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Autoritäre Einstellungen in Deutschland 2014

Die sozialpsychologischen „Mitte“-Studien werden alle zwei Jahre bereits seit 2002 von der Universität Leipzig durchgeführt. Oliver Decker, Elmar Brähmer und Johannes Kiess stellen die Ergebnisse für 2014 vor und vergleichen diese mit den Ergebnissen der letzten zwölf Jahre. Dabei konnten in allen Bevölkerungsgruppen rechtsextreme Einstellungen festgestellt werden. Allerdings wurde ebenfalls ein Rückgang der rechtsextremen Dimensionen festgestellt.

Die Repräsentativerhebung umfasste 1.929 Personen im Westen und 503 Personen im Osten der Republik. Zu Repräsentativität, Stichprobe, Methodik siehe die aktuelle Veröffentlichung „Die stabilisierte Mitte Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014“ ab Seite 29. Der verwendete Rechtsextremismus-Fragebogen nutzt eine fünfstufige Likert-Skalierung und orientiert sich dabei an klassischen Fragebögen der Einstellungsforschung. Stellt dabei aber ein eigenständiges Instrumentarium dar.

Zentrales Ergebnis der Untersuchung sei „ein starker Rückgang bei allen rechtsextremen Dimensionen […] und somit weniger manifest rechtsextrem Eingestellte.“ Ob es sich dabei um veränderte Einstellungen, um verändertes Antwortverhalten oder wie es die Autoren der Studie interpretieren um die Verschiebung hin zu einem sekundären Autoritarismus handelt, soll im Folgenden genauer betrachtet werden.

Als weitere wichtige Erkenntnisse der Studie machen die Autoren aus, dass Bildung der wichtigste Schutz vor rechtsextremer Einstellung sei, dass rechtsextrem Eingestellte unter Wählern aller Parteien auszumachen seien, dass es deutliche Ost-West-Differenzen gibt und dass die Europäische Union skeptisch betrachtet wird.

Extremismus der Mitte – die Mitte-Studien

Die Bedohungen der Gesellschaft aus dem Inneren werden weitläufig mit extremen Bestrebungen der linken oder rechten Ränder des politischen Spektrums identifiziert. Dabei fokussieren Sicherheitsbehörden und Politik in Deutschland traditionell auf das linke Spektrum. Anikommunismus ist Teil des sozialen Habitus – des Nationalcharakters.

„Das Aufkommen der faschistischen Bewegungen jedoch führte dazu, dass von den Angehörigen eines bis dahin als des Extremismus unverdächtig geltenden sozialen Milieus eine massive Gefahr für die Demokratie ausging. Der US-amerikanische Soziologe Seymour Lipset ergänzte daher die Unterscheidung zwischen Links- und Rechtsextremismus um einen Extremismus der „Mitte“ (center, middle class): ‚Die klassischen faschistischen Bewegungen stellen den Extremismus der Mitte dar‘ (Lipset 1959).“Mitte Studie Seite 7

Der Extremismus der Mitte meint, dass eine bestimmte Form des Extremismus, besonders der Faschismus nicht durch monarchistisch-konservative oder sozialistische Positionen eindeutig gekennzeichnet ist, sondern sich in allen Bevölkerungsschichten und -milieus nachweisen lässt.

„Auch die Studien zum Autoritären Charakter kamen zu dem Schluss, dass die Bedrohung der demokratischen Gesellschaft von der Mitte der Bevölkerung ausgehe, denn faschistisches Gedankengut und autoritäre Einstellung ließen sich schon damals über die gesamte Breite der Gesellschaft nachweisen.“Mitte Studie Seite 8

Im Mittelpunkt steht die Vorstellung von der Ungleichwertigkeit der Menschen. Und so schließen die Autoren treffend:

„Der Extremismus der gesellschaftlichen Mitte findet seinen Ausdruck in rechtsextremen Positionen.“

Leipziger Rechtesextremismusfragebogen

Fragebogen_Leipzig

Zentrale Ergebnisse der Studie

Besonders interessant bei Grafik 1 ist, dass die direkte Zustimmung zu einer Diktatur mit 6,7 Prozent nur „gering“ ausfällt, während 15,6 Prozent eine einzige starke Partei zum Wohle der Volksgemeinschaft befürworten. Offensichtlich reagieren die Befragten sensibel auf bestimmte Begriffe. Es bleibt weiterhin ein grundlegendes Problem der Sozialforschung, dass Menschen bei Umfragen dazu neigen sozial adäquat, bzw. sozial erwünscht zu antworten. Diese Antwortverzerrung wird bereits hier deutlich. Der Begriff Diktatur ist negativ konnotiert und wird daher weitestgehend abgelehnt. Eine Einparteienherrschaft, die faktisch nichts anderes wäre als eine Diktatur, findet hingegen weitaus mehr Zustimmung. Und einen Führer kann sich immerhin etwa jeder 11. vorstellen.

Grafik_1_Mitte

Etwa jeder Dritte würde sich wieder über ein starkes Nationalgefühl freuen. Eine Entwicklung, die seit geraumer Zeit auch von weiten Teilen der politischen Klasse vorangetrieben wird. Nicht nur der angebliche Party-Patriotismus (pdf) seit der Weltmeisterschaft 2006 hat dazu beigetragen, auch die Reden des Bundespräsidenten und unzählige Artikel in Massenmedien wie Zeit, SZ u.v.m. Dass nur 21,5 Prozent der Befragten ein hartes Durchsetzen deutscher Interessen befürwortet, lässt den PR-Strategen um Deutschlands „Neue Macht. Neue Verantwortung.“ noch erheblich Raum für weitere Maßnahmen zur Beeinflussung und Manipulation der öffentlichen Meinung. Dieses Streben nach Macht und Geltung der deutschen Nation wird allerdings von Komplementärprozessen begleitet. Grafik_2_Mitte

Und so korreliert eine hohe nationale Identifikation mit Ausländerfeindlichkeit. 27,5 Prozent der Befragten empfinden eine Überfremdung, die gar gefährliche Ausmaße angenommen habe.

Grafik_3_Mitte

Das mag jedoch kaum verwundern, erücksichtig man die breite gesellschaftlcihe Akzeptanz der Abwertung und Ausgrenzung von „Ausländern“. Ein Blick in das Grundsatzprogramm der CSU ist erhellend.

„Die CSU vertritt einen Patriotismus, der von der Liebe zur Heimat, zur eigenen Kultur und zur gemeinsamen nationalen Identität geprägt ist. Wir bekennen uns zu einem Patriotismus mit Respekt für andere Kulturen und deren Werte, soweit sie sich nicht gegen unsere staats- und verfassungsrechtliche Ordnung richten. Wir lehnen jede Form von Nationalismus entschieden ab. Nationalismus hat keine Achtung vor anderen, er bekämpft andere Werte und andere Kulturen. Feindbilder, aggressives Verhalten und Angst vor dem Fremden beruhen oft auf Unwissenheit über die eigenen Wurzeln sowie über die anderer Menschen. Die CSU unterstützt einen Patriotismus des gelassenen Selbstbewusstseins.“

Der ideologisch motivierten Trennung von Patriotismus und Nationalismus folgt:

„Soziales Miteinander in Deutschland: weltoffen, aber nicht multikulturell. […] Wir wollen ein soziales und kulturelles Miteinander. Wir lehnen ein multikulturelles Neben- und Gegeneinander ab, weil es kalt und unsozial ist, die Solidarität unseres Volkes untergräbt und zu Intoleranz und Gewalt führt.“

Die Kulturen andere Länder, die Kulturen von Flüchtlingen und Migranten führen hernach zu Gewalt. Es ist nicht weit her mit dem „Respekt für andere Kulturen und deren Werte“. Nationalismus lehne man selbstverständlich wohlfeil ab. Multikultur allerdings weniger wohlfeil auch.

„Es muss uns allen Sorge bereiten, dass eine große Zahl von Zuwanderern nicht oder nur geringfügig integriert ist. Viele Migrantenfamilien leben in Parallelgesellschaften, häufig mit sozialen Problemen wie Bildungsarmut und hoher Arbeitslosigkeit. Zur Integration gehört, dass wir die Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen und Mädchen nicht dulden. Wir wollen allen Menschen Chancen auf ein selbst bestimmtes Leben eröffnen.“

Wer solche Ressentiments in sein Grundsatzprogramm aufnimmt, wer derart demagogisch mit den Ängsten von Bürgern spielt, der bekommt nicht nur seine politischen Mehrheiten, denen man in Bayern offensichtlich gewillt ist jeglichen Anstand unterzuordnen, man bekommt auch genau die Fremdenfeindlichkeit, die man sät. Es zeigt sich, dass es wohl wesentlich sachgerechter ist, Patriotismus und Nationalismus als ineinander verflochtene Einstellungen zu betrachten.

„Doch die Integrationsfähigkeit unseres Volkes hat Grenzen. Keine Gemeinschaft kann Menschen anderer kultureller Prägung in beliebiger Zahl integrieren. Wir stehen für das Asylrecht tatsächlich politisch Verfolgter ein. Wir setzen uns dafür ein, den Personenkreis und den Umfang der Zuwanderung entsprechend den Interessen unseres Landes und der gesellschaftlichen Situation zu begrenzen und zu steuern. Unser Land muss für Spitzenkräfte zugänglich sein. Wir wollen aber keine Zuwanderung, die unsere Sozialsysteme einseitig belastet.“

Die faktenfreie Stimmungsmache ist also Teil des Grundsatzprogramms einer etablierten Partei in Deutschland. Dieser „Exkurs“ dient als Illustration der Erkenntnisse der Mitte-Studie. Selbstverständlich lässt sich aus der Studie dieser Zusammenhang nicht herauslesen. Aber auf der Suche nach den gesellschaftlichen Bedingungen für persönliche Einstellungen, also beim Blick auf die Interdependenz von Sozio- und Psychogenese, mag es hilfreich sein, sich bestimmte Akteure zu vergegenwärtigen.

 

„Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“

Antisemitischen Äußerungen stimmt etwa jeder Zehnte zu. Dabei tritt Antisemitismus eher selten offen zutage. Auch wenn gerade 2014 ein Anstieg antisemitischer Aggression zu verzeichnen war. Die Expertenkommission des Bundestages konstatierte 2012, dass etwa jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist. Einen Überblick über die sehr differierenden Prozentangaben zum Antisemitismus hat Juliane Wetzel in einem hervorragenden Überblicksartikel für die Bundeszentrale für politische Bildung zusammengestellt.
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„Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen“

Sozialdarwinistische Äußerungen sind spätestens seit Sarrazin wieder salonfähig geworden. Dennoch werden auch die radikal rassistischen Äußerungen eher zurückhaltend geäußert. Die vermeintliche politische Korrektheit verlange dies. Und nur wenige haben den Mut, wie es CSU, AfD und NPD für sich reklamieren, die Wahrheiten aus- und anzusprechen. Dass Sarrazin dabei Sozialdemokrat ist, passt bestens zu den Befunden der Mitte Studie, die ja gerade den „Faschismus“, den Extremismus in der Mitte der Gesellschaft verortet.

Dabei erfüllen sozialdarwinistische Einstellungen vor allem eine Entlastungsfunktion. Wenn die Höherwertigkeit von Natur gegeben ist, dann kann man eben nichts dafür, wenn man sich über alle anderen stellt. Damit einher geht aber auch eine gefährliche „Befreiung des Gewissens“. Wenn es von Natur vorgesehen ist, dass sich der Beste oder Stärkste durchsetzt, dann kann dies eben auch aktiv gefordert und befördert werden. Der Umschlag von Ideologie in Handlung, von emotionaler Handlungsbereitschaft in die faktische Tat, ist im Sozialdarwinismus am ausgeprägtesten. Wobei natürlich Sozialdarwinismus nur eine Dimension im Gesamtgefüge der Einstellungen ist. Die Einteilung in wertvolles und unwertes Leben ist z.B. eng verbunden mit chauvinistischen Merkmalen der Höherwertigkeit, der als eigen definierten Gruppe.

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„Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“

Die explizite Verherrlichung oder Verharmlosung des Nationalsozialismus ist gesellschaftlich nicht akzeptiert, weshalb auch hier geringe Zustimmung zu erwarten ist. Dennoch ist immerhin jeder elfte der Meinung, dass der NS-Faschismus auch seine guten Seiten hatte. Dass nur sieben Prozent angeben, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien übertrieben dargestellt worden, will nicht so recht zu den Erfahrungen passen, die man in zahlreichen Foren bei unterschiedlichen Tages- und Wochenzeitungen machen kann. Aber hier gilt selbstverständlich, dass die Alltagserfahrung nicht unbedingt der beste Ratgeber für empirische Sozialforschung ist.

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Die Autoren der Studie führen auf Seite 39 an:

„Wertet man die Ergebnisse bezogen auf das Alter der Befragten aus, überraschen die Befunde. Während Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus bei den Befragten über 60 Jahren am stärksten ausgeprägt sind, sind die Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, der Sozialdarwinismus und die Verharmlosung des Nationalsozialismus Sache der Jüngeren und bei der Gruppe der 14- bis 30-Jährigen am stärksten ausgeprägt.“

Inwiefern das wirklich zu überraschen vermag, bleibt leider offen.

Die Ergebnisse der Studien im Zeitverlauf

Ab Seite 43 der Studie werden die Ergebnisse im Zeitverlauf von 2002 bis 2014 dargestellt. Und hier überrascht dann tatsächlich, das in allen erhobenen Dimensionen die Ausprägungen rückläufig sind. Von „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, „Chauvinismus“, „Ausländerfeindlichkeit“, „Antisemitismus“ über „Sozialdarwinismus“ und „Verharmlosung des Nationalsozialismus“ gibt es einen Rückgang. Teilweise sogar die niedrigsten Ausprägungen im gesamten Erhebungszeitraum.

Grafik 13 zeigt die extremen Einstellungen als „Gesamtkosntrukt“1 im Zeitverlauf.

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Demnach wären die manifesten rechtsextremen Einstellungen so niedrig wie nie zuvor. Ob es sich hierbei tatsächlich um eine Einstellungsänderung handelt, mag ich bezweifeln. Mir scheinen eher erhebliche Antwortverzerrungen entscheidend zu sein. Die Studie umfasst noch erheblich mehr Auswertungen, weshalb ich es dringend nahe lege, sich die Studie im Original anzuschauen.

Diskussion und Fazit der „Mitte-Studie“ 2014

Die Autoren der Studie verweisen in ihrer abschließenden Diskussion auf einen wichtigen Punkt2, der allerdings in der Rezeption der Studie etwas unterzugehen droht.

„Der hohe Anteil der Antworten, der auf die Kategorie „teils / teils“ entfällt (zwischen 12 % und 31 %), weist allerdings auf ein höheres rechtsextremes Potential hin. Der Inhalt der Aussagen wird geteilt, doch die Antwort-Skalierung gestattet es, sich abgeschwächt zu äußern. Diesen Effekt konnten wir bereits in der Vergangenheit durch den Vergleich der Einstellung mit den Äußerungen in unseren Gruppendiskussionen feststellen.“

„Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.“

Die Antwortverzerrung auf die ich hinwies, scheint sich genau hier wieder zu finden. Man schaue sich noch einmal den Fragebogen am Anfang an. Die Antworten, die sich „zurückhaltend“ mittig bzw. vermeintlich neutraler positionieren, sind teilweise frappierend. So geben 27,1 Prozent der Befragten an sie würden der Aussage „Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.“ teilweise zustimmen. Methodisch ließe sich hier diskutieren, ob es nicht sinnvoll wäre, auch diese Antworten zumindest in einem zweiten Auswertungsturnus als Zustimmung mitzuzählen. Inhaltlich ließe sich das bei den meisten Items wohl rechtfertigen. Zumindest müsste an wesentlich prominenterer Stelle auf diese Problematik hingewiesen werden. Ansonsten wird die Studie irreführend rezipiert, dass es in Deutschland einen erheblichen Rückgang autoritärer und rechtsextremer Einstellungen geben würde. Viel eher scheint es so zu sein, dass sich die Befragten zurückhalten und sich den sozial weniger sanktionierten „neutraleren“ Antworten zuwenden. Zwar wird in der Pressemitteilung auf den „Hohen Anteil Unentschiedener bei allen rechtsextremen Aussagen“ hingewiesen:

„Das weist auf die latente Bereitschaft vieler Menschen hin, rechtsextremen Aussagen zuzustimmen“, betont der Mitherausgeber der Studie, Prof. Dr. Elmar Brähler.“

Aber das trifft die Problematik nicht im Kern. Wie stimmt man denn der Aussage es gäbe wertvolles und unwertes Leben nur zum Teil zu? Es liegt näher zu vermuten, dass die Befragten aus Selbstwertschutzgründen eine sozial akzeptablere Antwort gewählt haben.

Ob es sich hierbei um einen sozialen Lernprozess handelt, der durch eine zunehmende „Allgegenwärtigkeit“ von Umfragen, Erhebungen, Meinungsumfragen und Evaluationen bedingt wird, sollte zumindest bedacht werden.

Die Autoren der Studie ziehen den Schluss:

„In der Sozialforschung ist bekannt, dass die rechtsextreme Einstellung in Zeiten der wirtschaftlichen Krise zunimmt. 2014 sehen wir den umgekehrten Fall: Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich bildlich gesprochen in einer Insellage. […]Daher gibt es 2014 eine gute Nachricht: Wie die Ausländerfeindlichkeit so nimmt auch die Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen insgesamt ab. Aber es gibt auch eine  schlechte Nachricht: Bestimmte Gruppen von Migrantinnen und Migranten werden umso deutlicher diskriminiert. Dieser Befund bedeutet zunächst, dass die Empfänglichkeit für die Ideologie der Ungleichwertigkeit weiterhin vorhanden ist, auch wenn sie im Rechtsextremismus-Fragebogen weniger stark sichtbar ist als in den Vorjahren.“

 

„Das bundesdeutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre legitimierte die junge Demokratie durch eine starke Ökonomie und schuf gleichzeitig – als narzisstische Plombe – Ersatz für verlorene Größe (Decker et al. 2013b). Nun wird sichtbar, dass die Ökonomie mehr als eine Plombenfunktion hat. Die Identifikation mit dieser Autorität gestattet dem Einzelnen die Teilhabe an ihrer Größe und Stärke. Die Abnahme der rechtextremen Einstellung bei gleichzeitiger Zunahme der Abwertung bestimmter Gruppen ist nicht nur eine Verschiebung auf ein anderes Objekt. Im Ressentiment gegen bestimmte Gruppen selbst unter besten Bedingungen zeigt sich eine autoritäre Dynamik, wird ein sekundärer Autoritarismus erkennbar. Was landläufig als „Ökonomisierung“ kritisiert wird, ist faktisch die Durchsetzung des Primats einer sekundären Autorität. Die Unterwerfung unter eine Autorität – ob personell oder sekundär – hat stets eine psychische Wirkung. Auch die sekundäre Autorität setzt sich auf Kosten individueller Lebensentwürfe und Wünsche durch, was nicht ohne Aggressionen bei denen, die sich dieser Rationalität unterwerfen, abläuft. Zur autoritären Dynamik gehört, dass sich die Aggressionen nicht gegen die Autorität selbst richten,sondern gegen andere Objekte. 2014 sind das konkret Asylsuchende, Muslime und Muslima, Sinti und Roma.“

So treffend mir die Analyse erscheint, so sehr wirkt sie auch auf die sekundäre Autorität hin konstruiert. Norbert Elias hat in Etablierte und Außenseiter (präziser: im Maycomb-Modell) darauf hingewiesen, dass Menschen sich an einem Schema von Selbstwerten ausrichten. Die gesellschaftlichen Schemata sind der Orientierungs- und Wertemaßstab an dem sich die Mitglieder der Ingroup, der als „Wir“ definierten Gruppe ausrichten. Gesamtgesellschaftlich gibt es zahlreiche Strömungen, unterschiedliche Wertemaßstäbe. Dabei können die unterschiedlichen Maßstäbe auch miteinander konkurrieren, was nicht nur zu Zielkonflikten führen kann, sondern zu ernsthaften Auseinandersetzungen.

Das Selbstwertmotiv

Die oben zitierten Ausführungen könnte man also auch so interpretieren, dass sich das Schema der Selbstwerte verändert. Während noch bei den urspünglichen Sozialforschungen zum autoritären Charakter (siehe auch den Beitrag zum autoritären Charakter) die Identifikation über den Führer und die Unterwerfung unter die persönliche Autorität vorherrschte, hat sich dies mittlerweile geändert. Das Schema der Selbstwerte entsprach zu Zeiten der Sozialforschung Fromms und Adornos noch dem der autoritären Familie. Gehorsamkeit war ein Ideal. Die Keimzelle des Faschismus war die autoritäre Familie.

„Mittlerweile haben Markt-, Leistungs- und Wettbewerbsideale andere Werte verdrängt.“

Mittlerweile haben Markt-, Leistungs- und Wettbewerbsideale andere Werte verdrängt. Und genau an diesen gesellschaftlichen Werten richten sich nun auch die Schemata der Selbstwerte aus. Es handelt sich demnach nicht um eine Verschiebung von einer primären auf eine sekundäre Autorität, sondern vielmehr um eine Verschiebung der Schemata der Selbstwerte. Während einst die Unterwerfung unter die Autorität des Vaters, des Offiziers oder des Führers den Selbstwert erhöhte, qua vermeintlicher Teilhabe am kollektiven Charisma, ist es nun die Unterwerfung unter die Marktlogik, die das Bedürfnis nach einem positiven Selbstwert zu befriedigen vermag.

Die Autoren schreiben:

„Die wirtschaftliche Stärke bezieht ihre legitimierende Funktion nicht allein aus den Möglichkeiten des persönlichen Konsums. Das war weder in der Nazi- noch in der Nachkriegszeit der Fall und auch heute beobachten wir die große Bedeutung des ideellen Gewinns, den sie Deutschen aus ihrer Wirtschaftsmacht ziehen. Das Bedürfnis nach Identifikation mit Stärke und Macht kann befriedigt werden, und der Kontrast mit den europäischen Nachbarländern, die noch mit den Folgen der Wirtschaftskrise zu kämpfen
haben, verstärkt diese stabilisierende Wirkung.“

Das vorherrschende Schema von Selbstwerten ist das der Leistungsfähigkeit. Vor allem der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der in Zeiten des unbedingten und alternativlosen Wachstums alles andere untergeordnet wird. Dieses Ideal gilt dabei als universelles Gebot. Während es aktuell inopportun ist Deutschland als politische oder gar militärische Weltmacht zu wünschen und zu fordern, verspricht die Ersetzung des Wunsches durch das Ziel Wirtschaftsmacht oder Exportweltmeister wiederum affektive Gratifikation. Es wäre nicht unangebracht von kollektiver Sublimierung zu sprechen, ohne damit zu werten.

Das universelle Bedürfnis nach einem positiven Selbstwert findet im Autoritarismus seine normal-pathologische3 Ausformung. Den eigenen wie kollektiven Wert zu erhöhen, gelingt am einfachsten und schnellsten über die Abwertung einer als Fremd definierten Gruppe. Während es „traditionell“ Juden waren, die als fremd und minderwertig stigmatisiert wurden, sind an diese Stelle nun vermeintliche Islamisten oder Salafisten gesetzt. Gleichzeitig versuchen wirkungsmächtige Gruppierungen eine christlich-jüdisch abendländische Tradition zu etablieren, die Juden explizit in die Ingroup mit aufnimmt. Anitisemitismus will man sich nicht mehr vorwerfen lassen.

Es bleibt fragwürdig, ob sich tatsächlich die Selbstwertschemata geändert haben und damit die Einstellungsmuster, oder ob es sich hierbei lediglich um taktische Formierungen handelt, um sich in den vermeintlich anstehenden gesellschaftlichen Auseinandersetzugnen die entsprechenden Mehrheiten zu verschaffen. Hier würde die Gefahr liegen, dass die gegenwärtigen „Bündnisse“ alsbald wieder aufgekündigt werden. Kurz: Die wohlfeile Integration der jüdischen Tradition und des Judentums in ein gemeinsames abendländisches Narrativ, erscheint nur im Fokus der gegenwärtigen Islamophobie, gewollt. Ganz nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Fazit

Die Mitte-Studie bietet einige interessante Daten und vor allem sehr interessante theoretische Überlegungen, die zum Diskutieren anregen. Gerade die einleitenden Ausführungen sind besonders zu empfehlen. Das Modell des sekundären Autoritarismus mag mich zwar nicht überzeugen, hingegen teile ich die Gedanken zur Wirkungsmächtigkeit dessen, was allgemein als „Wirtschaft“ oder „Ökonomie“ verdinglicht wird. Letztlich sind wirtschaftliche Zusammenhänge nichts anderes als Zwänge, die Menschen auf Menschen ausüben, weshalb ich die Verschiebung bzw. prozessuale Veränderung des Wertemaßstabes für eine zielführendere Erklärung halte.

Das Herausarbeiten der unterschiedlichen Schemata der Selbstwerte, der konfligierenden und einander verdrängenden Wertemaßstäbe würde m.E. weiterführende Einsichten in gesellschaftliche Bedingungen für autoritäre wie rechtsextreme Einstellungen bieten. Je pluralistischer die Gesellschaften, desto pluralistischer sind auch die Selbstwertschemata. Es ist an den Sozialwissenschaften herauszuarbeiten, welche Schemata dominant werden und welche, wie und warum marginalisiert werden. Die sozialpsychologischen Überlegungen der Studie sind hier nicht nur wertvoll, sondern leider auch selten geworden. Seite 15 bis Seite 25 sind in ihrer Kompaktheit, Verständlichkeit und profunden Anführung zenraler Theorien zum Selbstwert (inklusive der in Deutschland selten anzutreffenden Terror Management Theorie) ein Lesevergnügen.

Entkleidet man den „sekundären Autoritarismus“ seiner verdinglichenden Elemente und konzentriert sich auf die Kernaussage, bietet das Konzept zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten.

„Dieser [sekundäre Autoritarismus] bezieht seine Kraft nicht aus der Identifikation mit einem Führer, also einer personellen Autorität, sondern aus der Identifikation mit der Größe und Stärke der Wirtschaft und der Gewalt des Marktes. Diese sekundäre Autorität kann wie vormals die primäre Autorität den Verzicht auf eigene Wünsche und individuelle Lebensentwürfe einfordern und stellt zur Entschädigung die Teilhabe an seiner Macht in Aussicht. Die Teilhabe kann (muss aber nicht) in konkreter Alimentierung bestehen. Nur schwach darf das Selbst-Objekt des Marktes nicht werden, sonst führt die Wut über die eigene Unterwerfung unter eine versagende Autorität zur Aggression gegen diejenigen, die depriviert sind und doch die Phantasie wachrufen, das schöne Leben ohne Unterwerfung zu haben.“Mitte Studie Seite 25

 

 

 

 

Pressemitteilung der Universität Leipzig zur Veröffentlichung der Studie

Die stabilisierte Mitte | Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014 (pdf)

 

  1. Hierfür wurde ein Durchschnittswert gebildet, so dass jeweils der Prozentsatz derjenigen Befragten angegeben ist, die im Durchschnitt allen 18 Aussagen des Fragebogens zustimmten. Dafür wurden die Antwortmöglichkeiten 1 („lehne völlig ab“) bis 5 („stimme voll und ganz zu“) addiert (Maximalwert = 90). Ab einem Wert größer 63 sprechen wir von einem manifest rechtsextremen Weltbild. | Mitte-Studie S.47 []
  2. S.60 []
  3. im Sinne von gesellschaftlichen Bedingungen der Notwendigkeit []

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