Fall Mollath
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Die Logik der Macht

„Es gibt keine Willkür!“ Das ist die gesamte Erkenntnis, die die Psychiatrie aus dem Fall Mollath zu ziehen scheint. Dr. Josef J. Leßmann, Ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, konstatierte dies ziemlich genau vor einem Jahr. Das Idealbild, das zahlreiche Psychiater seitdem zeichnen, ist jedoch reichlich verzerrt. „Ein Gutachten ist wissenschaftlich fundiert, und ein Gutachter versucht, sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen“, so Leßmann. Die Realität sieht hingegen völlig anders aus. Solange Psychiater keine Krankheitseinsicht, also kritische Selbstreflexion der Grenzen und Möglichkeiten der eigenen Profession zeigen, solange muss die Psychiatrie als willkürlich und dadurch gefährlich gelten. Die Psychiatrie scheint ein Fall für den Maßregelvollzug zu sein.

Gutachter haben qua ihrer Expertise die Macht, über die Existenz eines Menschen zu entscheiden – auch wenn man sich aktuell dahinter zu verstecken versucht, dass ja die Richter urteilen und nicht die Gutachter. Angesichts der tatsächlichen Wirkungsmacht der Gutachten liegt diese Schutzbehauptung erschreckend weit entfernt von der erfahrbaren Realität. Insofern ist der Versuch der psychiatrischen Gutachter, sich damit herauszureden, eher beschämend und unwürdig. Offensichtlich akzeptiert man ganz gern die Vorzüge des Gutachterwesens, möchte aber keinesfalls die Verantwortung für die Gutachten tragen. Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, hat in einem Artikel in der ZEIT eine mittlerweile vielzitierte Sentenz geäußert: „Psychiatrische und psychologische Sachverständige sind: selbstgewiss, kompetenzüberschreitend, unbescheiden. Das gilt selbstverständlich nicht dem Einzelnen, sondern dem Prinzip. Wer alles weiß und darf, hat keinen Grund zur Bescheidenheit.“

Wer alles weiß und alles darf, entwickelt sowohl in der Profession wie auch individuell eigene Strukturen. So entstehen über die Jahre und Jahrzehnte, Generationen übergreifend, Berufsstrukturen (Auswahl des Personals), Wissenschaftsstrukturen (Auswahl der Lehrbücher, institutionelle Lehre) und gegenseitig bedingt Persönlichkeitsstrukturen (professioneller Habitus) der involvierten Psychiater. Kurz: wer alles weiß und alles darf, entwickelt auch eine eigene Wahrnehmung, eigene Wertmaßstäbe und eine ganz eigene Logik. Es ist eine Logik der (fast) grenzenlosen Macht, eine Logik totaler Institutionen (Psychiatrien, Gerichte, Gefängnisse) und eine Logik totaler Situationen (Begutachtungen, Be- und Verurteilungen). Die Macht der Psychiatrien und Psychiater ist allerdings nur deshalb grenzenlos, weil sie sich in einer wenig kontrollierten Parallelgesellschaft abspielt. Unsere Gesellschaft schiebt die Störenden, die Kranken, die Anderen möglichst weit weg. Am besten in eigene Einrichtungen, umgeben mit hohen Mauern. So muss man die Anderen nicht einmal mehr sehen und wird auch nicht ständig mit einem schlechten Gewissen geplagt.

Unsere Gesellschaft zeichnet sich dem Anschein nach durch religiös motivierte Nächstenliebe, aufgeklärten Humanismus oder wenigstens politisch-normierter Gleichwertigkeit aller Menschen aus. Doch klaffen Anspruch und Wirklichkeit immer noch weit auseinander. Dadurch, dass Unliebsames an die Ränder der Gesellschaft gedrängt wird, liegt auch weniger Aufmerksamkeit auf diesen Geschehen und den davon betroffenen Menschen. Und ohne Aufmerksamkeit, ohne vernünftige Kontrolle entwickeln sich immer Eigendynamiken, die aufgrund der mit- und gegeneinander gerichteten Wünsche, Hoffnungen und Motive zahlreicher involvierter Menschen zu Ergebnissen führen, die so zwar niemand gewollt hat, die dann aber eine neue Wirklichkeit schaffen. Je unkontrollierter, desto mehr Eigendynamik. Der Fall Mollath bietet hier eine seltene Möglichkeit, die Logik der Macht zu analysieren, wie sie sich u.a. in den Gutachten offenbart.

Bei jeder Aussage, die Menschen über Menschen treffen, gilt:

Wenn Peter etwas über Paul sagt, erfahren wir mehr über Peter als über Paul.1

Dieses Bonmot bedeutet, dass in jeder beurteilenden Aussage mehr über die Werte und damit den Bewertenden herauszulesen ist, als über den Bewerteten. Ob das Urteil zutrifft und „objektiv“ Bestand hat, das kann von einem Zuhörer (Leser) nicht ohne weiteres nachvollzogen werden. Aufgrund welcher Einstellungen und Werthaltungen es zu solch einem Urteil gekommen ist, lässt sich hingegen aus dem Urteil selbst durchaus interpretieren.2

Bereits das Auswählen der deskriptiven Anteile für ein Gutachten ist ein Akt der Wertung. Welche Beschreibungen werden aufgenommen, welche werden weggelassen und warum? In welchen Zusammenhang werden die Deskriptionen gestellt? Gerade diese subtilere Form der Wertung spielt in den Gutachten im Fall Mollath eine große Rolle. Rudolf Sponsel nennt diese Form der Gutachten „Meinungsachten“. Ich bevorzuge eher davon zu sprechen, dass beim Leser der Gutachten bestimmte Stimmungen erzeugt werden sollen. Allein, die Auswahl der Beobachtungen und Beschreibungen sollen nicht die Grundlage für eine sachgerechte Analyse sein, sondern es soll vielmehr bereits hier eine Stimmung erzeugt werden, die die nachfolgende Bewertung notwendig erscheinen lässt. Man kann hier je nach Perspektive von suggestiver, unbedarfter oder manipulativer Vorgehensweise sprechen.

Dass die psychiatrische Begutachtung keineswegs wissenschaftlichen Standards genügt, soll im Folgenden anhand zentraler Beispiele des Falles Mollath aufgezeigt werden. Damit einher geht die Erkenntnis, dass psychiatrische Gutachten sehr wohl einen erheblichen Spielraum für Willkür zulassen.

Am Anfang der Psychiatrie-Karriere von Mollath steht die ärztliche Stellungnahme von Frau Krach, die als Ärztin in der Klinik am Europakanal arbeitet. Sie hatte eine Stellungnahme abgegeben, die ausschließlich auf den Aussagen der damaligen Ehefrau von Mollath beruhte. Nedopil hat diese Stellungnahme dennoch nachträglich in seiner psychiatrischen Stellungnahme vor Gericht geadelt: Die Aussage sei „medizinisch nachvollziehbar“.

Krach schloss nach einem Anamnese-Gespräch mit ihrer Bankberaterin:

„Aufgrund der glaubhaften von psychiatrischer Seite in sich schlüssigen Anamnese gehe ich davon aus, dass der Ehemann mit Wahrscheinlichkeit an einer ernstzunehmenden Erkrankung leidet, im Rahmen derer eine erneute Fremdgefährlichkeit zu erwarten ist.“

Wie kam Frau Krach zu der Annahme, dass die Aussagen schlüssig waren? Die, sich auch ansonsten hervorragend erinnernde, Zeugin gibt zu Protokoll:

„Also, die Anamnese, die die Frau Mollath von ihrem Mann gegeben hat, ist deswegen schlüssig, weil es einen Anlass gegeben hat, der einen Menschen sehr belastet. Die Geschäftsaufgabe und dann die Kompensationsmechanismen, mit denen man das kompensiert. Die haben hier vorgelegen, so dass ich eigentlich sagen muss, das ist hinsichtlich der Abläufe von ihr fast wie aus einem Lehrbuch geschildert worden, da ist von ihr eine Entwicklung dargestellt worden, die ein Laie so nicht wissen kann. Es gibt Untersuchungen zu psychiatrischen Verläufen, da stößt man immer wieder auf Details und auslösende Faktoren, das sind z.B. Tod oder Geschäftsaufgabe, existentielle Bedrohung oder Abhängigkeit. Was sich da so entwickelt, ich glaube, das kann man sich nicht anlesen.“ Wortprotokoll 4. Tag S. 56f.

Das ist wie aus einem Lehrbuch, das kann man sich nicht anlesen.

Vielleicht sollte man besser von der Unlogik der Macht sprechen. Offensichtlich reicht es Psychiatern jedenfalls aus, dass ihnen Schlüsselwörter genannt werden, um das Beschriebene als glaubhaft und als eine in sich schlüssige Anamnese zu bezeichnen. Mit dieser Methodik sind der Willkür und dem Missbrauch Tor und Tür geöffnet. So muss sich der Ankläger (wahlweise auch Denunziant) nur eine für Psychiater schlüssige und glaubhafte Geschichte ausdenken. Offenbar sind Psychiater der Meinung, dass dies nicht möglich sei und dass das Fachwissen eben vor solch einer Manipulation schütze. Diese Vorstellung entspringt einem anachronistischen Weltbild. Es ist die Vorstellung, dass nur Experten über das notwendige Wissen verfügen können, um eine in sich schlüssige Geschichte psychopathologischer Prozesse zu erzählen. Das ist jedoch völlig realitätsfremd. Psychopathologie, Schizophrenie und Wahnsinn sind Teil der Popkultur. Fiktive Mörder (Klassiker „Psycho“ von Hitchcock) oder echte Serientäter (Manson, Dahmer, Haarmann, Zodiac) wurden und werden in unzähligen Filmen verarbeitet. Film, Fernsehen und Literatur sind voll von der Anziehungskraft des Gestörten und deswegen nicht Nachvollziehbaren. Der Wahn macht Angst und Lust zugleich. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat auf ihrem Kongress 2013 dem Thema einen eigenen Topic gewidmet: Psychische Erkrankungen in Literatur, Film und Musik. Es ist zwar selbstverständlich meist eine groteske Schwarz-Weißzeichnung, die die Popkultur von psychischen Krankheiten zeichnet, aber die Psyche der Menschen ist Thema. Selbst das Zeitschriftensegment umfasst einige populärwissenschaftliche Magazine, die sich der Psyche der Menschen und damit auch deren Pathologien verschrieben haben. Mit ein wenig Recherche und Vorstellungskraft lässt sich sicherlich aus Reportagen, Filmen und einigen Ratgeberbeiträgen von Psychologie heute oder Emotion eine glaubhafte Geschichte erzählen.

Das Problem, das sich hier zeigt, ist einerseits, dass Psychiater bereit sind, schlüssige Erzählungen als ungeprüft glaubhaft zu akzeptieren und andererseits und auch viel erheblicher, dass psychiatrische Gutachter bereit sind, diese Aussagen auch noch ungeprüft zu übernehmen. Nicht nur, dass die erste ärztliche Stellungnahme hochgradig problematisch ist, da die Ärztin hier ausschließlich nach Angaben des vermeintlichen Opfers urteilt. In der Folge übernehmen die Gutachter auch noch ungeprüft diese Aussagen. Zumindest findet keine Distanzierung oder Relativierung statt. Die distanzlose Identifizierung unter Kollegen scheint ein wesentlicher Teil der Logik der Macht zu sein. Wer Teil hat am psychiatrischen Status und Charisma gilt per se als tadellos. Anstatt hier also kritisch mit Vorverurteilungen umzugehen, wird das einmal gefällte Urteil affirmativ übernommen.

Auch scheint es in der forensischen Psychiatrie nicht nötig zu sein, sich zu erklären. Auch hier ist es die Logik der Macht (Struktur), die Logik der Emotionen (Erfahrungen der Strukturen). Wer unangreifbar, unkontrollierbar von oben herab agieren kann, der hat gar keine Notwendigkeit, sein Vorgehen nachvollziehbar zu gestalten. Der König erklärt seinen Untertanen ja auch nicht sein Vorgehen. Der Psychiater als absolutistischer Herrscher und die Psychiatrie als sein königlicher Hof. Zumindest im Falle der Gutachter in diesem Verfahren ist dieses Bild nicht allzu schief gewählt.

 „Alles ist vollkommen korrekt gelaufen“

Aufgrund des essayistischen Gutachtens von Klaus Leipziger wurde Mollath in den Maßregelvollzug eingewiesen. Und während es zahlreiche Kritik am Gutachten wie auch an den folgenden Gutachten gegeben hat, äußerte sich Leipziger vor einem Jahr gegenüber dem Focus: „er habe keine Fehler gemacht. Psychiatrisch sei alles ‚vollkommen korrekt gelaufen‘“. Obwohl das Gutachten für jeden Laien ersichtlich defizitär ist, ist es dennoch sinnvoll, sich die profunden Kritiken und Analysen, z.B. von Frau Kutschke oder Herrn Sponsel, durchzulesen.

Die übersteigerte Selbstwahrnehmung einiger Psychiater („vollkommen korrekt“) spiegelt das Selbstverständnis einer Profession wieder, die es nicht gewohnt ist, Widerspruch zu erhalten. Wie auch. Behaupten Psychiater doch beständig, ausschließlich aufgrund ihres Experten- und Erfahrungswissens könnten sie die richtigen Beurteilungen treffen.

Für die Verurteilung und Psychiatrisierung Mollaths ist eine Stelle entscheidend im Leipziger Gutachten. Schließlich war es notwendig Mollath als wahnkrank zu diagnostizieren. So heißt es auf den Seiten 9 und 10:

„In einem weiteren Schreiben an den Präsidenten des Amtsgerichts Nürnberg, datiert vom 05.08.2004 mit der Oberschrift Strafanzeigen bzw. Strafanträge gemäß Strafprozessordnung § 158 (Bl. 224 ff) führt der Angeklagte u.a. aus, dass er die Verbindung von Dr. Wörthmüller zu den Schwarzgeldverschieberkreisen aufgedeckt hätte und nachweisen könne. Deshalb hätte sich Dr. Wörthmüller letztlich für befangen erklären müssen. Trotzdem hätte Dr. Wörthmüllcr vorher tagelang versucht. ihn zu folgender Abmachung zu bewegen: Er mache ein angeblich ,,harmloses“, für den Angeklagten passendes, Gutachten, dafür müsse er sich nicht für befangen erklären und die Verbindung zu den Schwarzgeldverschiebern würde unter ihnen bleiben. Als der Angeklagte über Tage, auch unter seelischer Folter, nicht auf den Handel eingegangen sei, sei ihm (Dr. Wörthmüller) nichts anderes übrig geblieben, als sich doch nachträglich für befangen zu erklären.“

Und auf Seite 26 schließt Leipziger:

 „Aus dieser Betrachtung resultiert als Ergebnis, dass der Angeklagte in mehreren Bereichen ein paranoides Gedankensystem entwickelt hat. Hier ist einerseits der Bereich der Schwarzgeldverschiebung zu nennen, in dem der Angeklagte unkorrigierbar der Überzeugung ist, dass eine ganze Reihe von Personen aus dem Geschäftsfeld seiner früheren Ehefrau, diese selbst und nunmehr auch beliebige weitere Personen, die sich vermeintlich oder tatsächlich gegen ihn stellen (müssen), z.B. auch Dr. Wörthmüller, der ursprünglich mit der stationären Begutachtung des Angeklagten beauftragt war, in dieses komplexe System der Schwarzgeldverschiebung verwickelt wären. Eindrucksvoll kann am Beispiel des Dr. Wörthmüller ausgeführt werden, dass der Angeklagte hier weitere Personen, die sich mit ihm befassen (müssen), in dieses Wahnsystem einbezieht, wobei in gerade klassischer Weise der Angeklagte eine für ihn logische Erklärung bietet, dass Dr. Wörthmüller ihm angeboten hätte, ein Gefälligkeitsgutachten zu schreiben, wenn der Angeklagte die Verwicklung Dr. Wörthmüllers in den Schwarzgeldskandal nicht offenbare.“

Die Stelle ist deshalb entscheidend, weil hier zwei zentrale Bedingungen für den Wahn gekennzeichnet sind. Einerseits die Schwarzgeldverschiebung, an der Mollath einfach festhält, und andererseits und für den Wahn und die Gefährlichkeit entscheidend: die Wahnausweitung auf andere Personen. Bereits zum Zeitpunkt der Gutachtenerstellung hätte Leipziger auf den zentralen Sachverhalt eingehen müssen, dass sich der als „Beispiel“ angeführte Dr. Wörthmüller selbst als befangen erklärt hatte. Da man doch gut miteinander bekannt war, schließlich hatte Wörthmüller Leipziger als Gutachter vorgeschlagen, hätte es doch ein Leichtes sein müssen, mal nachzufragen, wie es zur Befangenheit gekommen war.

Dennoch findet sich im Gutachten von Leipziger kein einziges Wort zur Relativierung der „Wahnausweitung“. Das ist deshalb von Belang, da die Ausführungen des Gutachtens wortwörtlich (inklusive der unterschiedlichen Rechtschreibung) in das Urteil aufgenommen wurden und somit entscheidend für die Verurteilung sind. Auch wenn die Gutachter weiterhin behaupten, die letztliche rechtliche Würdigung obliege dem Gericht. Das mag formal so sein, nur entbindet das nicht der eigenen gutachterlichen Verantwortung.

Es ist aber auch und vor allem deshalb von Bedeutung, da eben die Wahnausweitung auf Wörthmüller zu einem Aspekt des Wiederaufnahmeantrages der Staatsanwaltschaft wurde. So äußerte Wörthmüller auf die Vernehmung durch Oberstaatsanwalt Meindl:

 „Herr Mollath äußerte mir gegenüber, dass er eine Begutachtung grundsätzlich ablehne, weil er sie nicht für notwendig hält. Auch äußerte er Bedenken speziell bzgl. meiner Person als Gutachter. Er begründete dies damit, dass ich ja der Nachbar von Herrn Roggenhofer bin. Herr Mollath sagte, dieser Herr Roggenhofer gehörte zu den Kreisen, die genau mit den Schwarzgeldverschiebungen zu tun haben, gegen die er (Mollath) Vorwürfe erhebe, die keiner hören will. Mir selbst gegenüber hat er in unseren Gesprächen keine Vorwürfe dahingehend erhoben, dass auch ich an illegalen Bankgeschäften beteiligt bin.Wiederaufnahmeantrag StA Regensburg 18.03.2013 S. 96

Bei der Vernehmung Wörthmüllers ist also plötzlich gar keine Rede mehr von Wahnausweitung. In Beziehung setzen ist etwas anderes, als jemanden als zu einem Komplex von Verschwörern zugehörig zu erachten. Weiter heißt es auf Seite 96 des Wiederaufnahmeantrages:

„Ich habe mit Herrn Mollath gesprochen, ob es aus seiner Sicht denkbar wäre, dass ich den Gutachtenauftrag befolgen kann, wenn sich die Begutachtung auf die Herrn Mollath zur Last gelegten Taten beschränkt und sich die von ihm in den Mittelpunkt gestellte Thematik der „Schwarzgeldverschiebungen“ hint‘ anstellen lasse. Auch wollte ich prüfen, ob ich unter diesen Bedingungen seine Begutachtung durchführen kann, ohne mich selbst als befangen qualifizieren zu müssen. Ich stellte Herrn Mollath dabei in Aussicht, dass eine Begutachtung durch mich dann auch sehr schnell erfolgen könnte und Herr Mollath schon nach kurzer Zeit wieder entlassen werden könnte. Ich erklärte ihm auch, dass das aus meiner Sicht eine deutlich weniger belastende Vorgehensweise darstellen könnte. Dies bezeichnete ich gegenüber Herrn Mollath auch als ein Entgegenkommen (bei der Vielzahl meiner Termine). Ich hätte tatsächlich die Begutachtung des Herrn Mollaths beschleunigt durchgeführt. Wenn Herr Mollath das als „Gefälligkeitsgutachten“ ansieht, so mag das aus seiner Sicht nicht ganz abwegig sein.

Und dabei hatte Leipziger in seinem Gutachten schwadroniert, dass „in gerade klassischer Weise der Angeklagte eine für ihn logische Erklärung bietet, dass Dr. Wörthmüller ihm angeboten hätte, ein Gefälligkeitsgutachten zu schreiben, wenn der Angeklagte die Verwicklung Dr. Wörthmüllers in den Schwarzgeldskandal nicht offenbare.“

Es sind genau diese Konstruktionen, die die Psychiatrie in ein schlechtes Licht rücken. Aus einem nachvollziehbaren, wenn auch übertriebenen oder aus existentieller Angst motivierten Verdacht, wird eine Psychopathologie behauptet, gegen die – aufgrund fehlender Krankheitseinsicht – niemals mehr angegangen werden kann.

Selbstverständlich machen Menschen Fehler. Im Bereich der Psychiatrie sind diese Fehler aber nun einmal gewichtiger als in anderen Bereichen. Es ist aber nicht nur die arrogante, fehlende Einsicht in die eigene Menschlichkeit, die bei Leipziger zum Widerspruch provoziert. Es ist vor allem die Wagenburgmentalität, die bei allen involvierten Psychiatern zum Tragen kommt. Wird ein Fehler gemacht, dann müsste dieser eben so schnell wie möglich korrigiert werden. Doch davon ist im vorliegenden Fall nichts zu erahnen. Und hier offenbart sich ein systemisches Problem der Psychiatrie. Aufgrund der eigenen (empfundenen) Machtvollkommenheit hat sich kein wirksames Qualitätsmanagement, keine Fehlerkultur etablieren können.

Spätestens der aktuelle Gutachter Nedopil hatte genügend Material, um eben diese fundamentale Situationsbeschreibung kritisch zu betrachten. So schrieb die Staatsanwaltschaft auf Seite 99 des Wiederaufnahmeantrags zusammenfassend:

„Zumindest aus Herrn Mollaths Sicht war es aufgrund des Verlaufs und der Inhalte der zwischen ihm und Herrn Dr. Wörthmüller geführten Gespräche tatsächlich nicht abwegig oder gar wahnhaft, den Schluss zu ziehen, Dr. Wörthmüller habe ihm ein „Gefälligkeitsgutachten“ angeboten, weil er mit „Schwarzgeldverschiebern“ in Verbindung steht. Dies ist zwar objektiv falsch, eine derartige Fehleinschätzung war aber keineswegs wahnbedingt, sondern lediglich eine unzutreffende, objektiv betrachtet durchaus auch abwegige, aber zumindest logisch erklärbare Schlussfolgerung Herrn Mollaths aus realen Begebenheiten.“

Nedopil musste sich zu seiner Gutachtenerstellung nicht nur auf die Vernehmungen der Staatsanwaltschaft bzw. auf das Aktenstudium verlassen. Schließlich war Wörthmüller geladener Zeuge und wurde sowohl vom Gericht als auch von Nedopil selbst befragt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war es nicht mehr notwendig darüber zu spekulieren, ob Mollath Wörthmüller in seiner Wahnausweitung zu den Schwarzgeldkreisen hinzuzählte.

Laut Wortprotokoll vom 17. Juli äußert sich Wörthmüller auf Seite 28 wie folgt:

„Prof. Nedopil: Was hat er Ihnen konkret unterstellt?
Wörthmüller: Dass ich ja soweit mit Herrn Roggenhofer zu tun habe, wie er mir meine Verquickung vorgeworfen hat, so detailliert hat er das nicht ausgeführt oder ich habe es nicht mehr in Erinnerung.“

Wörthmüller konstatiert also, dass Mollath ihn nie direkt mit Schwarzgeldverschiebung in Beziehung gebracht hat, sondern mit Personen aus den Schwarzgeldverschieberkreisen und er sich an weitere Einzelheiten auch gar nicht erinnern könne, außer den bereits gegenüber der Staatsanwaltschaft getätigten Aussagen. Nedopil hätte hier der Widerspruch zu Leipzigers Gutachten auffallen müssen.

Es schließen sich einige Fragen an Wörthmüller an.

Prof. Nedopil: Was ist Ihnen jetzt bekannt geworden, was soll Ihre Funktion gewesen sein?
M. Wörthmüller: Ich kann es nicht mehr genau nennen. Ich weiß, dass er mich in einen Zusammenhang gebracht hat, dass ich damit was zu tun habe. Ich kann mich nicht erinnern, dass er das, was ich damit zu tun habe, näher benannt.
RA Dr. Strate:
Der Staatsanwaltschaft gegenüber haben Sie noch im letzten Jahr erklärt: „Mir selbst gegenüber hat er in unseren Gesprächen keine Vorwürfe dahingehend erhoben, dass auch ich an illegalen Bankgeschäften beteiligt bin.“
M. Wörthmüller: Er hat nicht gesagt, dass ich selbst da was gemacht habe mit eigenen Geschäften. Da kann ich mich nicht erinnern. Er hat es nicht ausformuliert.

RA Dr. Strate: Diese Aussage steht doch in klarem Widerspruch zu dem, was Sie eben sagten, dass Sie nach Mollaths Vermutung selbst beteiligt sein sollen an dem großen Skandal?
M. Wörthmüller: Nein, die ist so zu verstehen: Dass ich selbst Schwarzgeldgeschäfte getätigt habe, hat er mir nicht konkret vorgeworfen, aber dass ich irgendwie mit dieser Geschichte zu tun habe, das hat er nach meiner Erinnerung zwar nicht näher benannt, das hat er mir aber vorgeworfen.
Prof. Nedopil: Herr Mollath hat in verschiedenen Äußerungen gesagt, dass er die Befürchtung hatte, dass er verräumt werden sollte.
M. Wörthmüller: Ja.
Prof. Nedopil: Verräumt werden sollte – war das irgendwie Thema, Sie sind einer der Agenten, der im Auftrag von anderen agiert oder in Beihilfe oder mit Einwirkung der ….. oder sonst was bei der Verräumungsaktion eine Funktion hat?
M. Wörthmüller: Teilweise waren seine Äußerungen dahingehend zu verstehen, insbesondere mit seiner Annahme, es könnte Verbindungen zwischen mir und Frau Krach geben und dass ich auch hinter der Einweisung stehen könnte.

Dieser Gesprächsverlauf ist äußerst frappant. Wörthmüller kann sich zwar nicht erinnern, aber er kann alle wesentlichen Faktoren bestätigen, die Nedopil braucht, um die Wahndiagnosen von Leipziger und Nachfolgern zu bestätigen. Aus der ehemals formulierten Nachvollziehbarkeit des Empfindens und Verhaltens Mollaths werden im Wiederaufnahmeverfahren zur rechten Zeit wieder wahnhafte Wahrnehmungen und Verhaltensweisen. Man könnte fast geneigt sein zu vermuten, Nedopil und Wörthmüller hätten sich abgesprochen. Aber das wäre gar nicht notwendig, denn Nedopil verwendet einfach den fachspezifischen Sprachcode der Psychiater, um Wörthmüller bereits in der Frage zu signalisieren, welche Antwort er jetzt hören möchte: „Sie sind einer der Agenten…“ Wörthmüller weiß selbstverständlich, dass die Frage darauf abzielt, ob Mollath paranoide Symptome zeigte. Und während Wörthmüller zu keinem Zeitpunkt früher Ähnliches behauptete, reicht die kurze Antwort „Teilweise waren seine Äußerungen dahingehend zu verstehen…“, um die Diagnose von Leipziger aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die Ehrenrettung der Psychiatrie einzuleiten.

Und so kommt es, wie es kommen musste. Nedopil erstattet seine mündliche psychiatrische Stellungnahme und nimmt wiederum auf die Wörthmüller Episode Bezug.

Nedopil, der es in seinem Gutachten als »nicht nachvollziehbar« bezeichnet hatte, dass Mollath einen Psychiater in Verbindung mit Schwarzgeldverschiebung setzen konnte, reagiert trotzig auf den Vorhalt: »Die Ausführungen der Staatsanwaltschaft überzeugen mich nicht!« »Ich bin auch kein Psychiater!«, wirft der Oberstaatsanwalt ein. »Nein, Sie sind ein normal denkender Mensch!«, konstatiert Strate. Ursule Prem (Siehe hierzu auch Henning Ernst Müller)

Wozu gibt es eine ermittelnde Staatsanwaltschaft? Wozu werden Zeugen überhaupt noch befragt? Dem psychiatrischen Gutachter ist es also egal, wenn die ermittelnden Staatsanwälte zu einem gänzlich anderen Ergebnis kommen. Es ist ihm auch egal, dass der Betroffene selbst geäußert hat, dass Mollaths Verhalten nachvollziehbar sei, wenn auch nicht richtig. Und was macht der Gutachter daraus: „Die Ausführungen überzeugen mich nicht!“ Auf welcher Grundlage kann ein Gutachter solche Aussagen treffen? Es ist eine rein subjektive Meinung, die keiner Beweisführung fähig ist. Es ist eine Aussage, die jeglicher Überprüfbarkeit entbehrt. Die Wirklichkeit ist diskursiv. Sie wird im diskursiven Prozess zwischen Menschen konstruiert. In diesem Fall sind sich alle einig. Nur der Gutachter hat eine Privatrealität, in der er die Realität aller anderen nicht teilt. Die Ausführungen überzeugen eben nicht. Das hätte mal Mollath sagen sollen.

Noch eklatanter wird das willkürliche Gebaren Nedopils in Anbetracht des schriftlichen Gutachtens.

So schreibt Nedopil auf Seite 98/99

„Für einen Psychiater wirkt die Situation jedoch dann pathologisch, wenn sich das Denken des Betroffenen in einem geschlossenen System bewegt, in dem alle Erlebnisse, Vorkommnisse und Verhaltensweisen der Umwelt mit Hilfe dieses Systems erklärt werden. Entscheidend ist somit für die damalige Diagnose aus retrospektiver Sicht nicht, dass Herr Mollath Geldverschiebungen seiner Frau in die Schweiz behauptete oder dass sie die HypoVereinsbank, ihren Arbeitgeber, hinterging, sondern dass diese „Geldverschiebungs-machenschaften“ und deren Verdeckung und Vertuschung nahezu alle Ereignisse, die Herrn Mollath widerfuhren, erklären konnten und dass er für andere Erklärungsmodelle praktisch nicht zugänglich war. Dies wird sehr deutlich im Umgang mit der Befangenheitsanzeige des Herrn Dr. W. Zweifelsohne kann ein Gespräch mit einem befreundeten Nachbarn über einen zu Begutachtenden dann den Verdacht der Befangenheit begründen, wenn der Nachbar dem Gutachter zuvor seine Einstellung und sein Wissen über diesen Menschen mitgeteilt hat. Es ist sicher auch nicht ganz geschickt von einem Psychiater, der mit der Begutachtung beauftragt ist, den Eindruck zu vermitteln er wolle seinen Auftrag auf Fakten beschränken zu wollen, über die vorher mit dem Nachbarn nicht gesprochen wurde, wie Herr Dr. W. dies in seinen Vernehmungen bei der Staatsanwaltschaft Regensburg am 11.03.2012 angab. Gleichwohl ist es — zumindest wenn man den Aussagen des Herrn Dr. Wörthmüller folgt — falsch und widersinnig, dass Herr Mollath später erklärte, dass er die enge Beziehung des Dr. Wörthmüller zu seinem Nachbarn, Herrn R., aufgedeckt habe, zumal sich Herr Mollath und Herr Wörthmüller offensichtlich zufällig getroffen haben und Herr Mollath sich nach dem Haus von Herrn R. erkundigt hatte.  […] Dass Nachbarschaft keine geschäftliche Verbindung nahelegt und dass Gutachter sich in aller Regel nicht für rechtswidrige Geschäfte von Banken einsetzen und missbrauchen lassen, dürfte für die meisten Menschen einleuchtend sein. Der Schluss von einer engeren nachbarschaftlichen Bekanntschaft zur gemeinsamen Zugehörigkeit zu Geldschieberkreisen dürfte auch für die meisten Menschen abwegig sein. Dieser Schluss zeigt aber die Integration eines Erlebnisses in ein geschlossenes Denksystem, welches sich von der Realität, wie sie für die meisten Menschen zu erfahren ist, abhebt. Allerdings kann aus diesem Denken allein auch noch kein Wahn belegt werden, zumal im Vorfeld der Ereignisse eine Reihe von Initiativen von Seiten seiner Frau ausgegangen sind, die eine Unterbringung von Herrn Mollath in einem psychiatrischen Krankenhaus zum Ziel hatten, dass also durchaus Maßnahmen gegen ihn in die Wege geleitet wurden, gegen die er sich nicht wehren konnte und die auch andere Menschen hätten misstrauisch machen können.““ Quelle

Mit diesem unsäglichen Zurechtbiegen der Aussagen exkulpiert Nedopil Leipziger: retrospektiv war alles wieder einmal vollkommen korrekt. Lediglich allein daraus sei kein Wahn zu belegen. Die Begründung, die Nedopil an den Haaren herbeizieht, ist Ausdruck seiner beschränkten Weltsicht und sagt lediglich etwas über Nedopil selbst aus, aber ganz gewiss nicht über Mollath. Dies wird gerade dadurch frappant, dass Nedopil, um die retrospektive Diagnose aufrecht zu erhalten, massiv die Interpretation sowohl der Staatsanwaltschaft als auch Wörthmüllers selber ignoriert. So ist die Ausführung falsch, dass es sich lediglich um eine nachbarschaftliche Verbindung handelt. Wörthmüller hatte ja bestätigt, dass sein Nachbar eine Immobilie von ihm verwalten würde. Nicht, dass das verwerflich wäre, aber das ist nun mal eine geschäftliche Verbindung, die Nedopil negierte.

Vollends absurd wird es, wenn Nedopil fabuliert, „dass Gutachter sich in aller Regel nicht für rechtswidrige Geschäfte von Banken einsetzen und missbrauchen lassen, [dies] dürfte für die meisten Menschen einleuchtend sein.“ Wie war das noch gleich mit den vier psychiatrisierten Steuerfahndern? Das ist geradezu grotesk, wenn man bedenkt, dass es Nedopil selbst war, der die Steuerfahnder explorierte. Bei all diesen Widersprüchen bleibt einem nichts anderes übrig, als hier den erzwungenen Versuch zu sehen, die Kollegen reinzuwaschen und gleichzeitig kein weiteres Unheil anzurichten. Das ist natürlich nicht von außen erzwungen, sondern es ist ein Selbstzwang. Es ist die Wagenburg, die Nedopil mit errichtet. Und so bleibt es bei der Erkenntnis, dass, wenn es nach den Gutachtern geht, alles vollkommen korrekt verlaufen ist.

Um diese Einschätzung zu teilen, bedarf es lediglich einer ordentlichen Portion kognitiver Dissonanz. Oder wie ich es auch gerne nenne: professionelle Schizophrenie. Nedopil und Konsorten spalten, um ihrer Arbeit nachgehen zu können, einen Teil ihrer Gefühle ab. In diesem Fall wurde das Gewissen ein ordentliches Stück weit ausgeschaltet. Anders ist der massive Verstoß gegen die eigene Redlichkeit nicht zu verstehen.

Und so kulminiert Nedopils Stellungnahme in einer weiteren verblüffenden Argumentation.

„Der Inhalt der Schriftsätze geht jedoch in den Jahren 2004 und 2005 über das hinaus, was aufgrund des allgemeinen Menschenverstandes und auch aufgrund psychiatrischer Überlegungen als realitätskonform zu bezeichnen ist. So ist es nicht mit der Realität zu vereinbaren, anzunehmen, dass ein Arzt zu Schwarzgeldschieberkreisen gehört, nur weil er der Nachbar eines Mitarbeiters einer Bank ist, bei der möglicherweise Schwarzgeld verschoben wird, und es ist auch nicht mit dem allgemeinen Erfahrungshintergrund zu vereinbaren, dass ein Arzt im Sinne einer Bank begutachten würde, weil er ein Konto bei dieser Bank hat- Herr Lippert hat dies in der jetzigen Hauptverhandlung verneint. Erstere Überzeugung äußerte Herr Mollath in Bezug auf Herrn Dr. Wörthmüller, die zweitere in Bezug auf Herrn Lippert, der zudem kein Konto bei der hypo-Vereinsbank hatte, wie er hier betonte.“ Quelle

Die Wahnausweitung ist nun also nicht mehr beschränkt auf die Person Wörthmüller, wie es noch im Urteil von 2006 hieß, sondern wird nun durch Nedopil erweitert auf Lippert, was natürlich erheblich mehr argumentative Schlagkraft entwickeln soll.

Wie es der Zufall so will, hat auch hier ein Psychiater einem anderen Psychiater eine Steilvorlage gegeben. Auch hier muss man nicht von Absprachen ausgehen (angesichts dessen, dass sich mal wieder alle ganz gut kennen, wäre das aber auch kein Anzeichen für Wahn, insofern kann man es dennoch tun), denn ein Gutachter weiß selbstverständlich, was der andere Gutachter benötigt, um zum gewollten Ergebnis zu kommen.

 

Es lohnt sich den daran anschließenden kleinen Twitterdialog zu lesen.

 

Wer immer noch behauptet in der Psychiatrie gäbe es keine Willkür, hat wohl seine Privatrealität.

 

 

  1. Ich suche immer noch, mittlerweile seit wohl knapp 10 Jahren, wer dies, wo gesagt hat. Ich meine mich an Paul Watzlawick zu erinnern?! Aktuell findet man eine Zuschreibung zu Descartes. Und zu Spinoza (pdf) Angesichts der sich verdichtenden Hinweise scheint es tatsächlich Spinoza gewesen zu sein… []
  2. Natürlich immer unter der gleichen grundlegenden Erkenntnis: Wer urteilt, verrät mehr über sich, als über den Verurteilten. Deshalb ist es wichtig, die Urteile so dicht wie möglich zu beschreiben, damit sie für jeden nachvollziehbar sind und somit den Bewertungen zugestimmt werden kann, bzw. diese abgelehnt werden können. []

15 Kommentare

  1. themis sagt

    Vielen Dank für diese klare Analyse. Ich würde Ihnen nur in einem Punkt widersprechen. Die Ausschaltung des Gewissens erzeugt in einem Psychiater vermutlich keine kognitive Dissonanz, sondern ist sogar notwendig, da ja, laut Leipziger, die Gewissensstimme ein Anzeichen von Schizophrenie ist. Falls es nicht gelingt, die Gewissensstimme endgültig auszuschalten, ist die Dissonanz jedenfalls sehr tief vergraben. 😉
    Zu dem Peter-und-Paul-Satz: es handelt sich nicht um ein Zitat, sondern um eine Zusammenfassung der Lehrsätze 16 und 17 im zweiten Teil von Spinozas „Ethica more geometrico demonstrata“. Dort führt Spinoza aus, dass „daß die Ideen, die wir von äußern Körpern haben, mehr die Verfassung unseres Körpers als die Natur der äußeren Körper anzeigen“ (Lehrsatz 16, 2. Folgesatz). Im Lehrsatz 17 heißt es dann dazu: „Außerdem verstehen wir jetzt vollkommen (…) den Unterschied zwischen der Idee z.B. des Peter, welche das Wesen des Geistes des Peter selbst ausmacht, und zwischen der Idee von Peter, welche in einem andern Menschen, etwa in Paul, ist. Denn jene drückt das Wesen des Körpers des Peter selbst direkt aus und schließt die Existenz nur ein, solange Peter existiert. Diese dagegen zeigt mehr den Zustand des Körpers des Paul als die Natur des Peter.“ (Anmerkung zum zweiten Beweis, http://bdsweb.tripod.com/pdf/spinoza-ethik.pdf#page=133 )

  2. heinz sagt

    Wenn ich den Eindruck habe, dass mir ein Experte im beruflichen Bereich die „Geschichte vom Bären“ verkaufen will, frage ich ihn Immer: „Und wie würden Sie es gestalten, wenn Sie es für sich machen müssten…?“.
    Wie wir aus verschiedenen „unvorsichtigen“ Äusserungen von „namhaften“ Psychiatern erfahren haben, würden sich dieselben „niemals“ einer solchen „Befragung“ aussetzen. Durchaus nachvollziehbar und zudem erstaunlich vernünftig ! 🙂

  3. themis sagt

    Übrigens wird mir anhand Ihrer Darstellung jetzt endlich klar, was das Motiv von Lipperts‘ sonderbarem Tweet war, dem Sie ja auch vergeblich auf den Grund zu kommen suchten. Offenbar meint Lippert, in der Tatsache, dass er gar kein Konto bei der HVB hat, den letzten Beweis für Mollaths „beliebige Wahnausweitung“ gefunden zu haben – denn demnach hatte Mollath ja keinen sachlichen Grund, ihn in Verbindung mit Schwarzgeldverschiebung zu sehen. Offenbar hat Lippert versucht, diese frohe Botschaft per Twitter an die Öffentlichkeit zu bringen, vielleicht vor allem an die psychiatrische, und sich gleichzeitig mit Nedopil verabredet, dass dieser in seiner Stellungnahme auf die daraus folgende Wahnausweitung eingeht. Vielleicht sollte das der große Knüller werden? Nedopil hat allerdings nicht so recht mitgezogen, jedenfalls erscheint der Nebensatz „Herr Lippert, der zudem kein Konto bei der Hypo-Vereinsbank hatte, wie er hier betonte“ vergleichsweise lahm.

  4. KogniTief sagt

    Wieder einmal eine erstklassige Analyse!

    Mir fällt insbesondere noch auf, dass in diesem Sachverständigenbereich es wohl ausreicht, dass nur gewisse Schlüssel- und Reizwörter gebraucht werden müssen, um entweder die eigene Aussage als bestätigt darzustellen oder den Rezipienten eine Botschaft zu senden. Die Floskel „aus psychiatrischer Sicht“ reicht schon vollkommen aus, um die vorgebliche Richtigkeit der eigenen Aussagen vorauszuschicken und eine ordentliche Argumentation und Begründung nicht notwendig zu machen. Der Experte spricht! Das machte Frau Krach schon in der wohl wichtigsten Stellungnahme und das machte Wörthmüller im jetzigen Prozess.

    Nun wird sich ein weniger kritisch beschlagener Jurist (mangelndes Interesse, keine Zeit) ja genau dieser „psychiatrischen Sicht“ anschließen, weil es einer eigenen detaillierten Begründung dann nicht mehr bedarf oder er wird sich nicht in der Lage sehen, die Ansichten revisionssicher zu widerlegen. Vor allem die Äußerung über die „Uneinsichtsfähigkeit“, die immer wieder dafür gebraucht wird, die Krankheit als absolut und gegeben dahinzustellen, wird doch beim unbeschlagenen Jurist entweder als „logischer Schluss“ oder als „Nachweis“ angenommen. Man sieht es ja schön am Beispiel Brixner und Heinemann, die von natura aus schon ein heilendes Sendungsbewusstsein hatten und gar nicht dafür offen waren, dass vielleicht doch keine Krankheit vorlag. Brixner meinte:

    „Wenn Sie so weitermachen, kommen Sie nie wieder heraus«, prophezeit Richter Brixner. »Der Einzige, der helfen kann, sind Sie selbst – indem Sie eine Behandlung annehmen.«“
    http://www.nordbayern.de/nuernberger-nachrichten/nuernberg/im-wahn-verstrickt-1.2632947

    und Frau Heinemann (Wortprotokoll Tag 5, S. 38):

    „Und der Mollath war der Einzige, der alles verweigert hat. Ist ja bis heute noch so, soweit ich weiß, hat er, war er der Auffassung, dass er vollkommen normal ist anscheinend, und hat sich von uns eigentlich nur verfolgt gefühlt. Das war das Ungewöhnliche, dass man gar nicht zu ihm
    vordringen konnte, was jetzt vielleicht aus unserer Sicht für ihn empfehlenswert wäre.“

    Tja, und der Experte meint ja auch: Nicht einsichtig. Ha, ein Schlüsselwort, das kennen wir ja –> Urteil muss ungünstig ausfallen. Wir wollen sowieso nur helfen, aber es wird alles abgelehnt, dann hat er eben den Salat.

  5. Opfer staatlicher Willkür haben so gut wie immer eine verständliiche Tendenz, grundsätzlich erst einmal jede und jeden zu verdächtigen, an einem Komplott zu eigenen Lasten beteiligt zu sein. Falsche Verdacht ist überall dort etas Übliches, wo Dinge schräg laufen. Aus solchen Dingen eine Wahrnkranheit abzuleiten, um dann in Vewrbindung mit Bagatelldelikten oder unbewiesenen Straftaten zu sagen: „Der TYp ist gefährlich!“ – das ist nicht Wissenschaft, das ist autoritärer Irrsinn. Diese Art der PSychiatrie gehört schnellstmöglich abgeschafft, und ihre bisherigen vertreter gehören zumindest weitgehend in den Knast.

  6. Die Psychiatrie ist keine Wissenschaft, sondern eine dogmatische Lehre, wie Kirchenlehren, „Rassenhygiene“ und Marxismus-Leninismus. Die Psychiatrie kennt nicht einmal Krankheiten, die mit meßbaren Symptomen verknüpft sind, sondern hat sich ihre Krankheiten selbst erfunden. Das geht so: Verschiedene Fragen, meist zehn, werden genannt. Beispiel: „Ist der Proband in übertriebenem Maße selbstbewusst?“ Gibt der Psychiater ein „Ja“, dann fehlen (bei 10 Fragen) nur noch vier weitere „Ja“, damit der Psychiater sagen kann: Der Patient ist krank nach ICD-10-soundso. An diesem Beispiel wird klar, was alles faul ist:

    1. Eine Krankheit wird erfunden, dazu werden Teilaspekte des Verhaltens / Auftretens verwendet. Doch wer sagt denn, dass man zu selbstbewusst sein kann? Irgendein Oberpsychiater bestimmt das einfach, vielleicht deshalb, weil er sich über selbstbewusste Journalisten ärgert, die ihm unangenehme Fragen stellen. Auf diese Weise entstehen die „psychiatrischen Krankheiten“.

    2. Soll ein Psychiater nun bestimmen, ob jemand nach ICD-10-soundso krank ist, muss er also (zumeist 10) Fragen beantworten. Auch hier wird subjektiv geurteilt: Was dem einen an Selbstbewusstsein schon zu viel ist, kann dem anderen noch zu wenig sein. Man kann sagen: Selbst wenn die ICD-Fragenkataloge Sinn ergeben würden (was zu bestreiten ist), dann würde nur derjenige Psychiater korrekt nach ihnen urteilen können, der selbst 100%-tig im Lot ist, weil nur er jeweils beurteilen könnte, wann irgendein Verhaltensmerkmal zu stark oder zu schwach ausgeprägt ist.

    3. „Ein Apfel ist so viel wie eine Tomate und so viel wie eine Glühbirne!“ Auch diesen Vorwurf muss die Psychiatrie sich gefallen lassen: Wenn anhand von 10 Bewertungen geurteilt wird, dann wird der Proband bei mindestens 5 „ja“ als krank betrachtet, wobei es völlig egal, bei welche Merkmalen bejaht wurden. Erstens ist die Grenze willkürlich: Warum bei 5 „ja“, warum nicht schon bei einem, erst bei 6 oder gar erst bei 10? Entscheidet der Psychiater 4 mal klar für „ja“, 6 mal ganz knapp für „nein“, dann ist der Patient gesund. Entscheidet er 5 mal knapp für „ja“, 5 mal klar für „nein“, dann ist der Patient krank. Diesen Unsinn muss man sich vor Augen halten!

    Bemerkenswert ist es, dass ein absoluter Konsumidiot, dessen Hirn durch das Fernsehen komplett eingeseift ist, der noch an den Weihnachtsmann, den Osterhasen, Riochterin Barbara Salesch und die Tatort-Kommissare glaubt,der sich täglich von BILD manipulieren lässt und sein ganzes Geld zu einer Domina schleppt, die ihn windelweich prügelt, nach allen psychiatrischen Katalogen vor psychischer Gesundheit strotzen kann – der perfekte Untertan scheint dem Gesundheitsbild der Psychiatrie Pate gestanden zu haben.

    Siehe auch:

    http://kindesraub.de/cms/index.php/nutzungsgemeinschaft/gutachter-psychologen-psychiater-und-aerzte/gutachter-ueber-qquerulantenq

    • Naqtürlich kann man Gutachter austricksen, die sich darum bemühen, sich ein korrektes Urteil zu bilden. Wenn Sie aber allein einem Gutachter gegenübersitzen, der die Absicht hat, Sie zu einem gefährlichen Irren zu erklären und die Empfehlung zu geben, Sie wegzusperren, dann nützt es Ihnen auch nichts, wenn der Sie für völlig ungefährlich und geistig gesund hält.

      Genau diese Fälle haben drastisch zugenommen: Geringfügige und z.T. nicht einmal wirklich bewiesene Anlassstraftaten (u.a.: Aussage gegen Aussage-Konstellationen) werden vom Amtsgericht an das LG delegiert, damit man auch nach § 63 StGB wegsperren kann, und dort wird dann „kurze Fünfe“ gemacht. Dabei geht es oft um Fälle, in denen Menschen sich auflehnen, weil sie Opfer schwerer Staatswillkür geworden sind (ungerechtfertigte Herausnahme von Kindern aus der Familie z.B., der sog. Kinderklau, der für organisierte Seilschaften eine wahre Goldgrube ist) siehe z.B.:

      http://die-volkszeitung.de/jugendamt-familiengerichte/kinderklau.htm#text02

  7. In der Tat: bei der Einweisung kann man schlechte Karten haben, wenn unaufgedeckte Interessen des Begutachtenden( persönliche Beziehung zur Gegenseite, manchmal aber auch nur ideologischer Eifer) vorhanden sind. Auch hier glaube ich, daß man mittels geschickter Kommunikation vieles abwenden kann. Beispiel: nach Trennung von meiner Ehefrau hat diese mich angezeigt, sie vergiftet zu haben. Die Polizei hat ohne Ergebnis ein Jahr versucht, Gifte in von ihr angeschleppter Medizin zu entdecken, danach wurde das Verfahren eingestellt. Warum? Weil ich bei der Polizei konsequent jegliche Angaben zur Sache verweigert habe.
    Im Sorgerecht muß man halt mal klein beigeben und auf sein Kind verzichten, wenn man merkt, daß da ideologisch-persönliche Allianzen die Gegenseite begünstigen.

  8. Marcus Meier sagt

    Eine sehr gute Analyse ist Ihnen hier gelungen.
    Besonders interessant fände ich was man (als Nicht-Poltiker) konkret gegen diese Macht der psychatrischen Gutachter tun kann.

    Bringt es zum Beispiel etwas Politiker anzuschreiben? Mit Betroffenen Kontakt aufzunehmen?

  9. Sascha Pommrenke sagt

    Tatsächlich kann man Politiker direkt anschreiben. Auch wenn häufig gedacht wird, dass das doch nichts bringt, oder das man ja gar nicht „das Recht dazu hätte“. Der Fall Mollath und auch die Fälle Kulac und Hasselbauer zeigen doch gerade auf, dass Ungerechtigkeiten geschehen, weil niemand genau hinschaut. Insofern sind Mitteilungen an Politiker sicher nicht verkehrt. Allerdings sollte man gerade in diesem Bereich den Ton wahren, ansonsten wird man wohl schnell als „Querulant“ abgestempelt.

    • Gabriela DarkPrinzess sagt

      Ganz“aufrichtiges“DANKE fürs freischalten lieber Hr.Pommerenke.

      Hallo@ALL hier.
      Speziell an @Sascha Pommerenke+an @Marcus Meier,im Moment…
      Lsag.

      Die Opfernamen,die benannt wurden,sind mir auch bekannt.
      Die wurden eher durch Zufall bekannt,weil“ANDERE“die Öffentlichkeit massiv über Beziehungen angeschoben haben,und dies dann!erst Medienpublik geworden ist.

      Wir haben noch nicht mal eine gültige Verfassung.Dafür zigtausende sogenannte“Scheinurteile“Beugungen,Anwaltsparteiveräter massenweise!
      Schwerstkorrupte in der kompletten Gewaltenteilung +vorsätzlich gesteuerte Prozeßbetrügerei und noch:VIEL!massivere“schwerstkriminelle“in der gesamten“BRDDR-MAFIA-GmbH“… ;( .
      LEIDER!

      Ich hab diesen“wertvollen“Blog Jahre,zu spät gefunden..
      Hoffe mit helfen zu können,so gut möglich.

      „Logik der Macht“!,
      mit gelungenem sarkastischem O-Ton sehr gut getroffen.
      Verstehen die Wissenden SOFORT.

      Muß viel mehr verbreitet werden.
      Von mir sicherlich.

      Von mir“allerhöchsten“Respekt!,Hr.Pommerenke.
      Und bestimmt nicht nur:für diese analystische,kritisch durchdachte,von allen Sichtweisen erläutert+bestmögliche erarbeitete Erklärung.

      Große Anerkennung.
      Lieber Gruß

  10. Gabriela DarkPrinzess sagt

    Ich bin,zutiefst erschüttert…. ;(

    Find mich selbst wieder und bin macht-los,fassungs-los,ver-ge-waltet und leider mehr aber
    schuld-los und sicherlich hoffnungs-los.

    Ein lieber Gruß.

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