeugenaussagen in dpa-Ticker Qualität abliefert? So erfährt der Leser bei Spon fast nichts über die Schwägerin. Nichts über Widersprüche ihrer Aussage vor Gericht 2006 und heute. Nichts über den Besitz einer Kopie des Originalattests, welches als verschwunden galt. Wobei letzteres natürlich von Lakotta aus einem guten Grund nicht erwähnt wird:

»Von wem bekamen Sie die Kopie? Von Frau M. selbst oder von jemandem, der sie vertritt?«, fragt Strate weiter. Und: »Woher wussten Sie, dass »i.V.« von Bedeutung ist? »Aus Presseartikeln«, antwortet die Zeugin irritiert. Ob bestimmte Reporter sie darauf hingewiesen hätten, etwa Otto Lapp vom Nordbayerischen Kurier? »Ja, und Frau Lakotta! [SPIEGELQuelle

Lakotta und Lapp, die sich selber zu den wahren Aufklärern im Fall Mollath stilisiert haben, scheinen ein Problem mit professioneller Distanz zum Geschehen zu haben. Da wird dann schon mal eine Verfahrensbeteiligte instruiert. Dabei steht überhaupt nicht fest, wer in diesem Fall mehr Wahrheit spricht. Was ist, wenn Lakotta und Lapp mit ihrer Einschätzung des Falles daneben liegen und Petra M. und Familie vielleicht doch intrigiert haben? Welche Rolle spielen dann die beiden Reporter? Vom Journalismus zur PR, so schnell kann es gehen. Und dabei waren es doch eben diese Journalisten, die sich lautstark über Parteinahme echauffierten.

Ebenso wenig wie über die Zeugenvernahme der Schwägerin erfährt man bei Spon über die Einvernahme des Attest-ausstellenden Arztes. Immerhin das Attest, welches als Wiederaufnahmegrund diente. So erfahren die Spiegel Leser nichts von drei unterschiedlichen Attesten, die der Zeuge ausgestellt hat. Nichts von erheblichen fachlichen Mängeln im Attest, die der Sachverständige, Rechtsmediziner Eisenmenger, herausarbeitet.

Über die Zeugenvernahme der damaligen Richter und Staatsanwälte wird dann auch geschwiegen. Denn keiner will sich so richtig an etwas Außergewöhnliches erinnern. Dafür wird der ehemalige Pflichtverteidiger Mollaths ausgiebig zitiert. Denn dessen Ausführungen sind wieder bestens geeignet, so scheint es Lakotta, Mollath weiter zu diskreditieren. Besonders wichtig ist es Lakotta zum Ende des Artikels eine Äußerung des Zeugen hervorzuheben, die auf eine Verbindung Mollaths mit sogenannten Unterstützern abzielt:

Aber Dolmany will noch etwas loswerden: „Was mich stört, ist die Hetze dieser ganzen Freunde von Herrn Mollath“, bricht es aus ihm heraus. „Ich habe durch diesen Fall Mandate verloren. Herr Mollath, auch wenn Ihnen das guttut: Ich werde mit Fäkalausdrücken beschimpft und bedroht.“

Ein Narrativ, dass Lakotta geradezu obsessiv versucht in den Diskurs einzubringen. Leider hat die starke emotionale Aufgewühltheit wohl dazu geführt, dass ihr an dieser Stelle (mal wieder) etwas entgangen war. Der Zeuge nimmt auf Einwand des Verteidigers von Mollath diese Aussage zurück.

Dann tut es mir leid, dass ich es gesagt habe. Quelle

Pünktlich zum vierten Verhandlungstag ist Lakottas volle Aufmerksamkeit dann aber wieder zurück. Denn nun gibt es die Gelegenheit die Glaubwürdigkeit des Zeugen Braun in Frage zu stellen. Der erinnerte sich nämlich ein wenig zu genau an ein Telefonat, das Petra M. mit Braun 2002 geführt haben will. Zwar konnte Braun auf Notizen verweisen, die er sich während des Telefonates gemacht haben will, aber deutlich genug für die präzise Aussage scheinen die nicht gewesen zu sein. Es liegt der Verdacht nahe, dass Braun seine Aussage auswendig gelernt hat und nicht aus der Erinnerung Bericht erstattet. Auch fallen seine Aussagen bei der Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft und vor Gericht erheblich auseinander, ebenso wie seine Aussagen in einer Fernsehdokumentation mit seinen aktuellen Angaben nicht übereinstimmen.

„Aha, sagt Meindl. „Und warum haben Sie es dann gesagt?“ Braun zuckt mit den Achseln: „Das war das Drehbuch. Das Fernsehen ist halt ein bissel Folklore.“ Und was das Geld betreffe: Die Art und Weise wie das transferiert werde, sei doch klar.“ Quelle

Und Lakotta schließt den Artikel damit, dass der Zeuge Braun vereidigt werden muss. Auch hier bewirkt eine Auslassung, dass der Leser den Verdacht bekommt, dass die Aussage unglaubwürdig war und deshalb der Zeuge vereidigt wurde. Im Gegenteil hatte jedoch die Verteidigung den Antrag auf Vereidigung gestellt, um die Glaubwürdigkeit zu unterstreichen. Man mag zum Zeugen Braun stehen wie man möchte. Doch damit sich der Leser ein tatsachengerechtes Bild von den Verhandlungen machen kann, müssen die be- wie entlastenden Hinweise erwähnt werden.

Dass sich die Berichterstattung Lakottas zu diesem Zeitpunkt bereits weit von der Realität entfernt hat, zeigt auch dass es keine Möglichkeit gibt, die fehlenden Aspekte bzw. die falschen Darstellungen im Forum zu korrigieren. Die Kommentarfunktion ist schlichtweg deaktiviert.

Dennoch ist Lakotta wieder einmal zu danken. Wenn auch ungewollt, so zeigt sie doch den entscheidenden Mechanismus auf, der im Fall Mollath von Anfang an und bis heute eine entscheidende Rolle spielt. Unbewiesene Behauptungen werden genutzt, um Mollaths Persönlichkeit zu beschreiben, um ihn als wahnsinnig und gefährlich darzustellen. Am sechsten Verhandlungstag hat der Nebenklagvertreter einen Antrag gestellt, der beweisen soll, dass sich Mollath „ausnehmend aggressiv gegenüber einer Begleiterin gezeigt“ habe. Sowohl Lapp als auch Lakotta befinden diese Nachricht als dermaßen brisant, dass sie ihre Artikel noch in der Verhandlungspause fertig und online stellen. Im besten journalistischen Konjunktiv wird die Eilmeldung verbreitet.

Horns Antrag zufolge soll Mollath am Silvesterabend 2013 mit einer Frau in deren Auto unterwegs zu einem Brecht-Liederabend von Nina Hagen im „Berliner Ensemble“ gewesen sein. An einer Tankstelle in Bad Pyrmont habe er einen Streit begonnen, der zu einer „massiven Auseinandersetzung“ eskalierte – so heftig, dass ein Passant sich genötigt sah einzugreifen.

Dass diese Meldung selbst allerdings auf äußerst tönernen Füßen daherkommt, ist zumindest Lakotta bewusst. Deshalb reicht es ihr auch nicht lediglich zu vermelden. Lakotta ordnet den Vorfall auch journalistisch ein. Die Interpretation darf schließlich nicht dem Leser überlassen werden. Und so erblödet sich Lakotta tatsächlich den Vorfall von Sylvester 2013 in direkten Zusammenhang mit einem Vorfall von 2002 zu bringen.

Bereits die Schwägerin von Petra M. hatte als Zeugin vor Gericht von einer abrupten Verhaltensänderung berichtet, die sie bei Mollath am 31. Mai 2002 erlebt habe – dem Tag, an dem er seine damalige Frau laut Anklage im Haus festgehalten und misshandelt haben soll.

Jetzt wird es dem Leser deutlich. Mollath war verrückt und ist es auch heute noch. Damals hatte er eine abrupte Verhaltensänderung an den Tag gelegt und Sylvester 2013 auch wieder. Das muss Teil seiner wahnhaften Persönlichkeit sein. Dass beide Vorfälle allerdings lediglich Behauptungen sind, die des Nachweises harren, ficht eine Lakotta nicht an. Der Zusammenhang ist hergestellt, die Absicht des Nebenklagevertreters geht dank Lakotta, Lapp und Konsorten auf. Litigation-PR als negative Imagekampagne zuungunsten Mollaths. Es spielt auch keine Rolle mehr, ob irgendetwas an den Behauptungen dran ist. Wichtig ist, dass Lakotta den intendierten Bezug zur Persönlichkeit damals und heute hergestellt hat. Es wird schon bei genügend Lesern hängen bleiben, dass Mollath irre sei und bedrohlich in der Tür gestanden habe „schweißgebadet, die Fäuste geballt, die Knöchel weiß“.

Die Aufklärung, dass es mit dem Vorwurf nicht weit her war, findet dann folgerichtig in einem kurzen Artikel statt, der in der WM Artikelschwemme untergeht. Und selbstverständlich ordnet Spon in diesem Fall die Meldung nicht journalistisch ein. Es wird kein Zusammenhang hergestellt, dass es sich bei dem Antrag lediglich um eine „Schmutzkampagne“ handeln könnte. Was vorher noch möglich war, als man Mollath weiter diskreditieren konnte, wurde diese Chance noch genutzt. Als man allerdings hätte aufklären können, dass es sich lediglich um PR gehandelt haben könnte, da versagt die journalistische Interpretation.

Vom sechsten Verhandlungstag weiß Lakotta den gleichen Mechanismus zu berichten. Eine Zeugin kann von einem Vorfall von vor über 30 Jahren aus der Erinnerung erzählen.

Sie habe Mollath damals nur drei-, viermal gesehen und seither nicht mehr an ihn gedacht, sagt Renate B., „bis dann der ganze Presserummel losging“. Im Radio hörte sie, dass Gustl Mollath freigelassen werden wollte, weil er unschuldig sei. „Ich dachte mir: So unschuldig scheint er mir nicht zu sein, er hat ja die Petra früher auch geprügelt.“ Auch sie selbst habe damals einmal „seine Hände am Hals“ gehabt.

Zwar hat die Zeugin die „Prügel“ ausschließlich vom Hörensagen gekannt, aber das stört weder die Zeugin noch Lakotta. Aber wenigstens wird hier das gleiche Vorurteil als Motiv genannt, wie es so häufig von Lakotta selbst verbreitet wurde.

Ich dachte mir: So unschuldig scheint er mir nicht zu sein, er hat ja die Petra früher auch geprügelt.

Aus einer Behauptung, aus dem Hörensagen, wird ein Fakt, der zur Verurteilung führt. Und so kann Mollath natürlich nicht unschuldig sein, denn Petra M. hat ja gesagt, er ist schuldig. Und so hat sich die Zeugin bereits im November 2012 bei der Staatsanwaltschaft in Nürnberg gemeldet, um von den Erlebnissen von 1982 zu berichten. Also just in dem Zeitraum als der Sonderrevisionsbericht bekannt wird und damit Mollaths Erzählungen an Plausibilität gewinnen. Und auch hier findet wieder keine weitere Einordnung statt. Wozu auch. Sind doch die Aussagen ganz im Sinne der Nebenklage und damit auch im Sinne von Lakotta.

Richtlinie 13.1 – Vorverurteilung

Ziel der Berichterstattung darf in einem Rechtsstaat nicht eine soziale Zusatzbestrafung Verurteilter mit Hilfe eines „Medien-Prangers“ sein. Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.

Und dazu genügt offensichtlich der Konjunktiv.

Ob Mollath nun schuldig oder unschuldig ist, das wird das Gericht hoffentlich am Ende feststellen. Dank der Berichterstattung einiger großer Medien wird Mollath so oder so stigmatisiert bleiben. Einige Journalisten geben sich die größte Mühe Mollath als wahnsinnigen Gewaltverbrecher darzustellen. Ein differenziertes Bild ist schon lange nicht mehr erwünscht. Auf keiner Seite.

 

Wichtig ist hervorzuheben, dass eine gute Berichterstattung sehr wohl möglich ist. Auch wenn Pascal Durain von der Mittelbayerischen Zeitung keine tiefergehenden Kenntnisse des gesamten Falles hat, so schafft er es dennoch eine umfangreiche (fast) Live Berichterstattung abzuliefern. Ohne diese wäre es kaum möglich sich zeitnah ein Bild des Prozesses zu machen. Auch geht Durain weitestgehend vorurteilsfrei an den Fall heran, was dazu führt, dass seine unter erheblichem Zeitdruck entstandenen Berichte ausgewogener sind als die Artikel von Lapp und Lakotta.

*update*: Damit kein falscher Eindruck entsteht: Wie mir Pascal Durain mitteilte, hat  er sehr wohl eingehendere Kenntnisse des Falles. Um so bemerkenswerter seine distanzierte Berichterstattung.

Ursula Prem berichtet auf ihrem Blog ebenfalls von der Verhandlung. Profunde Kenntnisse des Falles in Verbindung mit der täglichen Anwesenheit macht die besondere Qualität ihrer Berichte aus. Henning Ernst Müller berichtet aus strafrechtlicher Perspektive vom Verfahren, welches eine notwendige Ergänzung zu anderen Perspektiven darstellt. David Liese und Stefan Aigner von Regensburg Digital ergänzen das journalistische Angebot.

Pascal Durain: Der Fall Mollath Live

Ursula Prem: Ein Buch lesen!

Henning Ernst Müller: beck-blog Die Experten

David Liese und Stefan Aigner: Regensburg Digital

Zuletzt sei noch auf den Blog von Gabriele Wolff verwiesen. Hier findet nicht nur eine äußerst kenntnisreiche Auseinandersetzung mit dem Fall seitens der Bloggerin statt, sondern auch eine äußerst fruchtbare Diskussion der Leser. Und nicht zuletzt zeigen sich hier nutzen und Vorteil einer aktiven Community: sich gegenseitig ergänzendes Faktenwissen und enorme Rechercheleistungen.

Gabriele Wolff: Unnützliche Kommentare zur Welt3

  1. Zwar handelt es sich hierbei um „unique visitors“, dennoch entsprechen diese Zahlen nicht den realen Nutzern. Zahlreiche Internetnutzer nutzen mittlerweile diverse Möglichkeiten, um sich ansatzweise zu anonymisieren. Diese Nutzer würden jeden Tag aufs Neue als „unique user“ erfasst werden. []
  2. Entscheidend ab Minute 3:00, vor allem ab 4:00 []
  3. Ich empfehle die Kommenatre als RSS Feed zu abonnieren, ansonsten verliert man doch recht schnell den Überblick über die Kommentare. Auch ein E-Mail-Abo ist möglich. Am leichtesten ist die Methode sich ein Konto bei wordpress anzulegen und darüber das Blog von Frau Wolff zu abonnieren. []

Bildquellen

  • 2397-org: http://de.statista.com

12 Kommentare

  1. KogniTief sagt

    Sehr präzise und vor allem kritisch ausgewogene Analyse! Ich schätze Ihre unaufgeregten und logischen Betrachtungen.

    Mir sind nur ein paar kleinere grammatikalische Punkte aufgefallen z.B.:

    „Dennoch ist Lakotta wieder einmal zu danken. Wenn auch ungewollt, so zeigt sie doch den entscheidenden Mechanismus auf der im Fall Mollath von Anfang an und bis heute eine entscheidende Rolle spielt. Unbewiesene Behauptungen werden genutzt, um Mollaths Persönlichkeit zu beschreiben, um ihn als Wahnsinnig und“

    nach „Mechnismus auf“ müsste ein Komma kommen und „Wahnsinnig“ müsste klein geschrieben sein.

    Einen Hinweis, das Video zum Interview von Frau Lakotta ist noch verfügbar:

    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/lakotta103.html

    • Sascha Pommrenke sagt

      Vielen Dank!
      Die Korrekturen habe ich übernommen!

      Und ausgezeichnet, dass Sie das Video gefunden haben.

  2. KogniTief sagt

    Gerne! Vielleicht können Sie es noch in Ihren Artikel einbauen bzw. verlinken.

  3. heinz sagt

    Sehr gute Analyse zu den medialen Vorgängen. Ich persönlich würde noch die dpa zu dieser Gruppe äusserst selektiv wahrnehmender und wiedergebender Medien und Journalisten hinzufügen. Meist am Gesamtumfang der Berichte mit unangemessen zahlreichen reisserischen (und damit meist fragwürdigen) Elementen angereichert, immer wieder mit groben Fehlern durchsetzt – kurz in einer einem nationalen Dienst unwürdigen Art und Weise der Berichterstattung.
    Dabei ist im Gegensatz zu den beiden anderen „Hinkenden“ der enorme Multiplikationseffekt dieser – oft dann noch unsachgemäss zusammengekürzten – „öffiziösen“ dpa-Meldungen zu beachten.
    Selbst die SZ, die sich in der Aufklärungsarbeit des Mollath-Falls viele Verdienste und Anerkennung erworben hat, ist scheinbar nicht Willens oder in der Lage, ihr „Werk“ mit Hilfe eines permanenten, sachundigen Berichterstatters zu begleiten.
    Bezogen auf das Gros der medialen Berichterstattung gewinne ich nach wie vor den Eindruck, dass der Mollath-Fall weiterhin so gehandhabt wird, dass es für eine Verurteilung mehr als genügt, wenn irgendein Zeuge irgendeine hierzu passende Aussage getätigt hat. Dabei waren es gerade diese besagten Medien, die sich massiv gegen den von ihnen herbeigeschriebenen, heldenverehrenden „Volksgerichtshof“ verwehrt haben.
    Nur gut, dass von der tatsächlichen Front immer noch genügend Transparenz herüberkommt. Und tatsächlich schaut es für Mollath mehr als gut aus: Substanzielles (glaubwürdig Untermauertes), was an ihm hängenbleiben könnte, ist mir bisher noch nicht bekannt geworden.

  4. Gabriele Wolff sagt

    Ich bin sehr angetan von Ihrer Analyse!

    Nur noch eine kleine Ergänzung: zum Wesen der Litigation-PR gehört es, niemals auch nur ein Wort zur Beweislage zu verlieren, wenn sie für die eigene Partei ungünstig ist. Aus diesem Grund haben weder Lapp noch Lakotta über den gestrigen Termin geschrieben, in dem das Konstrukt der Mollathschen Sachbeschädigungsserie zusammenbrach, was sich heute fortsetzte.

  5. Sascha Pommrenke sagt

    Wenn man glaubt, es gehe nicht mehr schlimmer, meldet sich die Zeit zurück: http://img.ly/images/8449123/full

    Der Autor, Daniel Müller, ist dem Ressort Investigativ zugeordnet. Ich bin mir nicht sicher, was bitterer ist. Dass wieder einmal solch ein pejorativer Artikel in der Zeit erscheint, oder dass der Autor für den Qualitätsjournalismus verantwortlich zeichnet.

    Was soll daran investigativ oder gar kritisch sein, wenn man schlichtweg die Behauptungen der Zeugen wiederholt? Fehlt es sogar Journalisten an Medienkompetenz? Eine Aussage ist keine Wahrheit, im besten Falle ist es eine Perspektive auf die Wahrheit. Im schlechtesten Falle ist es eine Lüge oder ein Gerücht oder auch nur eine der zahlreichen Wahrnehmungsverzerrungen, die die Sozialpsychologie kennt.

    Müller übernimmt die gleiche Deutung, die schon Lakotta und Rückert (Zeit) im Dezember 2012 platzieren wollten. Dummerweise verlässt er sich auf den Nebenklagevertreter ud beendet seinen Artikel mit der bereits oben erwähnten bri´santen Auseinandersetzung von Sylvester 2013. „Mollath, das Opfer?“ lautet die lächerlich rhetorische Frage.

    Wie es um Mollath bestellt ist, bleibt abzuwarten. Eines ist aber ganz sicher. Der Qualitätsjournalismus ist defintiv ein Opfer. Und Täter kann man auch genau benennen.

  6. KogniTief sagt

    „Der Qualitätsjournalismus ist defintiv ein Opfer.“

    So sieht es wohl leider aus. Eines hat der Fall jedoch mir deutlich gemacht, sich nicht mehr einfach nur auf Berichte in sogenannten seriösen Zeitungen zu verlassen.

    Sie haben es in Ihrem Artikel ja bereits verdeutlicht: „Gegenpol“ bilden, lautet wohl die Devise dieser Reporter. Frau Lakotta verrät sich und ihren modus operandi, in dem sie auf die oben zitierte ZAPP Frage nur ein klägliches und eingestehendes „hm“ entgegensetzen kann. Was sollte sie auch leugnen…

    So verfährt leider auch dieser Artikel der Zeit. Gerade der letzte Abschnitt macht besonders deutlich, worauf es dem Autor ankommt: Mollath wird zunächst dem gesellschaftlichen Positivbild entsprechend geschildert (adrett gekleidet, nett und höflich), um ihn im letzten Moment mit dem Gegenteil niederzustrecken – mit einer Suggestivfrage im Gewand des pseudokritischen, investigativen Journalismus. „Man wird ja noch mal fragen dürfen“!

  7. heinz sagt

    Ich gehöre einer Generation an, die sich vermutlich in grossen Teilen schwertut, dieses seit einigen Jahren zunehmend aufkommende und wuchernde Phänomen des „liberalen Geisterfahrer-Journallismus“ überhaupt zu verstehen. Früher – ich weiss… – gab es parteipolitisch gebundene Presseorgane, deren Inhalt man zumindest erahnen konnte, ohne jeden Artikel genau gelesen zu haben und es gab die sog. unabhängigen Medien. Diese unterschieden sich dann – grob gesprochen – in konservative und progressive Titel. Zumindest bei der letzten Kategorie galt in der Regel ein ungeschriebenes Gesetz: im Zweifelsfall Seite an Seite mit dem Schwächeren.

    Heute reklamieren fast alle Medien ihre journalistische Freiheit und Unabhängigkeit für sich. Vom Grundatz „im Zweifelsfall für den Schwächeren“ ist aber wenig übriggeblieben. Im Gegenteil: ich habe den Eindruck, es gibt mittlerweile eine Gruppe von Journalisten, die finden es geradezu hip, an Bord einer fünfmastigen Protzyacht mit dem Antriebswind des Turbokapitalismus gegen den (faktenorientierten) Strom zu segeln. Ich habe den Eindruck, da hat sich eine Clique zusammengefunden, denen es sichtlich Spass macht – auch unter Einbezug von Foren – schlichtweg zu provozieren. Und irgendwo im Hintergrund meine ich auch, ein Ziel zu erkennen: hin zum „Gottes“Staat, zur Oligarchie, zurück zum Staats-Puritanismus, zur Staats-Homophobie usw.

    Für mich erreicht der „Fall“ Mollath zunehmend den Charakter eines Prüfsteins – gelingt es noch, einmal festgestelltes Unrecht – neben dem rein juristischen – auch medial als solches zu kommunizieren, oder wird er zur Wendemarke, zur Horrorgewissheit, dass nur ein unauffälliger und kuschender Untertan langfristig eine Chance hat, unbeschadet von obrigkeitlicher Willkür sein Lebensende zu erreichen..

  8. Propaganda allerorten sagt

    Das Mainstreamblätter diesen Mist verzapfen wundert mich nicht. Hat mit Mechanismen zu tun die letztlich einen qualifizierten Leserstamm produzieren sollen und „so nebenbei“ gewisse Denkrichtungen in den Hirnen ankert bzw. verstärkt. Einnahmen werden dann erzielt indem die „Community“ an Inserenten vermietet wird denen die Zielrichtung des Blattes ja auch gefallen muss..

    Die Produktion von Massenmedien ist somit blanker Zynismus.

    Warum sollte ich dieses Zeugs lesen? Was mich wundert; warum lassen sich viele zu Inserentenfutter machen und sind auch noch empört wenn ihnen mal vorgeführt wird was dort tatsächlich abgeht?

    Sicher gibt es Beiträge die einen Sachverhalt einigermaßen realitätsnah abbilden. Wenn es zufällig dem Produkt dient. Das ist aber beim Mollath Prozess so wenig wie in der „Ukraine“ der Fall.

    Sie können sich sicher sein das die Verleger und die Chefredaktion diese Lügen decken. Das war schon immer so und wird auch so bleiben.

    Nur gibt es heute Webseiten wie die von Frau Wolff wo mit viel Aufwand und Fachkenntnis (die einem Journalisten nur im Weg stehen würde) einen einfacher Satz zur Anwendung kommen lassen.

    Wahrheit ist nachprüfbar.

  9. brain sagt

    Als langjährige Journalistin bin auch ich über die Berichterstattung der Kollegen Lapp und Lakotta konsterniert. Zumal ich bei Beate Lakotta schon einmal auf sehr befremdliche Weise damit konfrontiert wurde, dass sie eine Lobby verteidigt, die aus journalistischer Sicht durchaus kritisch durchleuchtet werden sollte. Auch damals zeigte sie keinerlei Empathie mit den Geschädigten.
    Meine Konsquenz ist: ich werde jetzt mein Jahrzehnte lang existierendes Spiegel-Abonnement kündigen.
    Wenn es nicht die minutiöse Berichterstattung in den blogs von Prof. Müller und Pascal Durain in der Mittelbayerischen Zeitung gäbe, könnte man sich gar kein Bild vom Prozess machen.. Zum Beispiel, ob es sich unter Umständen um gedungene Zeugen handelt oder nicht.
    Vielleicht ist mir irgendetwas entgangen: Hat man eigentlich je die Namen der von Mollath genannten Personen (die Schwarzgeld verschoben haben sollen) überprüft und ihre Beziehung zu den Zeugen recherchiert? Das hielte ich – wenn es noch nicht passiert ist- für dringend notwendig.

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